Borken

Der neue BZ-Podcast: Erste Folge mit Theo Heitkamp

Die Borkener Zeitung hat ein neues Format im Angebot und stellt sich darin die Frage: Kann Deutschland noch erfolgreich bauen? Im neuen Podcast „BZ-Stadtgespräch“ erörtert Theo Heitkamp, Geschäftsführer der Firmengruppe Stewering, die Auswirkungen der aktuellen Bauprobleme und zeigt innovative Lösungswege auf.

06.07.2026

Die Stromtrasse „A-Nord“ ist ein Milliardenprojekt, das von mittelständischen Unternehmen gestemmt wird. Eins davon ist die Firma Stewering aus Gemen. Geschäftsführer Theo Heitkamp sieht im Mittelstand viel Potenzial.

Die Stromtrasse „A-Nord“ ist ein Milliardenprojekt, das von mittelständischen Unternehmen gestemmt wird. Eins davon ist die Firma Stewering aus Gemen. Geschäftsführer Theo Heitkamp sieht im Mittelstand viel Potenzial.

© Sven Kauffelt

BORKEN. Ob spannende Gespräche, interessante Menschen oder Hintergründe: All das gibt es künftig in einem neuen Angebot der Borkener Zeitung, den BZ-Podcasts. Die Redaktion geht gleich mit zwei Kanälen auf Sendung: dem BZ-Stadtgespräch und „Mensch Münsterland“. Jede Woche erscheint eine neue Folge.

In dieser Woche geht es um das Thema „Infrastruktur“. Der Geschäftsführer der Firmengruppe Stewering, Theo Heitkamp, berichtet, wo es bei Bauprojekten in Deutschland schief läuft, was Lösungen wären und wie es um das Sondervermögen der Bundesregierung steht. Den Text dazu finden Sie auf der dritten Lokalseite.

Die erste Folge gibt es nun hier. Und natürlich auch einen Auszug daraus zum Nachlesen.

Bröckelnde Brücken, Probleme bei der Bahn und der Vorwurf: Deutschland kann keine Baustellen mehr. Das alles ist gut bekannt, per Sondervermögen will die Bundesregierung die Probleme lösen. Aber kann Deutschland noch erfolgreich bauen? BZ-Redakteur Stephan Werschkull hat mit Theo Heitkamp, Geschäftsführer der Firmengruppe Stewering, darüber gesprochen.

Die gesamte Fassung dieses Interviews veröffentlicht die BZ als Podcast. Das BZ-Stadtgespräch gibt es auf der BZ-Internetseite, auf Apple Podcasts, Youtube und Spotify. Die ersten Folgen sind kostenfrei abrufbar.

BZ: Als ein Hemmschuh für Bauprojekte wird immer wieder die Bürokratie genannt.

Heitkamp: Wir müssen Statistiken abliefern, wir haben Dokumentationspflichten, Unbedenklichkeitsbescheinigungen müssen beigebracht werden und und und… Das ist ein gewaltiger Berg an Zusatzaufgaben, aber meckern hat noch nie geholfen. Wir haben unsere hausinternen Prozesse so gestrafft, dass wir den Berg an Arbeit bewältigen können.

BZ: Gibt es Vorschriften, die Sie sofort abschaffen würden?

Heitkamp: Ich tue mich immer schwer zu sagen, da gibt es bei einer Regelung gar keinen Mehrwert. Vielleicht wird es an irgendeiner Stelle, die ich gar nicht durchblicke, dann doch vonnöten sein. Aber das, was ich sehe: Bei uns gehen mehrmals die Woche große Angebote raus und diese Angebote brauchen Zertifikate, Bescheinigungen und so weiter. Und für jedes Angebot liefern wir diese Dinge mit. Dann können wir für einen Auftraggeber drei Angebote die Woche machen und dreimal bombardieren wir den mit diesen gleichen Nachweisen. Eigentlich muss es eine bundesweite Datenbank geben.

Baustart trotz verwässerter Planung

BZ: Wenn in Deutschland ein Bauprojekt länger als geplant braucht, gibt es einen ganz beliebten Kommentar in sozialen Medien: In China oder Japan wäre das über Nacht fertig gewesen. Stimmt das?

Heitkamp: Ich glaube erst mal, dass wir als Bauindustrie ausgesprochen leistungsfähig sind und ganz besonders der inhabergeführte Mittelstand. Wir haben aber Faktoren, weshalb Projekte nicht nur augenscheinlich, sondern tatsächlich viel zu lange dauern. Planungen dauern viel zu lange und sind häufig auch nicht abgeschlossen, nicht ausführungsreif. Und es müssen ganz viele Instanzen gehört werden. Hier vergeht viel Zeit. Die Planung verwässert. Bearbeiter ändern sich. Der weiß vielleicht gar nicht mehr, warum die Planung damals mal so angedacht war. Aber irgendwann wird gesagt: So, wir haben genug gedribbelt, jetzt muss auch geschossen werden, und dann kommt ganz häufig eine nicht ausführungsreife Planung auf den Markt. Dann stellt man beim Bauen fest, es gibt Planungslücken. Dann gerät der Bau häufig in Stocken.

„Im Bereich der Energie-Infrastruktur ist einiges in Bewegung. Aber im kommunalen Bereich merkt man das nicht im Ansatz.“



Theo Heitkamp

BZ: Wie könnte man das auflösen?

Heitkamp: Wir müssen weg von den klassischen Vertragsformen. Heißt, es gibt eine fertige Planung, darauf aufbauend einen Einheitspreisvertrag. Die Lösung wären Funktionalausschreibungen. Das heißt, die Bauaufgabe wird eindeutig definiert in Geometrie und Qualität.

Es gibt aber keine fertige Planung, sondern ein klares Ziel, etwa eine Kanalisation, die in die Erde muss. Der Weg dahin steht dem Unternehmer frei. Er muss es natürlich abstimmen. Er muss die anerkannten Regeln der Technik einhalten. Der Bauherr verlagerte die Ausführungsplanung zu den Baufirmen. Wir haben aktuell - deswegen weiß ich auch, dass das so gut funktioniert - genau so ein Projekt durchgeführt. Da ging es darum, in Essen im Bereich der Kreuzung der A 42 mit der B 224, eine Autobahnentwässerung zu bauen. Hoher Termindruck. Als wir den Auftrag angenommen haben, war ich gespannt, ob wir das schaffen. Wir haben es spielend geschafft. In der klassischen Form wäre das überhaupt nicht machbar gewesen. Diese Form der Funktional-Ausschreibung muss an ganz vielen Stellen Schule machen.

Theo Heitkamp (rechts) war im BZ-Podcast „Stadtgespräch“ zu Gast.

Theo Heitkamp (rechts) war im BZ-Podcast „Stadtgespräch“ zu Gast.

© Bölker

BZ: Wird das denn Schule machen?

Heitkamp: Ich glaube, dass es teilweise alternativlos ist. Unter anderem beim Brückenbauen wird es sehr häufig schon praktiziert. Die Werkzeuge sind da. Das ist ein Hebel. Auch die integrierte Projektabwicklung für Großprojekte wäre sowas. Diese beiden Hilfsmittel haben schon lange den Status eines Pilotprojekts verlassen. Die funktionieren 100-prozentig. Man muss es nur anwenden. Ein weiterer Hebel könnte die innovative Planungstechnik sein. Wir praktizieren etwa das Modell des digitalen Zwillings. Bestandspläne passen in der Regel nicht. Wir fahren mit dem Georadar übers Baufeld und gucken: Was liegen dort für Leitungen? Wir machen den Boden gläsern damit. Da lösen sich ganz viele klassische Probleme auf dem Bau. Wir hatten mal ein Großprojekt in Herne. Da haben wir dann eine Hochdruckgasleitung vor der Nase gehabt. Es musste für eine Menge Geld umgeplant werden. Mit dem digitalen Zwilling wäre das nicht passiert.

Eine Branche lechzt nach Aufträgen

BZ: Jedes Projekt braucht erstmal Geld. Da soll das Sondervermögen des Bundes der Schlüssel sein. Merkt man das in der Branche schon?

Heitkamp: Im Bereich der Energie-Infrastruktur ist einiges in Bewegung. Aber im kommunalen Bereich merkt man das nicht im Ansatz. Die ganze Branche lechzt nach Aufträgen. Der Bedarf ist riesig. Gefühlt wird aber um diese gewaltigen Infrastruktur-Herausforderungen nur herumgeschlichen. Es beschleicht einen das Gefühl, dass keiner so richtig weiß, wie man es angehen soll. Es wird noch viel in ausgetretenen Pfaden gearbeitet. Wir versitzen das Problem.

Es kann auch schnell gehen

BZ: Was muss man machen, um in die Pötte zu kommen?

Heitkamp: Ich bin der letzte, der schreit: Das muss die Politik regeln. Hier muss ich aber schon klar sagen, dass die Politik eine klare Botschaft an die Kommunen senden muss. Es ist fünf nach zwölf. Wir haben jetzt die Erwartungshaltung, dass die dringendsten Projekte umgesetzt werden. Der größte Hemmschuh ist die Unsicherheit in den Kommunen. Wenn das aber knüppelhart eingefordert wird, wundert man sich, was geht. Es gibt Behörden, die außergewöhnlich leistungsfähig sind. Beim Mamutprojekt Emscherumbau gab es eine gewaltige Herausforderung: Alle offenen Abwasserläufe sollten verrohrt werden. Ende 2021 musste alles fertig sein. Da haben wir uns gewundert, wie agil und flexibel Behörden waren. Wir haben uns zusammengesetzt und vieles in Windeseile geklärt.

BZ: Wenn der Knoten einmal durchschlagen wäre, könnte die Sanierung der deutschen Infrastruktur so richtig Fahrt aufnehmen? Hätten die Unternehmen die Kapazität?

Heitkamp: Definitiv. Wir kommen aus dem Boom, haben Kapazitäten aufgebaut. Jetzt denkt aber auch der eine oder andere darüber nach, ob er Ressourcen abbauen soll. Wenn wir keine Planungssicherheit haben, tun wir Unternehmen uns natürlich schwer, Kapazität aufrechtzuerhalten. Aber: Wenn man uns Mittelständler von der Kette lässt, geht eine Menge.

Theo Heitkamp und Stewering

Theo Heitkamp ist seit 2005 in der Geschäftsführung von Stewering Bau aktiv. Die Unternehmensgruppe Stewering umfasst sechs Unternehmen, die unter anderem im Bereich Tiefbau, Bautechnik, Metallarbeiten, Ingenieursleistungen und Digitalisierung aktiv sind. In diesem Jahr wird der Umsatz bei 100 Millionen Euro liegen, schätzt Heitkamp. Das größte Bauprojekt ist „A-Nord“, eine Stromtrasse, die von der Nordsee 300 Kilometer weit ins Land führt. Das Milliardenprojekt stemmt Stewering mit anderen mittelständischen Unternehmen. Nach aktuellem Planungsstand wird das Projekt im Zeit- und Kostenrahmen bleiben.