Panorama

Apfelstrudel am Río Cruces: Deutsches Erbe in Chile

Die Hafenstadt Valdivia bildete Mitte des 19. Jahrhunderts eine Basis für die Besiedlung des chilenischen Südens durch deutsche Einwanderer. Ihre Spuren sind bis heute präsent.

09.08.2026

Schönes Ruheplätzchen im Wasser: Seelöwen haben es sich auf einem Steg im Valdivia-Fluss im Stadtzentrum von Valdivia bequem gemacht.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Schönes Ruheplätzchen im Wasser: Seelöwen haben es sich auf einem Steg im Valdivia-Fluss im Stadtzentrum von Valdivia bequem gemacht.Oliver Gerhard/dpa-tmn

© Oliver Gerhard/dpa-tmn

Wind kommt auf! Ein kräftiger Ruck geht durch die „Florencia Sofia“, als eine Brise die Segel erfasst. Die hölzerne Jacht wirkt winzig vor den bewaldeten Hügeln am Ufer des Río Cruces, wo streckenweise kein Haus, keine Straße und keine Stromleitung das Bild stören. „Wir erleben den Strom heute fast genauso wie die deutschen Pioniere bei ihrer Ankunft“, sagt Maximiliano Parga. 

Der Skipper mit grauem Bart und Kapitänsmütze lebt mit seinen Kindern Clemente und Florencia und einem betagten Dackel auf der Jacht, mit der die Familie Segeltörns anbietet. „Das letzte Wort an Bord habe immer ich! Schließlich bin ich nicht nur der Vater, sondern auch der Kapitän“, sagt Maximiliano und lacht. Die beiden Teenager radebrechen indessen auf Deutsch mit den Gästen - auch die Vorfahren ihrer Mutter stammen aus Deutschland. 

Segeltörns mit der „Florencia Sofía“ auf dem Río Cruces kosten ab 59 Euro pro Person.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Segeltörns mit der „Florencia Sofía“ auf dem Río Cruces kosten ab 59 Euro pro Person.Oliver Gerhard/dpa-tmn

© Oliver Gerhard/dpa-tmn

Bei ihren Exkursionen befährt das Trio die Flüsse, die rund um Valdivia einen Flickenteppich aus Inseln, Kanälen und Sümpfen geschaffen haben. Die Hafenstadt in der Region Los Ríos bildete Mitte des 19. Jahrhunderts den Ausgangspunkt für die Besiedlung des chilenischen Südens durch deutsche Einwanderer. „Manche schafften es allerdings nicht bis hierher“, sagt der Kapitän. „Die raue See rund um Kap Hoorn forderte viele Opfer.“

Deutsches Unternehmertum als Boom-Faktor

Die chilenische Regierung lockte die Europäer damals mit einer großzügigen Landvergabe und erhoffte sich von ihnen Fortschritt. „Die Deutschen erfüllten die Erwartungen“, erklärt Maximiliano. „Sie brachten neue Technologien mit, gründeten Fabriken, Brauereien, Mühlen und Werften – ein entscheidender Schub für die Entwicklung der Region.“ Die Einwanderung setzte sich später fort, sowohl durch Opfer als auch durch Täter der Nationalsozialisten.

Als die ersten Häuser Valdivias in Sicht kommen, lässt Clemente ein markerschütterndes Kreischen aus dem Nebelhorn erklingen. Für einen Moment steht das Leben am Ufer still, und alle starren zur Jacht: die Fischer auf ihren Booten, die Spaziergänger auf der Promenade und die Händler von Muscheln, Seeigeln und Fischen. Zwischen den Ständen des traditionsreichen Flussmarktes sitzt stoisch ein riesiger Seelöwe und wiegt den Kopf, als überlege er noch, ob er nur 50 oder lieber gleich 100 Kilo Fisch bestellen soll.

Ein markerschütterndes Kreischen: Clemente Parga bläst ins Nebelhorn.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Ein markerschütterndes Kreischen: Clemente Parga bläst ins Nebelhorn.Oliver Gerhard/dpa-tmn

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Bis zum Bau der Brücke über den Río Cruces 1987 fand das Leben in Valdivia immer am und auf dem Wasser statt. Davon zeugen noch die historischen hölzernen Villen der deutschen Fabrikanten am Ufer.

Die Spuren der Immigranten sind in der 180.000-Einwohner-Stadt allgegenwärtig: in der deutschen Schule und der konservativen „Burschenschaft“, auf den Grabsteinen des Friedhofs und in den Restaurants, in denen man Apfelkuchen, Strudel und Tartar bestellen kann. Die Brauerei Kunstmann in Valdivia geht auf eine deutsch-chilenische Familie zurück.

Unter den Einwanderern war auch die Familie von Nora Binder, die in einem Apartment mit Flussblick lebt: „Bis zum schweren Erdbeben von 1960 befand sich hier die Likörfabrik meiner Eltern“, sagt die 87-Jährige. „Das Leben am Wasser war für uns Kinder damals herrlich, weil wir sehr viel Freiheit genossen. Manchmal sprangen wir sogar auf einen Schlepper und ließen uns am anderen Ufer absetzen.“

„Herren, ohne Interesse an unserer Kultur“

Binders Vorfahren wanderten 1852 nach dem Scheitern der Deutschen Revolution nach Valdivia aus. „Sie brachten ihr ganzes Personal mit, bis hin zum Schäfer und Kindermädchen, und benötigten für ihren Haushalt ein halbes Schiff“, erzählt die Seniorin. Und seufzt: „Damals war Deutsch hier die Alltagssprache. Heute finde ich kaum noch einen Gesprächspartner.“

Nora Binder entstammt einer Einwandererfamilie: Ihre Vorfahren kamen 1852 nach dem Scheitern der Deutschen Revolution nach Valdivia.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Nora Binder entstammt einer Einwandererfamilie: Ihre Vorfahren kamen 1852 nach dem Scheitern der Deutschen Revolution nach Valdivia.Oliver Gerhard/dpa-tmn

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Ihre riesige Fotosammlung aus der Gründerzeit hat Nora Binder dem anthropologischen Museum der Stadt vermacht. Die Bilder zeigen das rege Gesellschaftsleben mit Trachtenvereinen, Musikgruppen, der freiwilligen Feuerwehr und dem quirligen Bootsverkehr auf den Flüssen, denn Straßen gab es hier lange nicht. Einige der Vereine existieren heute noch, ebenso wie die Feuerwehr nach deutschem Vorbild. 

„Wachstum und Innovation bildeten damals aber nur eine Seite der Medaille“, sagt Roberto Bosshardt, der Archivar des Museums, und berichtet von der kolonialen Vergangenheit der Region, die schon lange vor der Ankunft der spanischen Entdecker und deutschen Siedler die Heimat des Mapuche-Volkes war. 

„Die Ureinwohner kannten das Konzept des Privatbesitzes nicht“, erklärt der Historiker. So kam es zu illegalen Landverkäufen, gewaltsamen Vertreibungen und Morden. „Manche Konflikte schwelen heute noch, obwohl die jetzigen Landbesitzer selbst nicht verantwortlich für die Ereignisse vor 100 oder 150 Jahren sind.“ Das gilt auch für das nahe gelegene Panguipulli, der Heimat von Isabel Naguil Carrasco. 

Historisches und anthropologisches Museum in Valdivia: Ihm hat Nora Binder ihre Fotosammlung aus der Gründerzeit vermacht.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Historisches und anthropologisches Museum in Valdivia: Ihm hat Nora Binder ihre Fotosammlung aus der Gründerzeit vermacht.Oliver Gerhard/dpa-tmn

© Oliver Gerhard/dpa-tmn

„Wir denken, dass alle die gleichen Rechte haben und der Staat das Land zurückgeben muss, denn das Problem haben nicht wir verursacht. Aber eine Lösung ist nicht in Sicht“, sagt die Mapuche-Frau, während sie in einem Topf über dem Feuer Sopaipillas frittiert, knusprige Kürbisfladen. „Ein nachbarschaftliches Verhältnis ist nie entstanden. Sie bleiben die Herren, ohne Interesse an unserer Kultur.“

Wie die Mapuche vom Tourismus profitieren

Dafür kommen im Sommer täglich Besucher aus aller Welt, um beim Mittagessen oder Mate-Tee mehr über ihr Volk zu erfahren. Der Gemeindetourismus hat sich für Isabel zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt: „Er hat uns sichtbarer gemacht, die Menschen interessieren sich für uns.“ Die Indígena, die einst mit dem Verkauf von Snacks am Straßenrand anfing, berät inzwischen andere Start-ups und ist eine gefragte Referentin. 

Die Mapuche nutzten immer schon die Flüsse als Straßen und Handelswege - eine Tradition, die man heute bei einer Kanutour nacherleben kann. Schon kurz nach dem Ablegen im verschlafenen Dorf Punucapa erfüllt das Kreischen, Krächzen und Zwitschern der Vogelwelt die Luft. Während die Schwarzhalskraniche respektvoll Abstand halten, flattern die Patagonienmöwen empört um die Köpfe der Paddler. 

Kreischen, Krächzen, Zwitschern: Unterwegs mit dem Paddelboot im Naturschutzgebiet Carlos Anwandter nahe Valdivia.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Kreischen, Krächzen, Zwitschern: Unterwegs mit dem Paddelboot im Naturschutzgebiet Carlos Anwandter nahe Valdivia.Oliver Gerhard/dpa-tmn

© Oliver Gerhard/dpa-tmn

Der Gezeitenfluss Río Cruces ist zum Lebensraum von über hundert Vogelarten geworden, seitdem das Erdbeben von 1960 den Wasserspiegel gehoben hat. Höhepunkt der Exkursion ist ein Lost Place in der Wildnis: die überwucherten Ruinen einer deutschen Farm, deren Felder bei der Naturkatastrophe geflutet wurden. Einige Familien verarmten danach, erklärt der Paddelguide. Doch viele andere sind bis heute eingebunden in die chilenische Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. 

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Valdivia ist die Hauptstadt der Region Los Ríos im südlicheren Chile, zwischen Pazifik und Anden. Weiter südlich beginnt das beliebte Seenland mit seinen Vulkanen.

Reisezeit: Angenehm ist das Klima von November bis April, Hochsaison im Januar und Februar.

Anreise: Von Deutschland aus ist Valdivia mit Iberia und Latam über Santiago de Chile erreichbar. Zwischen Santiago de Chile und Valdivia verkehrt auch Sky Airline. 

Einreise: Ein noch sechs Monate gültiger Reisepass ist erforderlich. Bei der Ankunft erhält man für Aufenthalte von maximal 90 Tagen einen als Einreisebeleg („Tarjeta Única Migratoria“), der bei der Ausreise wieder abgegeben werden muss.

Unterkunft: In den Cabañas des „Refugio El Robledal“ in einem privaten Biotop am Fluss kostet das Doppelzimmer ohne Frühstück ab umgerechnet 66,50 Euro (www.elrobledal.cl). Gemütliche Zimmer bietet das zentrumsnahe Hotel „Di Torlaschi“, Übernachtung im Doppelzimmer inklusive Frühstück ab 80 Euro (hotelditorlaschi.cl).

Aktivitäten: Segeltörns mit der „Florencia Sofía“ kosten ab 59 Euro pro Person, es müssen mindestens sechs Personen teilnehmen (yateflorenciasofia.com). Sylvatica Outdoor veranstaltet Wanderungen und Paddeltouren; Halbtagestour ab 49 Euro (instagram.com/sylvaticaoutdoor).

Währung: 1.000 chilenische Pesos entsprechen 0,95 Euro (Stand: 2.07.2026).

Weitere Infos: descubrelosrios.cl; chile.travel/de

Schippert Touristen umher: die Familiencrew, bestehend aus Maximiliano (M.), Florencia und Clemente Parga.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Schippert Touristen umher: die Familiencrew, bestehend aus Maximiliano (M.), Florencia und Clemente Parga.Oliver Gerhard/dpa-tmn

© Oliver Gerhard/dpa-tmn

Per Bootstrip über den Río Cruces ab Valdivia zu erleben: das Naturschutzgebiet Carlos Anwandter.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Per Bootstrip über den Río Cruces ab Valdivia zu erleben: das Naturschutzgebiet Carlos Anwandter.Oliver Gerhard/dpa-tmn

© Oliver Gerhard/dpa-tmn

Berichtet von der kolonialen Vergangenheit der Region, die schon lange die Heimat des Mapuche-Volkes war: Museumsarchivar Roberto Bosshardt.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Berichtet von der kolonialen Vergangenheit der Region, die schon lange die Heimat des Mapuche-Volkes war: Museumsarchivar Roberto Bosshardt.Oliver Gerhard/dpa-tmn

© Oliver Gerhard/dpa-tmn

Der Naturpark Oncol mit tollen Ausblicken: Südlich von Valdivia beginnt das beliebte Seenland mit seinen Vulkanen.Oliver Gerhard/dpa-tmn

Der Naturpark Oncol mit tollen Ausblicken: Südlich von Valdivia beginnt das beliebte Seenland mit seinen Vulkanen.Oliver Gerhard/dpa-tmn

© Oliver Gerhard/dpa-tmn

„Ein nachbarschaftliches Verhältnis ist nie entstanden“: Isabel Naguil gibt Besuchern Einblicke in die Kultur des Mapuche-Volkes.Oliver Gerhard/dpa-tmn

„Ein nachbarschaftliches Verhältnis ist nie entstanden“: Isabel Naguil gibt Besuchern Einblicke in die Kultur des Mapuche-Volkes.Oliver Gerhard/dpa-tmn

© Oliver Gerhard/dpa-tmn

Valdivia ist die Hauptstadt der Region Los Ríos im südlicheren Chile, zwischen Pazifik und Anden. Weiter südlich beginnt das beliebte Seenland mit seinen Vulkanen.dpa-infografik/dpa-tmn

Valdivia ist die Hauptstadt der Region Los Ríos im südlicheren Chile, zwischen Pazifik und Anden. Weiter südlich beginnt das beliebte Seenland mit seinen Vulkanen.dpa-infografik/dpa-tmn

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