Leserbrief: „Kritik lenkt zu schnell von den Sachfragen ab“
Leserbrief zum BZ-Bericht „Gemen: Rat stellt Vorkaufsrecht zurück“ aus der Ausgabe vom 17. Juli.
© Sven Kauffelt
Mit Interesse habe ich die Berichte zur geplanten Vorkaufssatzung in Gemen verfolgt. Dabei beschäftigt mich weniger die Frage, ob eine Stadt ein Vorkaufsrecht haben darf – dieses Instrument sieht das Baugesetzbuch ausdrücklich vor. Entscheidend ist vielmehr, in welchem Umfang und mit welcher Begründung davon Gebrauch gemacht werden soll.
Wenn ein Großteil Gemens unter eine Vorkaufssatzung gestellt wird, halte ich kritische Nachfragen für legitim. Warum ist eine derart weitreichende Ausdehnung notwendig? Welche konkreten städtebaulichen Ziele lassen sich mit den bisherigen Instrumenten nicht erreichen?
Stattdessen hatte ich den Eindruck, dass sich die Debatte schnell von der Sachfrage auf die Bewertung der Kritik verlagerte. Das macht mich nachdenklich. Eine demokratische Auseinandersetzung lebt davon, unterschiedliche Auffassungen mit Argumenten zu beantworten – nicht mit Etiketten.
Die inzwischen angekündigte Bürgerversammlung ist deshalb ein richtiger Schritt. Sie zeigt zugleich, dass auch kritische Einwände ihren Wert haben. Denn häufig sind sie Anlass dafür, dass Sachverhalte noch einmal öffentlich erläutert, hinterfragt und diskutiert werden. Wer kritische Stimmen vorschnell als „Populismus“ oder „Narrative“ abtut, läuft Gefahr, berechtigte Fragen zu überhören, statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Ich sehe die geplante Ausweitung der Vorkaufssatzung kritisch. Gerade von der CDU hätte ich mir eine kritischere Haltung gewünscht. Schließlich zählt der Schutz des Privateigentums seit jeher zu ihren politischen Überzeugungen.
Dass es sich dabei nicht um eine klassische Enteignung handelt, steht außer Frage. Dennoch greift eine derartige Vorkaufssatzung spürbar in den freien Grundstücksmarkt ein. Gerade deshalb sollte sie besonders sorgfältig begründet werden. Eine starke Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche politische Überzeugungen respektvoll miteinander ringen. Wer berechtigte Fragen ernst nimmt und mit Argumenten beantwortet, stärkt das Vertrauen der Bürger in die Politik – und damit auch die demokratische Mitte. Gerade in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft zunehmend polarisiert wird, halte ich das für wichtiger denn je.
Ich wünsche mir deshalb eine Diskussion, in der nicht die Motive des politischen Gegners im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, was langfristig das Beste für unsere Stadt ist.
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© Sven Kauffelt