Panorama

Leben am Krater - Blessem fünf Jahre nach der Flut

Wassermassen bringen im Jahr 2021 eine Kiesgrube zum Einsturz und lösen einen Erdrutsch aus. Das Unglück verändert den kleinen Ort. „Das hat was mit mir gemacht“, sagt Anwohner Andreas Negro.

10.07.2026

Links neben dem Krater ist die Burg Blessem zu sehen. Ein Teil der dazu gehörenden Gebäude war nicht mehr zu retten.Rhein-Erft-Kreis/dpa

Links neben dem Krater ist die Burg Blessem zu sehen. Ein Teil der dazu gehörenden Gebäude war nicht mehr zu retten.Rhein-Erft-Kreis/dpa

© Rhein-Erft-Kreis/dpa

Diese merkwürdigen Geräusche hat Andreas Negro auch fünf Jahre später noch immer im Ohr. „Richtig gruselig klang das. Aber man konnte es zunächst nicht zuordnen“, erinnert sich der 65-Jährige aus Erftstadt-Blessem. 

Die Geräusche waren die Vorboten für das, was wenige Stunden später geschah: Bei der verheerenden Flut im Juli 2021 tat sich in dem Örtchen gewissermaßen die Erde auf. Eine Kiesgrube stürzte ein, durch einen Erdrutsch wurden mehrere Häuser in die Tiefe gerissen - und ein großer Teil des Grundstücks der Burg Blessem, wo Negro lebt. Bilder des riesigen Kraters gingen um die Welt.

Das Wasser kam von allen Seiten

„Hier stand der Reitstall und dort das Haus meines Schwagers - das war auf einmal alles weg“, sagt Negro und zeigt auf eine kahle Fläche nahe der ehemaligen Abbruchkante. Negro ist Miteigentümer der Burg, die seit 1806 seiner Familie gehört und zu einem Wohnhaus mit rund 20 Wohnungen umgebaut wurde.

Am 14. Juli 2021 hatte es den ganzen Tag so viel geregnet, dass die Burgbewohner begonnen hatten, Wasser aus dem Hof zu pumpen. Die Burg steht am tiefsten Punkt des Ortes. „Nachts um 3 Uhr kam die Feuerwehr und sagte: Ihr müsst hier raus“, erinnert sich Negro. „Es hatte zwar aufgehört zu regnen, aber trotzdem kam von allen Seiten Wasser.“ Durch den Starkregen war die Erft über die Ufer getreten und hatte den Ort überschwemmt.

Das ganze Ausmaß wurde erst nach und nach sichtbar

„Das ganze Ausmaß der Flut wurde erst nach und nach sichtbar“, sagt Gerd Schiffer, Wiederaufbau-Koordinator der Stadt Erftstadt. In der Radmacherstraße nahe dem Krater waren acht Häuser nicht mehr zu retten. Die Bundesstraße 265 war samt Autos einfach weggespült worden. Aber wie durch ein Wunder kam dort niemand ums Leben.

Das Unglück habe für ihn eine elementare Veränderung gebracht, sagt Negro.Thomas Banneyer/dpa

Das Unglück habe für ihn eine elementare Veränderung gebracht, sagt Negro.Thomas Banneyer/dpa

© Thomas Banneyer/dpa

Insgesamt starben bei der Jahrhundertflut mehr als 180 Menschen, 49 davon in NRW. Durch die Überschwemmungen wurden ganze Landstriche verwüstet.

Gefahr eines weiteren Erdrutsches

Erst nach einer Woche konnten die meisten Blessemer wieder in ihre Häuser - bis auf jene, die unmittelbar an der Abbruchkante lebten, so wie die Burg-Bewohner. Denn lange bestand die Befürchtung, dass noch mehr Erde abrutschen könnte. 

Als Negro schließlich kurz ins Haus durfte, um einige persönliche Dinge zu holen, sei er sehr zielgerichtet vorgegangen, schildert er. „Ich habe mir vorher überlegt, was ich mitnehmen will und genau das eingepackt - vor allem Fotos meiner verstorbenen Frau und andere Erinnerungsstücke.“ 

Bewohner sangen Weihnachtslieder an der Abbruchkante

Nach etwa drei Monaten seien die Straßen im Ort wieder fertig gewesen, erinnert sich Schiffer. Und im Advent hätten sich dann Dorfbewohner an der Abbruchkante versammelt und Weihnachtslieder gesungen. „Das sind Momente, die vergisst man nicht.“ Für den Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur und öffentlicher Gebäude habe Erftstadt insgesamt 84 Millionen Euro aus dem Fluthilfefonds von Bund und Ländern bewilligt bekommen. 

Insgesamt passen nach seinen Angaben rund 30.000 Lkw-Ladungen Erdboden in den Krater.Thomas Banneyer/dpa

Insgesamt passen nach seinen Angaben rund 30.000 Lkw-Ladungen Erdboden in den Krater.Thomas Banneyer/dpa

© Thomas Banneyer/dpa

Auch an der Burg begannen die Aufräumarbeiten. Dankbar erinnert sich Negro an die große Hilfsbereitschaft. Freiwillige aus ganz Deutschland reisten in die Flutgebiete und packten mit an. „Da kam eine Gruppe junger Leute, die mit einem Dampfstrahler meinen Keller saubergemacht hat - einfach so“, erzählt er sichtlich bewegt. „Diese Hilfe hat wahnsinnig getragen.“ 

„Unglück brachte elementare Änderungen“

Die Renovierung der Wohngebäude dauerte laut Negro zwei Jahre. Böden mussten herausgerissen, Wände stabilisiert, Elektrik und Heizung erneuert werden. Die Arbeit habe er nicht als allzu belastend empfunden, wohl aber den „psychologischen Effekt“, wie er sagt. „Das Unglück brachte elementare Änderungen. Die Nachbarhäuser waren weg, unser Reitstall und unser Ackerland waren weg, die ganze Straße hat sich verändert. Das hat was mit mir gemacht.“ 

Wenn es heute stark regne, habe er kein Problem damit, sagt Negro. Seine Lebensgefährtin dagegen könne es bei drohenden Unwettern in der Burg nicht mehr aushalten und ziehe dann vorübergehend wieder in ihre eigene Wohnung.

Negro denkt mit Dankbarkeit an die große Hilfsbereitschaft von Freiwilligen zurück.Thomas Banneyer/dpa

Negro denkt mit Dankbarkeit an die große Hilfsbereitschaft von Freiwilligen zurück.Thomas Banneyer/dpa

© Thomas Banneyer/dpa

In das Loch passen 30.000 Lkw-Ladungen Erdboden

Mittlerweile sind die zerstörten Häuser in Blessem wieder aufgebaut. Der ursprünglich acht Meter tiefe Krater sei inzwischen zu etwa zwei Dritteln wieder verfüllt, sagt Schiffer und zeigt auf die große Senke hinter dem Bauzaun. Insgesamt passten rund 30.000 Lkw-Ladungen Erdboden in das Loch. Bis es komplett verfüllt ist, werde es noch ein paar Jahre dauern.

Wegen des Einsturzes der Kiesgrube ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln gegen zwölf Personen, darunter den Eigentümer des Tagebaus, Beschuldigte des Betreibers und Mitarbeiter der Bezirksregierung Arnsberg als zuständiger Aufsichtsbehörde. Es geht um Verstöße gegen das Bergbaugesetz und fahrlässiges Herbeiführen einer Überschwemmung. Laut Staatsanwaltschaft besteht der Verdacht, dass es keinen ausreichenden Hochwasserschutz an der Grube gegeben hat.

Ende der Ermittlungen mit Spannung erwartet

Negro wartet mit Spannung auf das Ende der Ermittlungen und einen möglichen Prozess. Er hoffe, dass die Ursache geklärt wird und mögliche Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen würden, sagt er. „Es geht um Gerechtigkeit und darum, dass sowas bei anderen Kiesgruben nicht nochmal passiert.“

Die Weinreben wurden zur Erinnerung an die Katastrophe und als Zeichen der Hoffnung gepflanzt.Thomas Banneyer/dpa

Die Weinreben wurden zur Erinnerung an die Katastrophe und als Zeichen der Hoffnung gepflanzt.Thomas Banneyer/dpa

© Thomas Banneyer/dpa

Nach der Flutkatastrophe haben sich Kommunen und Kreise entlang der Erft mit dem Erftverband als Wasserwirtschaftsverband zusammengeschlossen, um gemeinsam Konzepte für einen besseren Hochwasserschutz zu erarbeiten. In Erftstadt ist unter anderem ein großes Hochwasserrückhaltebecken geplant.

Weinreben und Gedenk-Stele erinnern an die Flut

Auf dem Gelände der Burg mit Blick auf den früheren Krater ist inzwischen ein Ort der Begegnung entstanden. Manchmal finden dort Kulturveranstaltungen statt, eine Gedenk-Stele erinnert an die Flut. Ein Verein hat Weinreben gepflanzt - die 180 Rebstöcke stammen von Winzern aus dem Ahrtal. „Es ist ein Zeichen der Hoffnung und des Zusammenhalts“, sagt der Vorsitzende des Bürgerforums Blessem-Frauenthal, Karl Berger. 

Auf dem ehemaligen Kratergelände soll später eine sogenannte Sekundäraue entstehen. Noch blickt Negro aus dem Haus auf die sandige braune Senke. „Wenn das irgendwann alles grün ist, ist es bestimmt toll“, meint er. Schon jetzt fliege oft ein Milan hier herum. „Ich habe die Fantasie, dass das am Ende ganz, ganz schön werden wird.“

Die Renovierungsarbeiten an den Gebäuden dauerten zwei Jahre.Thomas Banneyer/dpa

Die Renovierungsarbeiten an den Gebäuden dauerten zwei Jahre.Thomas Banneyer/dpa

© Thomas Banneyer/dpa

Die zerstörten Häuser sind inzwischen wieder aufgebaut.Thomas Banneyer/dpa

Die zerstörten Häuser sind inzwischen wieder aufgebaut.Thomas Banneyer/dpa

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Das Loch ist inzwischen zu etwa zwei Dritteln verfüllt.Thomas Banneyer/dpa

Das Loch ist inzwischen zu etwa zwei Dritteln verfüllt.Thomas Banneyer/dpa

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„Das ganze Ausmaß der Flut wurde erst nach und nach sichtbar“, sagt Schiffer.Thomas Banneyer/dpa

„Das ganze Ausmaß der Flut wurde erst nach und nach sichtbar“, sagt Schiffer.Thomas Banneyer/dpa

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Die Katastrophe hat den kleinen Ort verändert.Thomas Banneyer/dpa

Die Katastrophe hat den kleinen Ort verändert.Thomas Banneyer/dpa

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Die Weinreben stammen von Winzern aus dem Ahrtal.Thomas Banneyer/dpa

Die Weinreben stammen von Winzern aus dem Ahrtal.Thomas Banneyer/dpa

© Thomas Banneyer/dpa

Die Gedenk-Stele zeigt den Stand des Hochwassers vom Juli 2021.Thomas Banneyer/dpa

Die Gedenk-Stele zeigt den Stand des Hochwassers vom Juli 2021.Thomas Banneyer/dpa

© Thomas Banneyer/dpa