Benidorm: Kann eine Touristenfabrik nachhaltig sein?
Ein zubetonierter Küstenkracher an Spaniens Mittelmeer präsentiert sich plötzlich als Grün und nachhaltig. Funktioniert das? Ein Ortsbesuch.
Manhattan am Mittelmeer - so wird Benidorm auch genannt.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Die Meeresluft ist seidig, das Wasser glasklar. Die knapp sechs Strandkilometer sind makellos. Die Statistik weist über 300 Sonnentage pro Jahr aus. Wer nach Benidorm reist, weiß, er was will: relaxen, baden, die Akkus aufladen. Jüngere stürzen sich ins Nachtleben. Senioren genießen die milden Winter. Auch Familien mit Kindern verbringen hier ihre Ferien.
Vom Fischerdorf zum Massentourismus
Das gute alte Spanien ist hier allerdings Geschichte und liegt unter Beton begraben. Benidorm verwandelte sich ab den 1960er Jahren vom Fischerdorf zum Ziel eines Massentourismus, der auch Low-Budget-Gäste anlockte. „Architektonisch setzte man auf das vertikale Modell“, erklärt Antonio Sánchez (31) vom Fremdenverkehrsbüro lapidar. Hochhäuser schossen aus dem Boden und prägen die Skyline bis heute. Der Beiname „Manhattan am Mittelmeer“ trifft den Punkt.
Mit dem Denkmal „Europäischer Grüner Pionier für intelligenten Tourismus“ klopft sich Benidorm auf dem zentralen Platz Triangular selbst auf die Schultern. Andreas Drouve/dpa-tmn
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Umso stärker erstaunt, dass sich Benidorm neuerdings als „nachhaltige Tourismusdestination“ bezeichnet und von der Europäischen Kommission mit dem Titel „Europäischer Grüner Pionier für Intelligenten Tourismus“ ausgezeichnet worden ist.
Radwege statt Autoverkehr
Eine Touristenfabrik mit über 80.000 Gästebetten und jährlich 15,7 Millionen Übernachtungen, die sich nun als grün und nachhaltig vermarkten will? Das klingt so abstrus, als hätte man vor Jahrhunderten die Piraten vor der Küste mit Sandburgen abschrecken wollen. Doch vor und hinter den Kulissen aus Wolkenkratzern hat sich in jüngster Vergangenheit tatsächlich viel getan.
Das Radwegenetz ist auf 134 Kilometer ausgebaut, der ortsfremde Verkehr aus der erweiterten Innenstadt verbannt worden. Die Zufahrt bleibt nur Anwohnern oder Anliegern mit Sondererlaubnis vorbehalten. „Diese Bereiche heißen nun Zonen der niedrigen Emissionen“, weiß Jorge Ferrándiz Roche vom Hotel- und Tourismusverband. Seit deren Ausweisung schätzt der 29-Jährige den deutlich geringeren Lärm in der City.
Auf 134 Kilometer ausgebaut: das Radwegenetz Benidorms. Andreas Drouve/dpa-tmn
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Zudem hat er das Fahrrad als Transportmittel zur Arbeit für sich entdeckt. „Viele fragen nach Photovoltaik, aber das ist für uns nichts Neues“, sagt Ferrándiz, der aus Benidorm stammt. Kapitale Solarmodule auf Hoteldächern sind seit der Jahrtausendwende verbreitet.
Somit leistete Benidorm bei den natürlichen Ressourcen bereits Pionierarbeit, als der Begriff der Nachhaltigkeit noch lange nicht in Mode war. „Demnächst wird es bei zwei neuen Wohnhochhäusern Solarpaneelen in der Vertikalen geben“, blickt Antonio Sánchez vom Fremdenverkehrsbüro in die Zukunft.
Intelligente Bojen und aufbereitetes Wasser
Ein beherrschendes Thema in der touristischen Megastadt, deren Zahl von 75.000 Einwohnern sich im Sommer versechsfacht, ist das Wasser. Den Fortschritt beim Brauchwasser, das nicht für den menschlichen Konsum bestimmt ist, kennen nur Insider.
Spricht für den örtlichen Wasserverband: Nuria Pastor Roca.Andreas Drouve/dpa-tmn
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„Wir nutzen mittlerweile 36 Prozent dieses aufbereiteten Wassers für die Bewässerung in der Landwirtschaft und in Gärten sowie für die Straßenreinigung“, versichert Nuria Pastor Roca (41) vom Wasserverband. Dieser Anteil liege über dem Landesdurchschnitt in Spanien. Das nächste Ziel sei, die 50-Prozent-Marke zu erreichen, so Pastor.
Ebenfalls unbemerkt von Besuchern spielt sich eine andere Initiative ab. Etwa einen Kilometer vor den beiden Hauptstränden Ponent und Llevant sind jüngst zwei „intelligente Bojen“ ins Wasser gelassen worden, verrät Víctor Mateu Romero (39), der im Rathaus das Projekt „Intelligentes Ziel Benidorm“ leitet.
„Die Bojen sind mit Sensoren ausstaffiert, die kontinuierlich die Wasserqualität überprüfen. Im Falle einer Verschmutzung können wir sofort reagieren“, erklärt Mateu. Selbst in der Hochsaison, wenn an den Stränden Sardinendosen-Effekte herrschen, sei die Wasserqualität bislang jedoch gut.
Barrierefreiheit mit Strandblick: Menschen mit eingeschränkter Mobilität können sich in Benidorm problemlos fortbewegen.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Sichtbarer für alle ist die Barrierefreiheit an den Strandpromenaden, wo sich Rollstuhlfahrer problemlos fortbewegen können. Zudem ist dort kürzlich die Beleuchtung auf umweltfreundliche LED-Lichter umgestellt worden.
Nachhaltigkeit mit Grenzen
Mit dem Denkmal „Europäischer Grüner Pionier für intelligenten Tourismus“ klopft sich Benidorm auf dem zentralen Platz Triangular selbst auf die Schultern. Palmen, Hibiskus, Oleander und Kiefern bringen ein wenig Natur in die Stadt, aber für neue Parks und Baumpflanzungen ist kein Platz. „Unser Terrain ist klein und begrenzt“, entgegnet Tourismusexperte Sánchez. Ein Verbot von antiökologischen Bespaßungen wie Partybooten, Parasailing und Jetskiverleih steht nicht zur Debatte. „Die Belastungen bei diesen Aktivitäten sind minimal“, sagt Sánchez und lenkt vom Thema ab: „Wir haben ja keine Kreuzfahrtschiffe hier.“
Selbst in der Hochsaison, wenn an den Stränden Sardinendosen-Effekte herrschen, soll die Wasserqualität gut sein.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Ebenso wenig ist geplant, die Delfinshows in einem Freizeitpark zu unterbinden. Da will Benidorm kein Spielverderber für die internationale Urlaubsgemeinschaft sein, die vorrangig aus Großbritannien, Skandinavien, Mitteleuropa und Spanien selbst anrückt.
So löblich manche Ansätze im Sinne der Nachhaltigkeit sein und dem Zeitgeist entsprechen mögen: Letztlich bleibt Benidorm Benidorm. Ein spanischer Küstenkracher. Ein Ziel der Massen. Mit seidiger Luft, glasklarem Wasser, langen Stränden – und herrlichen Rooftop-Bars, wo man sich von allem entrückt fühlt und die Blicke übers Meer und die einsamen Berge im Hinterland schweifen.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Benidorm liegt 45 Kilometer nordöstlich der Stadt Alicante an Spaniens „Weißer Küste“, der Costa Blanca.
Reisezeit: Die umliegenden Bergbarrieren mit der Serra Gelada und dem über 1.400 Meter hohen Puig Campana garantieren ein Mikroklima mit über 300 Sonnentagen pro Jahr. In den Sommermonaten herrscht Überfülle. Leerer ist es in den milden Wintern.
Anreise: Per Flugzeug geht es nach Alicante; ab dem Airport brauchen Direktbusse 45 Minuten bis Benidorm.
Einreise: Ein Personalausweis reicht.
Weitere Auskünfte: de.visitbenidorm.es
Die Meeresluft seidig, das Wasser glasklar: So kann man Benidorm auch wahrnehmen.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Schatten eines Radfahrers auf der Promenade am Strand Ponent - der ortsfremde Verkehr ist aus der erweiterten Innenstadt verbannt worden.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Leitet im Rathaus das Projekt „Intelligentes Ziel Benidorm“: Víctor Mateu Romero.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Solarmodule auf Hoteldächern sind seit der Jahrtausendwende verbreitet in Benidorm.Andreas Drouve/dpa-tmn
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An der Küste der Serra Gelada nahe Benidorm ist von den Hochhäusern nichts mehr zu sehen.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Hochbetrieb vor Hochhauskulisse: Benidorm in der Hauptsaison.Andreas Drouve/dpa-tmn
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