Kreis Borken

Eltern suchen in Rhede dringend nach Kinderärzten

Vor vier Monaten hat Kinderarzt Dr. Berend Feddersen angekündigt, Ende Juni seinen Kassenarztsitz in Rhede abzugeben und nur noch Privatpatienten zu behandeln. Seitdem sind die Eltern im Unklaren, wie es im Sommer mit der kinderärztlichen Versorgung in Rhede weitergeht – zumal auch Kinder- und Jugendmedizinerin Petra Poitz seit Langem vergeblich nach einem Nachfolger sucht.

20.02.2024

Wer macht die nächste U-Untersuchung bei Lino? Das fragt sich die besorgte Mutter Kerstin Pittalis.

Wer macht die nächste U-Untersuchung bei Lino? Das fragt sich die besorgte Mutter Kerstin Pittalis.

© Sven Betz

Medizinische Versorgung

RHEDE. „Man hängt als Eltern in der Luft“, sagt beispielsweise Marie-Charlotte Schmaloer, deren fast dreijähriger Sohn bisher bei Dr. Feddersen in Behandlung ist. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat noch keine Lösung. Es sei extrem schwierig, Ärzte zu finden, die sich unter den aktuellen Bedingungen selbstständig machen wollten, sagt Amin Osman, Leiter der Bezirksstelle Borken der Kassenärztlichen Vereinigung.

Telefonmarathon für Mütter

Die Eltern versuchen, anderswo unterzukommen – meist ohne Erfolg. Sie habe alle Kinderärzte bis nach Wesel und Stadtlohn abtelefoniert, berichtet Kerstin Pittalis, die ebenfalls bisher bei Feddersen ist. Keiner habe ihren 14 Monate alten Sohn Lino in die Patientenkartei aufnehmen wollen. „In Bocholt hat man mir gleich gesagt, dass dort schon alle Kinderärzte voll sind.“ Überall, wo sie anrufe, stoße sie auf „tiefes Mitgefühl“, sagt die 32-jährige Mutter. Aber helfen könne ihr niemand, und sie frage sich: „Was soll ich jetzt machen?“

Die Eltern seien schließlich verpflichtet, die Vorsorgeuntersuchung bei den Kindern durchführen zu lassen, sagt Schmaloer. Sie ist froh, dass sie für ihren Sohn noch einen Termin für die nächste U-Untersuchung bei Feddersen bekommen hat. Wer die übernächste macht, ist auch für sie unklar. Den Telefonmarathon durch die Kinderarztpraxen der Region hat sie schon hinter sich.

Ärzte vertreten sich nicht mehr

Irritiert sind viele Eltern außerdem, weil die beiden Rheder Kinderärzte sich neuerdings bei Krankheit und Urlaub nicht mehr gegenseitig vertreten. Das liege an drohenden Strafen durch eine gemeinsame Prüfungseinrichtung der Ärzte und Krankenkassen, erläutert Osman. Sie lege fest, dass zwei einzelne Praxen nur eine festgelegte Quote von gemeinsamen Patienten haben dürfen.

Bei regelmäßigen Urlaubsvertretungen im selben Ort tauchen naturgemäß relativ viele Patienten in den Akten beider Ärzte auf. „Das sieht dann aus wie eine Gemeinschaftspraxis“, sagt Osman. Die Folge: Es werde schnell Abrechnungsbetrug unterstellt und den Ärzten drohten Regressforderungen. Daher müssen die Eltern bereits heute nach Bocholt oder Borken fahren, wenn einer der Rheder Kinderärzte im Urlaub ist.

Bemühung um dauerhafte Lösung

Die Stadt und die Kassenärztliche Vereinigung bemühen sich seit Monaten um eine dauerhafte Lösung. „Wir sind in guten Gesprächen“, sagt der städtische Beigeordnete Hubert Wewering auf Nachfrage. Einzelheiten dazu möchte er wegen der laufenden Verhandlungen noch nicht nennen. Für die KV erklärt Bezirksleiter Osman, man habe die Praxen in die interne Praxisbörse aufgenommen. Außerdem sei die KV „aktiv auf die Krankenhäuser zugegangen“ – in der Hoffnung, dort jemanden abwerben zu können, der eine eigen Praxis eröffnen will.

Das Problem sei ein generelles: Der Beruf sei durch die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen so unattraktiv geworden, dass sich niemand mehr niederlassen, sondern allenfalls noch als angestellter Kinderarzt arbeiten wolle. Das betreffe nicht nur Rhede, sondern ganz Deutschland.

Eltern suchen in Rhede dringend nach Kinderärzten

© Sven Betz