Panorama

Camargue: Radtour mit Stieren, Sumpf und Südbalkon für alle

Salinen und Sümpfe, weiße Pferde und unblutige Stierkämpfe, Architektur aus Epochen: Eine Radreise am Rhône-Delta ist bizarr abwechslungsreich. Und dann wäre da noch „die größte Stadt Frankreichs“.

09.09.2026

 Der kleine Jachthafen von Beaucaire markiert den Beginn des Kanals, der von der Rhône bis nach Sète führt.Christian Marthelet/Gard Tourisme/dpa-tmn

Der kleine Jachthafen von Beaucaire markiert den Beginn des Kanals, der von der Rhône bis nach Sète führt.Christian Marthelet/Gard Tourisme/dpa-tmn

© Christian Marthelet/Gard Tourisme/dpa-tmn

Die Radlergruppe hat ihre Bikes unten abgestellt, jetzt geht es erst einmal zu Fuß weiter: einen Kilometer stetig bergauf, über eine Rampentreppe. Unten am Fluss verläuft bei Beaucaire der Radfernweg ViaRhôna schön geführt auf einer ehemaligen Eisenbahnlinie am Ufer der Rhône.

Ziel des Abstechers ist das Höhlenkloster Saint-Romain mit Grabkammern, Schlaf- und Wohnräumen, die hier Mönche vor tausend Jahren in den weichen Kalkstein gegraben haben. Die Aussicht von hier oben ist toll: Der Blick schweift über die Provence, an diesem Tag sogar bis zum Mont Ventoux, Mekka der Rennradfahrer, legendärer Prüfstein der Tour de France in den provenzalischen Voralpen.

Luftaufnahme: Bei der Abbaye de Saint-Roman handelt es sich um ein Höhlenkloster. Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

Luftaufnahme: Bei der Abbaye de Saint-Roman handelt es sich um ein Höhlenkloster. Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

© Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

Das Kloster ist auch ein guter Ort, um noch einmal in sich zu gehen - in puncto Weiterfahrt. Denn die ViaRhôna ist ein ungewöhnlicher Radweg: Sie gabelt sich bei Beaucaire. So stehen Reisende von Norden in Richtung Mittelmeer strampelnd vor der Wahl: 

  • Sie können weiter dem Hauptarm des Flusses auf 71 Kilometern bis zum Hafen Port-Saint-Louis-du-Rhône folgen. 
  • Oder westlich über den Nebenarm, die Petit Rhône, bis zur Hafenstadt Sète westlich der Camargue fahren, restliche 124 Kilometer. 

Beide Abschnitte zusammen umarmen die Camargue, in der das Rhône-Delta liegt. Wer möglichst viel vom großen Feuchtgebiet zwischen beiden Flussarmen und damit der Camargue mitbekommen will, kombiniert beide Wegführungen, sagt Radguide Arne Teschner vom Anbieter „Rêve de Vélo“ und führt zunächst nach Arles.

Vier interessante Zwischenstopps.

1. Arles: Unblutiger Stierkampf in der größten Stadt Frankreichs

Arles war wichtiger Umschlagsplatz der römischen Welt am Rhône-Delta, es ist das „kleine Rom der Gallier“, wie der spätantike Dichter Asonius die Stadt nannte. Ab Beaucaire sind es 17 Kilometer den Fluss entlang, bis man sie erreicht.

Und heute? Heute ist Arles die größte Stadt Frankreichs. Aber nur der Fläche nach, „weil ihr die Camargue zugerechnet wird“, sagt Arne Teschner. Umso kleiner und verwinkelter ist der Stadtkern. Teschner radelt vom erst fünf Jahre alten, schillernden Kulturturm Luma einer Schweizer Milliardärin zum antiken Gegenspieler, dem Amphitheater aus römischer Zeit. Das ist immerhin halb so groß ist wie das Kolosseum in Rom. 

Lebendig sind beide Sehenswürdigkeiten, die Edelstahloberfläche des Turms fängt das provenzalische Licht ein, die Arena Besucher aus aller Welt wie auch örtliche Fans des „Course Camarguaise“. Das ist ein Stierkampf nach südfranzösischer Art: Weiß gekleidete Männer, die sogenannten raseteurs, stehen einem schwarzen Stier gegenüber, einige lenken ihn ab, andere versuchen ihm kleine Trophäen von den Hörnern zu reißen. In der Regel ist das unblutig.

Von April bis Oktober erweckt der Stierkampf in der Camargue die Arenen der Dörfer der Terre d’Argence und ihrer Umgebung zum Leben.Pierre Dautriat/Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

Von April bis Oktober erweckt der Stierkampf in der Camargue die Arenen der Dörfer der Terre d’Argence und ihrer Umgebung zum Leben.Pierre Dautriat/Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

© Pierre Dautriat/Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

Nach dem Spektakel werden die Tiere - Rinder der Rasse Camargue - auf ihre Weidegebiete zurückgebracht. Ihre Züchter sind die gardians, die Cowboys der Camargue. Sie sind ausgezeichnete Reiter und führen zahlungswilligen Touristen vor, wie man einzelne Rinder von der Herde trennt. 

2. Marais du Vigueirat: Vögel, Pferde, Schilfgeraschel

Die ViaRhôna Richtung Hafen Saint-Louis folgt größtenteils einem schiffbaren Kanal, der Arles einst mit dem Mittelmeer verband. Nach knapp 20 Kilometern wird er gequert, der Besuch im Naturschutzgebiet Les Marais du Vigueirat steht an - und damit ein intensives Naturerlebnis.

Abermals müssen die Fahrräder draußen bleiben. Auf Holzstegen und Beobachtungspfaden geht es durch den Sumpf der Camargue mit seinem gigantischen Schilfgürtel. Ein Graureiher stolziert durchs Wasser, es gleiten Vögel durch die Luft, deren Namen nur die Ornithologen kennen.

Cyril Gombert, der Leiter des Naturschutzgebiets: „Das hier ist ein Hotspot für Tier- und Pflanzenarten.“ Allein 300 Vogelarten kommen in den zwölf Quadratkilometer großen Sümpfen des Vigueirat vor.

Dass Menschen seit über zweitausend Jahren das Gebiet im Rhône-Delta bebauen, beackern, Reis und Wein anbauen, Salz ernten und Vieh halten ist paradoxerweise die Basis für das Reservat selbst: „Mit Hilfe der Kanäle auf beiden Seiten des Feuchtgebiets erzeugen wir im Herbst künstlich Überschwemmungen - genau wie vor dem Deichbau.“ Die Sümpfe des Vigueirat von heute seien von Menschen gemacht.

Die weißen Pferde der Camargue sind ein typischer Anblick im Rhônedelta. Jens Schierenbeck/dpa-tmn

Die weißen Pferde der Camargue sind ein typischer Anblick im Rhônedelta. Jens Schierenbeck/dpa-tmn

© Jens Schierenbeck/dpa-tmn

Da, wo das Wasser in Schilf und Salzwiesen übergeht, weiden Camargue-Pferde. Die kleinen Huftiere sind an die Umgebung angepasst: Sie können die Nüstern verschließen, um unter Wasser zu fressen, haben so breite Hufe, dass sie auch im Sumpf vorankommen, und ihr helles Fell schützt vor Sonneneinstrahlung und Mücken.

Ihre Trittsicherheit macht sie auch zu idealen Touristen-Trägern: Um das Reservat bequem zu umrunden, kann man sie mieten - sofern man nicht mehr als 95 Kilo wiegt. Denn Camargue-Pferde sind dann doch keine Schwerlasttiere, dafür wendig und mutig.

3. Aigues-Mortes: Totes Wasser und Flamingos 

Mit dem Fahrrad zwischen Reisfeldern und Salzfeldern die Camargue in Ost-West-Richtung oder auch entgegengesetzt zu durchfahren - wofür die Pferde gewappnet wären - ist keine gute Idee. Lediglich auf einem Deich zwischen Meer und Salzwiesen kann man die Querung wagen.

Doch Sophie Bellin, Koordinatorin des südlichen Abschnitts der ViaRhôna, wirft ein: „Dieser Abschnitt ist unbefestigt, oft durch den Wind mit Sand bedeckt und verfügt über keinerlei Infrastruktur.“ Ist also ein Fall für Mountainbikes und Abenteuerlust.

Wer den westlichen Arm der ViaRhôna erleben möchte, sollte besser mit dem Bus 703 (Fahrradmitnahme nach Voranmeldung möglich) von Port-Saint-Louis-du-Rhône bis Arles zurückfahren und kann von dort über Fourques auf die Route Richtung Sète einschwenken.

Bis Aigues-Mortes, ab Fourques etwa 45 Kilometer, reichen die Feuchtgebiete. Die Stadt gilt als „Tor zur Camargue“. Aigues-Mortes bedeutet totes Wasser, ein Name, der auf die Landschaft Bezug nimmt, die ruhigen, kaum fließenden Gewässer der Lagunen und Sumpfgebiete der Umgebung.

Die königliche Stadtmauer von Aigues-Mortes ist 1,6 Kilometer lang und fast 800 Jahre alt.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Die königliche Stadtmauer von Aigues-Mortes ist 1,6 Kilometer lang und fast 800 Jahre alt.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

© Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Geschichte geschrieben hat Aigues-Mortes mit ihrer königlichen Stadtmauer: 1,6 Kilometer lang, fast 800 Jahre alt und immer noch intakt. Der Wehrgang gibt Ausblicke auf die Gassen der Stadt und die Salinen mit ihren imposanten Salzhügeln.

Hier lassen sich Flamingos beobachten, die auf der Suche nach Nahrung sind. Das Gefieder der Jungtiere ist noch weiß oder grau. Rosa wird es erst, wenn sie genügend Salinenkrebse gefressen haben und deren Farbstoff ins Gefieder auslagern.

4. Weiße Pyramiden und der Wille de Gaulles

Die Antithese zum mittelalterlichen Juwel Aigues-Mortes ist La Grande Motte, das Seebad vom Reißbrett. Präsident Charles de Gaulle wollte die Region der Petit Camargue für den Tourismus erschließen. So entstand in den 1960er-Jahren ein Ferienort mit Jachthafen aus dem Nichts. Damals umstritten, gilt er heute aber als bedeutendes Beispiel der französischen Nachkriegsmoderne. 

Seebad vom Reißbrett: Weil Präsident Charles de Gaulle die Region der Petit Camargue für den Tourismus erschließen wollte, entstand in den 1960er-Jahren der Ferienort La Grande-Motte mit Jachthafen.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Seebad vom Reißbrett: Weil Präsident Charles de Gaulle die Region der Petit Camargue für den Tourismus erschließen wollte, entstand in den 1960er-Jahren der Ferienort La Grande-Motte mit Jachthafen.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

© Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Was hauptsächlich an den Pyramiden liegt, für die sich Chefplaner, Architekt Jean Balladur, von den Bauwerken der Maya in Mexiko inspirieren ließ. Die terrassenförmigen Wohnanlagen reihen sich wie Wellen aneinander, sollen aber auch an Dünen und die Landschaft der Camargue erinnern. Alle Balkone sind zum Wasser ausgerichtet. „Exklusivität gibt es nicht“, sagt Stadtführerin Daniele Christol. Sie besitzt selbst ein kleines Appartement in einer der Pyramiden.

Zu Baubeginn gab es hier nur Sumpfgebiet, Wildnis, die Stechmücken. Heute schützt der aufgeschüttete Sand vor Überschwemmungen, musste für die Begrünung aber zugleich entsalzen werden. Bis alles bewachsen war, habe es viel Kritik an einer Betonwüste gegeben, sagt Christol. Heute kämen im Sommer hunderttausend Besucher. Manche mit dem Fahrrad - denn La Grande Motte liegt direkt an der „ViaRhôna“.

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Die Camargue ist der südfranzösische Landstrich rund um das Rhône-Delta.

Beste Reisezeit: Frühling und Herbst eignen sich für Naturliebhaber und Radfahrer am besten.

Anreise: Mit dem ICE oder TGV nach Paris, ab dort mit dem TGV bis Avignon, weiter mit Regionalzügen bis Beaucaire. Der Fahrradtransport im TGV muss beim Kauf der Fahrkarte reserviert werden (bahn.de; sncf-connect.com).

ViaRhôna: Die Strecke nennt sich auch Euro-Veloroute 17 und führt überwiegend auf separierten Fahrradwegen 815 Kilometer vom Genfer See bis ans Mittelmeer (viarhona.com). Der erwähnte Bus 703 sollte für den Fahrradtransport möglichst 36 Stunden im Voraus reserviert werden (Tel: 0033 4 42 55 83 19). Alternativ kann man auch mit der Rhône-Fähre „Barcarin“ kostenlos nach Salin-de-Giraud übersetzen und von dort ohne Reservierung mit dem Envia-Bus „Agglo 10“ nach Arles zurückfahren.

Reservat: Der Eintritt ins Natureservat Marais du Vigueirat kostet regulär sechs Euro, mit Guide 18 Euro; Ausritte ab 28 Euro (marais-vigueirat.reserves-naturelles.org).

Weitere Informationen: www.destination-camargue.fr

Die Grabkammern, Schlaf- und Wohnräume des Höhlenkloster Saint-Romain haben Mönche vor tausend Jahren in den weichen Kalkstein gegraben.Gard Tourisme/Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

Die Grabkammern, Schlaf- und Wohnräume des Höhlenkloster Saint-Romain haben Mönche vor tausend Jahren in den weichen Kalkstein gegraben.Gard Tourisme/Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

© Gard Tourisme/Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

Tolles Panorama: Der Blick vom Höhlenkloster Saint-Romain auf Beaucaire.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Tolles Panorama: Der Blick vom Höhlenkloster Saint-Romain auf Beaucaire.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

© Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Bei Beaucaire verläuft der Radfernweg ViaRhôna direkt entlang des Rhône-Ufers.Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

Bei Beaucaire verläuft der Radfernweg ViaRhôna direkt entlang des Rhône-Ufers.Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

© Office de Tourisme Beaucaire Terre d´Argence/dpa-tmn

Arena in Arles: Der Stierkampf nach südfranzösischer Art ist in aller Regel unblutig. Es wird dabei nur versucht, den Tieren Trophäen von den Hörnern zu reißen.Guillaume Horcajuelo/epa/dpa-tmn

Arena in Arles: Der Stierkampf nach südfranzösischer Art ist in aller Regel unblutig. Es wird dabei nur versucht, den Tieren Trophäen von den Hörnern zu reißen.Guillaume Horcajuelo/epa/dpa-tmn

© Guillaume Horcajuelo/epa/dpa-tmn

Der LUMA-Turm (Tour LUMA) ist das markante Hauptgebäude des Kunst- und Kulturzentrums LUMA Arles in Südfrankreich.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Der LUMA-Turm (Tour LUMA) ist das markante Hauptgebäude des Kunst- und Kulturzentrums LUMA Arles in Südfrankreich.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

© Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Cyril Gombert ist der Leiter des Naturschutzgebiets Les Marais du Vigueirat.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Cyril Gombert ist der Leiter des Naturschutzgebiets Les Marais du Vigueirat.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

© Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Alles rosa bis rot? Die Salinen in der Camargue, wie hier bei Arles, erscheinen in diesen Farben, weil im Wasser rote, salzliebende Mikroorganismen leben sowie Algen, die orange-rotes Beta-Carotin produzieren.Office de Tourisme Arles Camargue/@arles_camargue_tourisme/dpa-tmn

Alles rosa bis rot? Die Salinen in der Camargue, wie hier bei Arles, erscheinen in diesen Farben, weil im Wasser rote, salzliebende Mikroorganismen leben sowie Algen, die orange-rotes Beta-Carotin produzieren.Office de Tourisme Arles Camargue/@arles_camargue_tourisme/dpa-tmn

© Office de Tourisme Arles Camargue/@arles_camargue_tourisme/dpa-tmn

Flamingos im Naturschutzgebiet Les Marais du Vigueirat: Rosa wird ihr Gefieder erst, wenn sie genügend Salinenkrebse gefressen haben, deren Farbstoff ins Federkleid wandert.Office de Tourisme Arles Camargue/@arles_camargue_tourisme/dpa-tmn

Flamingos im Naturschutzgebiet Les Marais du Vigueirat: Rosa wird ihr Gefieder erst, wenn sie genügend Salinenkrebse gefressen haben, deren Farbstoff ins Federkleid wandert.Office de Tourisme Arles Camargue/@arles_camargue_tourisme/dpa-tmn

© Office de Tourisme Arles Camargue/@arles_camargue_tourisme/dpa-tmn

Über ein breites Delta in der Camargue mündet die Rhône ins Mittelmeer.dpa-infografik/dpa-tmn

Über ein breites Delta in der Camargue mündet die Rhône ins Mittelmeer.dpa-infografik/dpa-tmn

© dpa-infografik/dpa-tmn