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Lesen, rechnen, schreiben vor dem Schulstart: Muss das sein?

Vorlesen, Würfelspiele, kleine Aufgaben: Warum spielerisches Lernen und soziale Kompetenzen vor der Einschulung wichtiger sind als strenge Übungen.

15.07.2026

Wie viel Bildung braucht mein Kind vor der Schule? Manche Eltern tun ihren Kindern keinen Gefallen, wenn sie mit ihnen schon vor dem Schulstart pauken. Christin Klose/dpa-tmn

Wie viel Bildung braucht mein Kind vor der Schule? Manche Eltern tun ihren Kindern keinen Gefallen, wenn sie mit ihnen schon vor dem Schulstart pauken. Christin Klose/dpa-tmn

© Christin Klose/dpa-tmn

Den eigenen Namen schreiben, mit den Fingern zählen oder die beste Stelle aus dem Lieblingsbuch zitieren: Viele Kinder beginnen schon vor der Einschulung mit ersten Lese- und Schreibübungen. 

Eltern fragen sich da oft, wie sie die Lernfreude ihrer Kinder unterstützen können. Welche Schulvorbereitung ist sinnvoll? Und kann zu viel Vorwissen auch Nachteile haben? Prof. Marcus Hasselhorn vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und Konstanze von Unold, Vorstandsmitglied des Grundschulverbands, erklären, was Kinder vor der Einschulung wirklich können sollten.

Erste Buchstaben schreiben, Laute erkennen, Mengen erfassen: Viele Vorschulkinder können das bereits. Und doch ist die Quote der Erstklässler mit Entwicklungsrückständen in den letzten Jahren „erschreckend hoch geworden“, sagt Marcus Hasselhorn. „Das Problem ist, dass wir in Deutschland für die Kita-Zeit keine verbindlichen Entwicklungsziele haben, die wir überprüfen und gegebenenfalls mit gezielter Förderung erreichen könnten.“

Damit ist jedoch nicht das Lesen von Texten oder Jonglieren mit Zahlen gemeint. „Es gibt eine Basis von Zahlen- und Mengenverständnis, die mit der Schulmathematik noch wenig zu tun hat. Aber wenn ich dieses Verständnis nicht entwickelt habe, besteht ein achtfach erhöhtes Risiko, dass ich eine Rechenschwäche entwickele“, sagt Hasselhorn. 

Lernen beginnt schon ab dem ersten Tag

Lesen, Schreiben und Rechnen fangen nicht erst mit der Einschulung an. „Kinder lernen von Anfang an – und das mehr oder weniger automatisch“, sagt Grundschullehrerin Konstanze von Unold. „Es ist gut, wenn Eltern ihre Kinder dabei unterstützen und Sicherheit geben. Aber Schulkind wird ein Kind erst in der Schule.“ Doch wie können Eltern ihr Kind sinnvoll auf die Schule vorbereiten? 

  • Jedenfalls nicht mit Arbeitsblättern, denn „die helfen für das vorschulische Lernen am allerwenigsten“, sagt Konstanze von Unold. 
  • Stattdessen können Eltern auf spielerische Weise auf Mengen oder Buchstaben hinweisen. 
  • Gibt es beispielsweise vier Familienmitglieder, könne man gemeinsam mit dem Kind vier Gabeln, vier Teller und vier Gläser aufdecken. 
  • „Das sind die allerersten Rechnungen, die ganz automatisch kommen und sich leicht im Alltag integrieren lassen“, so Unold. 
  • Marcus Hasselhorm nennt Würfelspiele als sinnvolles Hilfsmittel, um ein Verständnis für Zahlen und Mengen zu entwickeln.

Schulwissen ist gut, Alltagswissen erstmal wichtiger 

Wie überall haben Eltern auch in der Schulvorbereitung eine Vorbildfunktion. „Es ist wichtig, dass Eltern nicht nur am Handy lesen, sondern auch mal ein Buch oder eine Zeitung zur Hand nehmen“, sagt Konstanze von Unold. „Damit die Kinder sehen, wofür wir das Lesen und Schreiben überhaupt brauchen.“ 

Sie sieht die Herausforderungen der vorschulischen Bildung weniger im Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen, als vielmehr in sozialen-emotionalen Aspekten. „Es ist viel wichtiger, dass das Kind gut in der Gruppe zurechtkommt, sich selbst etwas zutraut und keine Angst hat, Fragen zu stellen.“ 

Abwarten können, sich im Team einordnen und mit Frustrationen zurechtkommen, hält Konstanze von Unold für die wichtigsten Kompetenzen angehender Erstklässler. Eltern können hier helfen, indem sie schrittweise mehr kleine Verantwortung geben. „Wenn ein Vorschulkind mal alleine zum Bäcker gehen darf, erlebt es viel Selbstwirksamkeit und traut sich viel mehr zu“, sagt sie.

Vorlesen ist mehr als Geschichtenzeit

Und auch an anderer Stelle können Eltern ihren Kindern Starthilfe geben: Vorlesen, sagt Marcus Hasselhorn, ist eine wichtige Prävention gegen viele schulrelevante Entwicklungsrückstände. „Kinder, die mit Vorlesen sozialisiert sind, fangen häufig schon an, einen Laut mit einem bestimmten Schriftbild zu assoziieren, ohne dass sie schon aktiv lesen oder schreiben können.“ 

Kommt das Interesse an Buchstaben oder Zahlen von den Kindern selbst, sehen die Experten kein Problem darin, die Kinder zu unterstützen. „In der Schule können wir Kinder auch nicht bremsen oder anschubsen. Sie lernen in ihrem Tempo und das ist gut so“, sagt Konstanze von Unold. 

Will ein Kind bereits vor der Schule lesen und schreiben lernen, sei das wunderbar. „Dann ist es unsere Aufgabe als Schule, das Kind dort zu fördern, wo es gerade steht.“ Ein Zuviel an Vorwissen gebe es dabei nicht.

Bloß keinen Druck ausüben

Marcus Hasselhorn sieht es anders: „Ich glaube, das Schreiben und Rechnen zu Hause birgt das Problem, dass dann möglicherweise Dinge entstehen, die nachher hinderlich sind.“ Beispielsweise die Schriftform. Wird in den Grundschulen die Ausgangsschrift gelehrt, könnten Kinder, die die Grundschrift verinnerlicht haben, erhebliche Probleme bekommen. „Sie müssen umlernen und das ist schwieriger als neu lernen“, so Hasselhorn.

Was in jedem Fall schadet: zu viel Druck. „Wenn ich versuche pädagogisch mit dem Kind zu arbeiten und es fühlt sich dabei unwohl, ist das bereits ein erster Alarmhinweis auf Überforderung“, sagt Hasselhorn. Hier ist das Fingerspitzengefühl der Eltern gefragt, findet Konstanze von Unold. Ihr Rat: Hinterfragen Sie ihre eigenen Ansprüche und Forderungen. „Ein Muss sollte es in Bezug auf schulisches Lernen im Vorschulbereich noch nicht geben.“