Panorama

„Prisoner“ in der ARD: Katz-und-Maus-Spiel in Handschellen

Immer aneinander gekettet: Ein Ex-Auftragskiller und eine Justizbeamtin fliehen vor einem verbrecherischen Syndikat – und geraten in einen Strudel aus Gewalt und Verrat. Ein Kampf ohne Ausweg?

18.06.2026

Die sechsteilige Serie erscheint am 19. Juni in der ARD-Mediathek.Otto Bathurst/Sky UK/ARD Degeto/dpa

Die sechsteilige Serie erscheint am 19. Juni in der ARD-Mediathek.Otto Bathurst/Sky UK/ARD Degeto/dpa

© Otto Bathurst/Sky UK/ARD Degeto/dpa

„Hast du so einen Transport schon einmal gemacht?“, fragt die junge Amber Todd ihren Kollegen, sichtlich verunsichert. Der erfahrene Justizbeamte Joe Sutherland verneint. Dabei haben die beiden schon viele Straftäter in ihrem Transporter von A nach B gebracht. Doch welchen Mann sie in diesem Fall aus dem grauen Haus in der englischen Einöde in das Londoner Gericht Old Bailey bringen sollen, wissen sie zunächst nicht. Das wird ihnen erst dann so richtig klar, als es kurz darauf zur Tragödie kommt - und Amber fortan an der Seite des Schwerstkriminellen Tibor Stone um ihr Leben kämpfen muss.

Die Serie „Prisoner - Auf der Flucht“ erzählt in sechs Folgen die Geschichte von Amber (Izuka Hoyle, „The Outrun“) und Tibor (Tahar Rahim, „Der Mauretanier“), die unterschiedlicher nicht sein könnten und gezwungen sind, gemeinsam dem skrupellosen Verbrechersyndikat „Pegasus“ zu entkommen: er als eiskaltes Ex-Mitglied und wichtiger Kronzeuge, sie als prinzipientreue Justizbeamtin. 

Die britische Produktion, die in Koproduktion mit der ARD Degeto Film entstand, ist ab 19. Juni in der ARD Mediathek zu sehen und wird ab 24. Juni auf Das Erste ausgestrahlt. Regie bei den ersten drei Folgen führte der Brite Otto Bathurst („Robin Hood“), die Folgen vier bis sechs stammen von der erfahrenen deutschen Krimi-Regisseurin Pia Strietmann („Herrhausen - Der Herr des Geldes“, „Tatort“). 

Bekanntes Erzählmuster mit ungewöhnlichem Twist

Eine deutsche Beteiligung gibt es allerdings nicht nur hinter der Kamera: Leonie Benesch („Lehrerzimmer“, „Babylon Berlin“) überzeugt in der Rolle der kaltblütigen Auftragskillerin Nina Drâgus, die alles daran setzt, Amber und Tibor zu finden. Stets versucht Nina, dem hochintelligenten Tibor einen Schritt voraus zu sein. Das Problem daran: Er selbst war es, der sie zur Auftragsmörderin ausgebildet hat, bevor sie zu Feinden wurden. „Du siehst scheiße aus“, begrüßt sie ihren ehemaligen Mentor emotionslos.

Die Handlung überrascht eingefleischte Thriller-Fans auf den ersten Blick nicht. Schließlich ist die Flucht eines Ex-Verbrechers vor seinen ehemaligen Verbündeten ein gängiges Erzählmuster des Genres. Das Besondere an „Prisoner“: Die beiden Hauptfiguren sind mit Handschellen aneinander gekettet und können den Kampf ums Überleben nur gemeinsam bestreiten.

Und der hat es in sich: Immer wieder muss das ungleiche Duo fliehen und Amber dabei oft ihre Prinzipien über Bord werfen, um zu überleben - schließlich wartet zu Hause Freund Olly mit dem sechs Monate alten Baby. Wenig überraschend bekommen die Zuschauer dabei oft blutige und brutale Szenen zu Gesicht - etwa als Tibor mit einem Teelöffel bewaffnet mehrere „Pegasus“-Anhänger tötet und Amber nur die Augen verschließen kann. Die dramatische Musik wirkt dabei mitunter etwas überzeichnet.

Währenddessen droht den Ermittlern ohne ihren Kronzeugen Tibor ein Versagen im Prozess gegen „Pegasus“-Anführer Harrison Dempsey (Brían F. O’Byrne), dem jedes Mittel recht ist und dessen Sohn Probleme bereitet. Die Ermittler stehen indes vor einem möglichen Justizskandal. Denn innerhalb der fiktiven NCU (National Crime Unit) scheinen nicht alle am gleichen Strang zu ziehen - und „Pegasus“ näher zu sein, als manchen lieb ist. Als wäre das noch nicht genug, gilt es, eine Katastrophe zu verhindern.

Wie weit geht man für das Richtige?

„Prisoner - Auf der Flucht“ kommt damit nicht nur als actionreiche Thrillerproduktion daher, sondern versucht auch moralische Fragen und politische Komponenten aufzugreifen. Justizbeamtin Amber muss nicht nur ums Überleben kämpfen, sondern sieht sich auch mit einem Mann konfrontiert, der Dutzende Menschenleben auf dem Gewissen hat.

„Also, woher hast du diesen ausgeprägten moralischen Kompass?“, fragt Tibor sie etwa, als sie versuchen, versteckt in einem Lkw nach London zu kommen. Dabei verlieren sie sich trotz Ausnahmezustand in nahezu philosophischen Gesprächen. „Du meinst den, der mich nur ungern Menschen mit meinen bloßen Händen töten lässt?“, entgegnet Amber trocken.

Trotz der kaum zu überwindenden Differenzen muss sich das Duo aufeinander verlassen, um zu überleben und „Pegasus“ zu stoppen. Amber findet sich im Laufe der Zeit ungewollt in einer Schlüsselrolle wieder und muss sich fortan fragen: Wie weit geht sie, um das vermeintlich Richtige zu tun - und wem kann sie dabei wirklich vertrauen?