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Würde, Heimat und Beschäftigung für Wohnungslose

Im Magazin „Spezi“ stellt die Borkener Zeitung besondere Unternehmen aus der Region vor - echte Spezialisten auf ihrem Gebiet. Heute: der Verein für katholische Arbeiterkolonien (VfkA) mit dem Haus Maria Veen.

19.01.2026

Das Haus Maria Veen in Reken - Stationäre Einrichtung der Wohnungslosenhilfe

Das Haus Maria Veen in Reken - Stationäre Einrichtung der Wohnungslosenhilfe

© PD

Woher kommt der für uns heute doch eher altmodisch bis befremdlich klingende Name Ihres Vereins?

Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verloren viele Männer ihre Arbeit und damit die Möglichkeit, sich und ihre Familien zu ernähren. Was sie gelernt hatten, war nicht mehr gefragt, ihre tägliche Arbeit wurde durch Maschinen ersetzt. Vieles, das ihrem Leben über Generationen hinweg Sinn und Sicherheit gegeben hatte, brach weg. Hunger, Strukturlosigkeit, Vereinsamung und Bildungsarmut waren für viele Menschen dieser Zeit die Folgen. Zunehmend mehr junge und ältere Männer irrten durch das Land, suchten nach Beschäftigung, schliefen auf der Straße, ertranken den Hunger und ihre Sorgen in Alkohol und stellten so der damaligen Gesellschaft die damals erstmals so benannte „soziale Frage wohnungs- und arbeitsloser Menschen“. 1888 gründete sich infolgedessen der „Verein für katholische Arbeiterkolonien in Westfalen“ und schuf mit dem Haus Maria Veen in Reken seinen ersten Standort zur Beheimatung und Beschäftigung „nichtsesshafter“ Männer. 1908 kam mit dem Sankt Antoniusheim in Vreden ein weiterer Standort im heutigen Kreis Borken dazu. Seither steht der wohnungslose Mensch im Zentrum der Angebote und Hilfen des VfkA. Derzeit betreibt der Verein im Auftrag des LWL 310 Plätze in der stationären Wohnungslosenhilfe.

„Pflege, die anders ist“ - beim VfkA ist die Arbeit geprägt von Offenheit.

„Pflege, die anders ist“ - beim VfkA ist die Arbeit geprägt von Offenheit.

© PD

Das heißt, der Auftrag des VfkA hat sich in den letzten fast 140 Jahren nicht wirklich verändert?

„Genau deshalb hat der Verein den antiquiert wirkenden Begriff der „Arbeiterkolonien“ auch nie aufgegeben – auch wenn wir wissen, dass er erklärungswürdig ist“, berichtet Andreas Konze, Vorstand des Vereins. Denn darum geht es bis heute: um Arbeit, Beschäftigung und Wohnraum. Angebote zu Beschäftigung und Tagesstrukturierung in verschiedensten Arbeitsbereichen sind neben verschiedenen Wohnmöglichkeiten Grundlage der Hilfen. Wohn- und Beschäftigungsangebote werden fortlaufend überarbeitet und modernisiert und den Anforderungen der Bewohnerschaft, der Gesellschaft und des Gesetzgebers angepasst. Die Schwierigkeiten und Herausforderungen des/der modernen Wohnungslosen rühren häufig aus vielschichtigen und sehr persönlichen Problemen. Hier sind differenzierte Antworten gefragt, die mitunter eine große Herausforderung darstellen. Mit der Hilfe eines multiprofessionellen Teams, einer modernen Leitungsstruktur, qualifizierter Sozialberatung, einer begleitenden, aber unaufdringlichen Seelsorge, den Arbeits- und Ausbildungsleitungen mit hoher sozialer Kompetenz, einem einfühlsamen hauswirtschaftlichen und medizinischen Dienst werden im Haus Maria Veen, im Sankt Antoniusheim in Vreden und auch in den inzwischen eingerichteten Ambulanten Diensten die hier lebenden Menschen begleitet und unterstützt. „Ziel unseres Vereins und seiner ca. 350 Mitarbeiter ist es, die je eigene Lebenssituation der Bewohner und Klienten und ihre selbstbestimmte Teilhabe am Leben der Gesellschaft zu erhalten beziehungsweise zu verbessern.“

Das Sankt Antoniusheim in Vreden wird seit 1908 vom VfkA betrieben.

Das Sankt Antoniusheim in Vreden wird seit 1908 vom VfkA betrieben.

© PD

Sie bezeichnen Ihre beiden Pflegewohnheime als „Pflegewohnheime der ganz besonderen Art“. Was macht sie so besonders?

„Wohnungslose Männer und Frauen stehen auch in unseren beiden Pflegewohnheimen im Mittelpunkt“, teilt Andreas Konze mit. In der Tat heben sie sich von anderen Pflegewohnheimen ab, vor allem von anderen Altenwohnheimen. Menschen, die auf der Straße gelebt haben - zusätzlich vielleicht auch Suchtmittel konsumieren - die über Jahre hinweg Ängsten, Sorgen, Scham und Vereinsamung ausgesetzt sind, altern und erkranken nicht nur schneller, sondern vielfach auch intensiver. „Unsere rund 200 Bewohner sind im Durchschnitt 20 Jahre jünger als in gängigen Altenpflegewohnheimen. Gleichzeitig sind sie es gewohnt, für sich und ihr Leben kämpfen zu müssen, um zu überleben; auch Vorurteile, Verurteilung und Ablehnung haben sie geprägt – und prägen weiterhin. Darauf reagieren Menschen unterschiedlich: einige ziehen sich vollkommen zurück, werden depressiv und vereinsamen so noch mehr, andere werden härter, direkter, bedingungsloser, viele ertragen die räumliche und strukturelle Enge einer Einrichtung nur schwer. Vertrauen in Strukturen und menschliche Nähe muss neu erlernt werden.“

Respekt und Vertrauen bilden die Grundlage der Arbeit.

Respekt und Vertrauen bilden die Grundlage der Arbeit.

© PD

Was heißt das für Ihre Mitarbeiter?

„Unsere tägliche Arbeit muss in besonderem Maße von Würde, gegenseitigem Verständnis, Respekt, ehrlichem Miteinander, aber auch Klarheit geprägt sein. Wenn jemand etwas blöd findet, sagt er das. Aber er bedankt sich auch so ehrlich und direkt wie kaum ein anderer Mensch! Das ist die Erfahrung, die die Mitarbeiter im VfkA mit ihren Bewohnern täglich machen und es vielen Kollegen unvorstellbar macht, noch einmal in einem anderen, ,normalen‘ Pflegewohnheim zu arbeiten. Deshalb laden wir derzeit Pflege- und Betreuungskräfte mit dem Slogan ,Pflege, die anders ist‘ ein, sich die Pflegewohnheime anzusehen, unsere Bewohner und Bewohnerinnen und uns Kollegen und Kolleginnen kennenzulernen und sich für eine Mitarbeit begeistern zu lassen.“