Dordrecht: Die Stadt, in der man sich über Touristen freut
Windmühlen, Giebelhäuser und Grachten: Dordrecht ist der vielleicht holländischste Ort der Welt. Verwunderlich ist, dass Gäste aus Deutschland dort kaum aufkreuzen. Eine Entdeckungstour.
Mittelalterliche Pracht: Die Grote Kerk in Dordrecht ist ein Meisterwerk gotischer Architektur und ein beliebtes Ziel für Geschichtsinteressierte.Marcel Lesch/Evolumina/NBTC/dpa-tmn
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Windmühlen so weit das Auge reicht. Allerdings: Kein Lüftchen regt sich, und deshalb bewegen sich die Mühlenflügel auch kein Stück. Für die chinesischen Malerinnen und Maler, die hier wie die Impressionisten unter freiem Himmel ihre Staffeleien aufgebaut haben, erleichtert das aber vermutlich das Abmalen. Ob sie kollektiv einen Kreativkursus „Malen wie die alten Meister“ gebucht haben? Jedenfalls haben sie alle die gleichen Utensilien dabei.
Die Windmühlen von Kinderdijk gelten international als das holländische Postkartenmotiv schlechthin. Und „holländisch“ darf hier gesagt werden, denn man befindet sich mitten in Holland, dem westlichen Teil der Niederlande. Der Käsemarkt von Alkmaar, die Tulpen aus Amsterdam und die Windmühlen von Kinderdijk – all das ist Holland par excellence.
Während die Touristen in Kinderdijk im Sommer Schlange stehen, ist die unmittelbar benachbarte Stadt Dordrecht noch ein Geheimtipp. Bei Deutschen ist sie nahezu unbekannt, man trifft dort kaum je einen deutschen Touristen, wie Einheimische bestätigen. Leiden, Delft, Alkmaar oder Utrecht - okay. Aber Dordrecht? Nie von gehört.
Urholländische und meistunterschätzte Grachtenstadt
Dabei ist Dordrecht - kurz Dordt - die älteste Stadt Hollands. Nicht der Niederlande - da gibt es wesentlich ältere wie die einstigen Römerstädte Maastricht und Nimwegen nahe der deutschen Grenze. Aber in Holland ist Dordrecht die Älteste. Im Mittelalter war sie ein wichtiger Stapelmarkt für Wein, Getreide und Holz. Sie profitierte von ihrer Lage im Mündungsgebiet des Rheins, bis heute ist sie an allen Seiten von Flüssen und Kanälen umgeben. Eine Wasserstadt.
Das historische Zentrum zeugt bis heute von Dordrechts großer Geschichte und umfasst alles, was man klischeehaft mit Holland verbindet: Giebelhäuser, Zugbrücken und Grachten - Kanäle. Ist dies vielleicht der holländischste Ort der Welt? In den Niederlanden selbst wird Dordrecht jedenfalls regelmäßig als die „meistunterschätzte Grachtenstadt“ oder als „urholländische Stadt“ bezeichnet.
Wahrzeichen ist die Grote Kerk (Große Kirche) mit ihrem leicht schiefen Turm, dem die Spitze fehlt. Das liegt daran, dass er aufgrund des sumpfigen Bodens während der Bauarbeiten absackte und man ihn deshalb lieber nicht weiterbaute.
Dordrecht, Stadt der sittenstrengen Spaßbremsen
Harry Wouters kam vor 50 Jahren für seinen Job bei der Polizei nach Dordrecht. „Es war ein Kulturschock“, erinnert er sich. Wouters stammt aus der südlichen Provinz Brabant, die burgundisch-katholisch geprägt ist und im Ruf steht, von Lebensgenießern bevölkert zu sein. Dordrecht dagegen liegt mitten im niederländischen Bibelgürtel - hier regierte jahrhundertelang calvinistische Askese.
Leser des auch in Deutschland populären niederländischen Romanschriftstellers Maarten ‚t Hart, der ganz in der Nähe aufgewachsen ist, kennen diese Welt der sittenstrengen Spaßbremsen. „Es gab hier nichts“, erzählt Wouters. „Keine Cafés und so gut wie keine Restaurants. Das war hart für mich. Aber zum Glück: Im Laufe der Jahrzehnte habe ich miterlebt, wie sich Dordrecht immer weiter geöffnet und verändert hat.“ Gekommen sei das durch die vielen Zuzügler, die mit calvinistischer Engstirnigkeit nichts im Sinn hatten.
Heute kann man in Dordrecht durchaus gut essen, auch wenn die Zahl der Restaurants immer noch vergleichsweise überschaubar ist. Sein volles Potenzial hat Dordrecht noch lange nicht entfaltet, doch gerade das hat auch seine Vorteile: Von Overtourism ist hier noch nichts zu spüren, die Dordrechter freuen sich noch über Touristen.
Die größte Attraktion der Stadt ist das 1842 gegründete Dordrechts Museum mit vielen Gemälden aus der Zeit von Rembrandt und Vermeer. Woanders würden sich davor die Besucher drängen, hier ist man an Werktagen allein mit den Meisterwerken.
Zeitreise ins „Goldenen Zeitalter“
Das Holland des „Goldenen Zeitalters“, des 17. Jahrhunderts, ist hier zum Greifen nah: das stille Land mit dem allgegenwärtigen Wasser, überragt von den immer ruhelosen Wolkengebirgen. Die hoch getürmten Segelschiffe, die in der Dünung wiegen. Die blank geputzten Kachelböden im Schachbrettmuster: Es gibt eine Welt zu entdecken, und diese wirkt - zumindest auf den Bildern - stiller und schöner als unsere.
Dordrecht hat auch selbst einen großen Maler hervorgebracht, Aelbert Cuyp (1620-1691). Er stellte die holländischen Kühe - Lieferanten des Rohstoffs Milch für den Käse - schön wie Rennpferde dar und tauchte sie in ein überirdisches Licht.
Der zweite große Sohn der Stadt ist der Staatsmann Johan de Witt (1625-1672). Womit man dann wieder in der Realität angekommen wäre. De Witt gilt als erster moderner Regierungschef: Die Niederlande waren zu seiner Zeit eine Republik inmitten von Königreichen, überaus modern und erfolgreich. Und der Dordrechter Anwalt de Witt stand ganz oben an der Spitze, 19 Jahre lang, als Ratspensionär von Holland. Er richtete seine Politik nach rationalen Grundsätzen aus und gewährte Meinungsfreiheit - so konnte auch der atheistische Philosoph Baruch de Spinoza seine Schriften veröffentlichen.
De Witts Bronzedenkmal in der Dordrechter Innenstadt zeigt ihn melancholisch versonnen auf einem Stuhl sitzend, neben ihm stehend sein älterer Bruder und politischer Weggefährte Cornelis. Die Dordrechter schmücken die beiden zuweilen mit Kleidungsstücken, Hüten oder Karnevalsartikeln und haben mit KI ein Video erstellt, das sie nachts die Plätze tauschen lässt: Dann darf auch Cornelis mal sitzen.
Doch das Ende ihrer Lebensgeschichte ist alles andere als heiter: Als der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. 1672 die Niederlande angriff, verbreiteten de Witts politische Gegner in Flugschriften die Verschwörungserzählung, er sei von Frankreich bestochen worden. In Wahrheit nahm de Witt nie auch nur das kleinste Geschenk an. Doch gegen die Flut von Lügen-Pamphleten hatte die Wahrheit keine Chance - Johan wurde zusammen mit Cornelis grausam gelyncht.
Polarisierung und Hetze gab es also auch im beschaulichen Dordrecht, das heute so nach heiler Welt aussieht. Aber man muss sich die Geschichte der Brüder de Witt ja auch nicht antun. Man darf auch einfach hierherfahren und sich ein Wochenende mal aus allem ausklinken.
Nur Aelbert Cuyp mit seiner geschönten Wirklichkeit, kein Johan de Witt. Nur Kaffee trinken, schön essen gehen und die Altstadtfassaden bewundern. Der nächste Montag kommt bestimmt - aber bis dahin darf es einfach die pure holländische Idylle sein.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Dordrecht liegt südöstlich von Rotterdam in der Provinz Südholland und ist bevölkert von gut 120.000 Menschen.
Anreise: Mit dem Auto ist man etwa ab Düsseldorf rund zweieinhalb Stunden unterwegs, ab Frankfurt/Main fünf und ab Leipzig siebeneinhalb Stunden. Per Zug fährt man am besten mit dem ICE bis Utrecht Centraal, von dort weiter mit niederländischen Zügen.
Mühlen Kinderdijk: Man kann die Mühlen entlang eines Weges unentgeltlich besichtigen. Um aber hineinzugehen oder sie vom Wasser aus zu sehen, benötigt man ein Ticket (kinderdijk.com).
Dordrechts Museum: Das Haus ist dienstags bis sonntags von 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet; Eintritt 17 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei (dordrechtsmuseum.nl).
Weitere Infos: holland.com/de/tourist/entdecke-die-niederlande/entdecke-stadte/dordrecht; indordrecht.nl/en
Postkartenidylle in Holland: Die Windmühlen von Kinderdijk sind ein weltbekanntes Symbol der Niederlande und ein beliebtes Motiv für Künstler.Claire Droppert/NBTC/dpa-tmn
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Grachten - und allgemein hübsch anzusehen: Dordrecht.Bart Maat/epa/dpa-tmn
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Geheimtipp Dordrecht: Abseits der Touristenströme bietet die älteste Stadt Hollands urholländische Grachten, Giebelhäuser und eine reiche Geschichte.Christoph Driessen,/dpa-tmn
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Abendstimmung in der „meistunterschätzten Grachtenstadt“: am Dordrechter Hafen.Christoph Driessen,/dpa-tmn
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Ein Bronzedenkmal in der Dordrechter Innenstadt zeigt den Staatsmann Johan de Witt (sitzend) neben seinem älterer Bruder Cornelis.Christoph Driessen,/dpa-tmn
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Das Holland des „Goldenen Zeitalters“ ist zum Greifen nah: alte Dordrechter Häuser im Morgenlicht.Christoph Driessen,/dpa-tmn
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„Es gab hier nichts“, sagt Touristenführer Harry Wouters.Christoph Driessen,/dpa-tmn
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Dordrecht ist der vielleicht holländischste Ort der Welt. dpa-infografik/dpa-tmn
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