Panorama

Nobelpreis-Krimi beginnt aufs Neue: Wen ehren die Jurys?

Den Friedensnobelpreis bekam Trump nicht – dafür aber die Medaille der Preisträgerin. Bei der Jury dürfte das nicht gut angekommen sein. Jetzt beginnt die nächste Nobel-Runde. Wer bekommt die Preise?

28.09.2026

Der Friedensnobelpreis für die venezolanische Oppositionsführerin Machado - eine Fehlentscheidung? (Archivbild)Heiko Junge/NTB Scanpix/dpa

Der Friedensnobelpreis für die venezolanische Oppositionsführerin Machado - eine Fehlentscheidung? (Archivbild)Heiko Junge/NTB Scanpix/dpa

© Heiko Junge/NTB Scanpix/dpa

Es war der spektakulärste Nachhall der letzten Nobelpreis-Vergabe: Im Januar schenkt Friedensnobelpreis-Trägerin María Corina Machado ihre Preis-Medaille symbolisch Donald Trump. Für den US-Präsidenten ein natürlicher Schritt: Er fand ohnehin, er hätte ihn verdient gehabt. Die Jury sah das anders und ehrte 2025 die venezolanische Oppositionsführerin.

Ob das die richtige Entscheidung war - da sind sich viele angesichts dieses Ausgangs nicht sicher. Kurz vor der diesjährigen Vergabe der Nobelpreise ab dem 5. Oktober steht die Frage im Raum: Was hat die Jury daraus gelernt - und wird das ihre Entscheidung diesmal beeinflussen?

Den Nobelpreis bekam US-Präsident Donald Trump zwar nicht - aber die Friedensnobelpreisträgerin Machado (rechts) vermachte ihm ihre Medaille. (Archivbild)Daniel Torok/White House/dpa

Den Nobelpreis bekam US-Präsident Donald Trump zwar nicht - aber die Friedensnobelpreisträgerin Machado (rechts) vermachte ihm ihre Medaille. (Archivbild)Daniel Torok/White House/dpa

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Den Nobelpreis bekam Trump nicht - aber die Bühne

„Ich glaube jedenfalls, dass das Komitee darauf achten wird, welche ungünstige Wirkung der Preis haben könnte“, sagt der Leiter des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio, Haakon Gjerløw. Weitergeben, das hatte das norwegische Nobelinstitut klargestellt, kann ein Preisträger die Auszeichnung nicht. Der US-Präsident muss auf seinen eigenen Nobelpreis also weiter warten. Aber die Geste hat einen bizarren Beigeschmack: Der Preis für den Kampf für Demokratie in Venezuela wird plötzlich zur Bühne für Trump.

In diesem Jahr, so ist Gjerløw überzeugt, dürfte sich das Komitee für einen weniger kontroversen Preisträger entscheiden. „Das könnte für jemanden sprechen, der im humanitären Bereich arbeitet.“ Eine Organisation? Schon vor der Vergabe 2025 hatten etwa die Emergency Response Rooms im Sudan Aufmerksamkeit auf sich gezogen - lokale Netzwerke, die seit Beginn des Krieges humanitäre Hilfe in Form von Lebensmitteln, medizinischer Versorgung und Notunterkünften organisieren.

Zugleich sind die Entscheidungen der Nobeljurys jedes Mal aufs Neue schwer vorauszusagen. Das gilt nicht nur für die Kategorie Frieden, sondern insbesondere für den Literaturnobelpreis. „Es ist reine Kaffeesatzleserei, das muss man bei einigen hundert Schriftstellern, die infrage kommen, zugeben“, sagt Literaturkritiker Denis Scheck.

Die Schwedische Akademie, Hüter des Nobelgeheimnisses in dieser Kategorie, lässt sich nicht in die Karten gucken - und will sich auch von Proporz-Denken nicht leiten lassen. Gleichwohl sind zuletzt immer abwechselnd ein Mann und eine Frau ausgezeichnet worden - im vergangenen Jahr der Ungar László Krasznahorkai. 

Die Kanadierin Margaret Atwood gilt schon seit Jahren als aussichtsreiche Anwärterin auf den Literaturnobelpreis. (Archivbild)Richard Drew/AP/dpa

Die Kanadierin Margaret Atwood gilt schon seit Jahren als aussichtsreiche Anwärterin auf den Literaturnobelpreis. (Archivbild)Richard Drew/AP/dpa

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„Reine Kaffeesatzleserei“: Wer bekommt den Literaturnobelpreis?

Kanadierin Margaret Atwood, US-Amerikanerin Siri Hustvedt oder die Chinesin Can Xue hätten den Preis diesmal verdient, meint Scheck: „Alle Drei haben ein beeindruckendes Werk.“ Can Xue war schon 2025 als Favoritin gehandelt worden. „Sie schreibt verblüffende Erzählungen und Romane, in denen Tiere eine große Rolle spielen“, sagt der Literaturkritiker. Sollte der Preis an einen Mann gehen, plädiert Scheck dafür, „endlich Salman Rushdie auszuzeichnen“. Wir lebten in einem Zeitalter des politischen und religiösen Totalitarismus, sagt er - und in Rushdies Werk sei der Widerstand gegen beides eingeschrieben.

Der Nobelpreis-Bilanz, könnte mancher meinen, wäre es zu wünschen, dass es eine Frau wird: Denn Männer dominieren die Nobelgeschichte massiv. Nur 67 Frauen haben einen der begehrten Preise bekommen - von fast 1.000 Preisträgern. Daran rasch etwas zu ändern, ist bei wenigen Preisträgern pro Jahr nicht einfach.

Bewusst sind sich die Nobelinstitutionen des Problems. Doch gerade in den Naturwissenschaften schließt sich die Lücke nur langsam. In den Kategorien Physik und Chemie gab es seit der ersten Vergabe der Nobelpreise vor 125 Jahren weniger als zehn Preisträgerinnen. Den Wirtschaftspreis haben sogar nur drei Frauen bekommen. Den Medizinpreis, dessen Bekanntgabe den Nobelpreisreigen eröffnet, immerhin 14. 

Die Nobelpreise gehören zu den wichtigsten Auszeichnungen der Welt. (Symbolbild)Daniel Reinhardt/dpa

Die Nobelpreise gehören zu den wichtigsten Auszeichnungen der Welt. (Symbolbild)Daniel Reinhardt/dpa

© Daniel Reinhardt/dpa

Der Nobelpreis - eine Männerdomäne

Woran das liegt, machte der frühere Ständige Sekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, Göran K. Hansson, schon 2017 in einem Interview fest: Nicht nur die historische Unterrepräsentation von Frauen in wissenschaftlichen Karrieren sei ausschlaggebend - oft werden die Preise für Entdeckungen und Erfindungen vergeben, die viele Jahrzehnte zurückliegen. Auch die Nominierenden waren lange überwiegend männlich. 

Immerhin in einer Hinsicht wird der Nobelpreis definitiv weiblicher: An der Spitze der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die die Preise für Medizin (5.10.), Physik (6.10.), Chemie (7.10.) und Wirtschaftswissenschaften (12.10.) vergibt, steht seit Januar die gebürtige Belgierin Ellen Moons. Das ist historisch, denn sie ist die erste Frau in diesem Amt seit der Gründung der Akademie 1739. Zum ersten Mal überhaupt werden die Nobelpreisträger in den drei Kategorien von einer Frau verkündet.

Die bezeichnet es im schwedischen Radio als eine „natürliche Entwicklung“, dass nicht nur die Preise, sondern auch die Nobel-Institutionen weiblicher werden. Auf ihre neue Aufgabe freut sie sich: „Das wird aufregend.“ Nicht nur für Moons: Anfang Oktober wird die Weltöffentlichkeit wieder gespannt nach Stockholm und Oslo blicken.

Literaturkritiker Denis Scheck hält mehrere Autorinnen in diesem Jahr für nobelpreiswürdig. (Archivbild)Christian Charisius/dpa

Literaturkritiker Denis Scheck hält mehrere Autorinnen in diesem Jahr für nobelpreiswürdig. (Archivbild)Christian Charisius/dpa

© Christian Charisius/dpa

2025 ging der Literaturnobelpreis an den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai. (Archivbild)Gyula Czimbal/MTI/EPA/dpa

2025 ging der Literaturnobelpreis an den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai. (Archivbild)Gyula Czimbal/MTI/EPA/dpa

© Gyula Czimbal/MTI/EPA/dpa