Panorama

Depression in der Familie: Warum Offenheit Kindern hilft

Kinder spüren mehr, als Eltern denken. Warum Schweigen über Depressionen Ängste verstärkt – und welche vier Sätze für Kinder besonders wichtig sind.

06.07.2026

Depression verstecken? Kinder merken das – und brauchen ehrliche, altersgerechte Worte statt Schweigen.Silvia Marks/dpa Themendienst/dpa-tmn

Depression verstecken? Kinder merken das – und brauchen ehrliche, altersgerechte Worte statt Schweigen.Silvia Marks/dpa Themendienst/dpa-tmn

© Silvia Marks/dpa Themendienst/dpa-tmn

Eltern wollen ihre Kinder instinktiv schützen und möglichst vor allem Unheil bewahren. Das kann unter anderem dazu führen, dass sie versuchen, eigene Erkrankungen - etwa Depressionen - vor dem Nachwuchs zu verheimlichen.

Aus fachlicher Sicht sei das meist der falsche Weg, so Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Denn Kinder spüren in der Regel ganz genau, wenn sich ein Elternteil verändert. „Wenn ihnen niemand erklärt, was los ist, suchen sie eigene Antworten und meist die Schuld bei sich“, so die Fachärztin. Eine Tabuisierung verstärke die Verlust- und Zukunftsängste der Kinder nur.

„Du bist nicht schuld“

Die Ärztliche Leiterin der Akutklinik Bad Saulgau rät deshalb zum altersgerechten Gespräch. Reden hilft Kindern dabei, den inneren Zustand und das Verhalten eines depressiven Elternteils besser einschätzen.

Zentral sind Beschoner zufolge vier Botschaften, die jedes Kind hören sollte: „Du bist nicht schuld. Ich liebe dich genauso wie vorher. Die Krankheit ist nicht deine Verantwortung. Und Erwachsene kümmern sich um Hilfe.“

Entscheidend sei dann die altersgerechte Vermittlung dieser Botschaften. Bei Kleinkindern reiche oftmals eine einfache Erklärung aus, die man regelmäßig wiederholt. Etwa: „Mama ist krank. Die Krankheit heißt Depression. Deshalb ist sie oft müde oder traurig. Du hast nichts falsch gemacht.“. 

Grundschulkinder verstehen bereits besser, dass Depressionen eine Krankheit sind, die behandelt werden kann. Auch hier sollten Eltern das Thema Schuldgefühle frühzeitig ansprechen und vermitteln, dass es nicht Aufgabe des Kindes ist, Mama oder Papa wieder gesund zu machen. Wer bereits in Behandlung ist, kann dem Kind stattdessen mitteilen, dass jemand hilft.

Bei Jugendlichen hält Beschoner zudem die Botschaft für zentral, dass sie ihr eigenes Leben unbeschwert weiterleben, Freunde treffen und Hobbys nachgehen dürfen. „Wenn sie der Zustand belastet, sollten sie sich jederzeit Unterstützung holen können“, rät die Fachärztin. Sie dürfen generell offener einbezogen werden und Fragen stellen, sollten aber nicht in die Verantwortung genommen werden. 

Auf Signale für Parentifizierung achten 

Die Reaktionen eines Kindes auf die psychische Erkrankung eines Elternteils können sehr unterschiedlich auffallen. Zur Vorsicht rät Beschoner besonders, wenn Kinder dauerhaft versuchen, die Rolle eines Erwachsenen zu übernehmen. Diese Rollenumkehr in der Familie wird in der Fachsprache auch Parentifizierung genannt. 

Übernehmen Kinder über längere Zeit Verantwortung, die nicht ihrem Alter entspricht, kann das zu einer problematischen Überforderung führen. Eltern sollten in einem solchen Fall Hilfe beim Haus- oder Kinderarzt, bei einer Erziehungsberatungsstelle oder auch in einer psychotherapeutischen Praxis suchen.

Unterstützung annehmen - wie Angehörige helfen können

Generell profitieren Kinder an Depressionen erkrankter Eltern davon, wenn

  • offen gesprochen wird, 
  • Routinen erhalten bleiben, 
  • Eltern Hilfe annehmen und 
  • verlässliche Bezugspersonen anwesend sind.

Angehörige oder Freunde können Familien mit betroffenen Elternteilen etwa unterstützen, indem sie Kinder zum Sport fahren, Hausaufgaben begleiten oder einfach Zeit mit ihnen verbringen. Der Fachärztin zufolge brauchen Kinder das Gefühl, dass ihr Alltag stabil bleibt.

Wichtig: In akuten Krisen oder bei Hinweisen auf eine Selbstgefährdung sollten Angehörige sofort den psychiatrischen Krisendienst kontaktieren oder den Notruf 112 wählen. Kinder dürfen in solchen Ausnahmesituationen nicht auf sich allein gestellt sein.