ARD-Doku-Serie zeigt Erdogans politischen Aufstieg
Eine neue Doku beleuchtet Erdogans Weg vom Istanbuler Bürgermeister zum Präsidenten der Türkei. Zu Wort kommen auch ehemalige Weggefährten, die von Faszination sprechen - und Enttäuschung.
Die ARD-Dokuserie „Erdoğan“ ist ab dem 29. Juni in der ARD Mediathek verfügbar.Kayhan Ozer/ARD/picture alliance/AP Photo/dpa
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Der Istanbuler Bürgermeister – ein bei der Bevölkerung beliebter, der Regierung aber unliebsamer Politiker – wird aus dem Gefängnis entlassen, gewinnt daraufhin mit einem Erdrutschsieg die Wahlen und regiert die Türkei für die folgenden 20 Jahre. Was wie die Wunschvorstellung des derzeit inhaftierten, ehemaligen Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu klingt, ist die reale Vergangenheit seines Kontrahenten: Recep Tayyip Erdogan.
Dessen politischem Aufstieg widmen sich die Regisseure Kristina Karasu und Michael Wech in der ARD-Dokuserie„Erdoğan“. Dafür haben sie mit zahlreichen Zeitzeugen und Wegbegleitern des heute 72 Jahre alten Erdogans sowie Journalisten gesprochen.
„Anlass für das Projekt ist das zehnjährige Jubiläum des Putsches“, erklärt Filmemacher Wech der Deutschen Presse-Agentur. Am 15. Juli 2016 hatten Teile des türkischen Militärs gegen die Regierung geputscht, scheiterten jedoch. Erdogan zähle heute zu den fünf mächtigsten Politikern der Welt, sagt Wech: „Er ist womöglich auf dem Zenit seiner Macht.“
Bürgermeister von Istanbul
Anhand von Archivmaterial werden die Zuschauer in das Istanbul der 90er Jahre versetzt: eine aufstrebende und zugleich marode Metropole. „Das goldene Horn in Istanbul war eine Kloake“, erinnert sich der ehemalige „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel. Wohnungen waren knapp, das Wasser fiel oft aus, der Gestank soll unerträglich gewesen sein.
Mit Erdogan betrat dann ein Politiker die Bühne, der schnelle Lösungen versprach. Aufgewachsen ist er im Stadtteil Kasimpasa, einem Arbeiterviertel im Zentrum Istanbuls, das heute das Recep-Tayyip-Erdogan-Fußballstadion beheimatet. Seine Identität als Junge aus einfachen Verhältnissen, der den Aufstieg aus eigener Kraft geschafft habe, weiß Erdogan zu nutzen.
Sein Aufstieg fällt in eine Zeit globaler Umbrüche nach dem Kalten Krieg: Erdogan wird zum gefragten Partner europäischer Investoren und zu einem wichtigen Player auf der internationalen Bühne. Er unterhält enge Beziehungen zu Politikern wie Silvio Berlusconi und Barack Obama.
Alte Weggefährten erinnern sich
In der Dokumentation kommen zahlreiche ehemalige Weggefährten Erdogans zu Wort, die beschreiben, welche Faszination von ihm ausging. Nihal Olcok, Ehefrau von Erdogans ehemaligem Kampagnenmanager, war selbst aktiv in der Vorgängerorganisation der heute regierenden AKP, der Refah-Partei. Sie erklärt, dass Frauen eine zentrale Rolle für den Erfolg der Partei gespielt haben, in dem sie besonders aktiv in den Wahlkampf eingebunden wurden.
Auch Erdogan selbst hatten die Filmemacher um eine Stellungnahme gebeten, die Anfrage blieb jedoch unbeantwortet. „Die meisten AKP-Vertreter wollen nicht in Programmen auftauchen, in denen auch die Gegenseite zu Wort kommt“, erklärt Filmemacherin Kristina Karasu. „Sie wollen nicht, dass jemand widerspricht.“
Die Serie beleuchtet auch zentrale Entscheidungen für Erdogans Machterhalt: das harte Vorgehen gegen Demonstranten im Gezi-Park 2013, lange Prozesse gegen vermeintliche Verschwörer und der Ausnahmezustand nach dem gescheiterten Putsch 2016.
Die Basis der AKP
Doch Erdogan regiert die Türkei nicht nur mit Präsidialdekreten, er hat auch eine große Basis, die ihn unterstützt. Je nach Umfrageinstitut umfasst diese 30 bis 40 Prozent der Wählerschaft und macht damit einen großen Teil der Bevölkerung aus.
„Wir haben bei unseren Dreharbeiten erlebt, dass die Menschen die Realität in der Türkei vollkommen unterschiedlich wahrnehmen“, erklärt Karasu. Während die einen sich freuen, dass die Türkei nun international wieder mehr zu sagen habe, meinen viele junge Menschen, Erdogan habe ihr Land ruiniert, schildert Karasu.
Machtkampf mit der Opposition
Der Satz „Wer Istanbul regiert, der regiert die Türkei“ gilt als Formel für Erdogans Karriere - und als Bedrohung für seine Partei. Seitdem die größte Oppositionspartei CHP 2019 das Bürgermeisteramt in Istanbul gewann, spitzt sich der Machtkampf zu. Die Verhaftung vom damaligen Bürgermeister Imamoglu im März 2025 sehen Regierungskritiker als gezielten Schlag gegen den aussichtsreichsten Erdogan-Rivalen.
„Als Erdogan 1999 verhaftet wurde, gab es noch ein parlamentarisches System“, sagt Karasu. Heute hingegen gebe es ein Ein-Mann-System. „Imamoglu hat auch das Potenzial, zum Helden zu werden. Denn was bei den Menschen im Gedächtnis bleibt, ist, dass ihm Unrecht getan wurde.“ Viel zu fürchten habe Erdogan aber nicht, „weil er die Macht in seiner Hand hält“, sagt Karasu.
Die Dokumentation ist in zwei Versionen verfügbar: eine vierteilige Langfassung ab 29. Juni in der ARD-Mediathek und am 15. Juli im WDR Fernsehen, die kürzere Fassung läuft am 8. Juli im Ersten.