Wolfsburgs Bauer schonungslos: „Wie eine Schülermannschaft“
Die Situation beim VfL Wolfsburg ist so dramatisch wie nur selten in der Bundesliga-Geschichte des VW-Clubs. Immerhin: Cheftrainer Daniel Bauer beschönigt nichts - und gerät selbst in den Fokus.
Blickt mit seiner Mannschaft in eine düstere Zukunft: VfL Wolfsburgs Cheftrainer Daniel Bauer. Swen Pförtner/dpa
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Der VfL Wolfsburg rückt dem Abgrund immer näher. Das Szenario eines Absturzes der teuren VW-Truppe aus der Fußball-Bundesliga in die 2. Bundesliga nach 29 Jahren Erstklassigkeit wird zunehmend realistischer. Nach dem 2:3 (1:0) gegen den FC Augsburg konnte und mochte Cheftrainer Daniel Bauer die Leistung und die Situation nicht mehr beschönigen. Die Schonzeit für seine Spieler ist vorbei.
„Wir verhalten uns zum Teil wie eine Schüler-Mannschaft“, sagte der 43-Jährige. Was er an Mängeln auflistete, kam einem Offenbarungseid nahe. „Uns fehlen einfach der nötige Punch, die Aggressivität und auch einfach Meter.“
Allein die Vorstellung vor der Pause frustrierte und regte ihn auf. „Wir hatten zum wiederholten Mal in der ersten Halbzeit Probleme, unser Spiel auf den Platz zu bringen, weil wir einfach nicht zu 100 Prozent die Wege gehen, die man halt gehen muss, weil wir immer wieder Meter weglassen“, meinte er.
Umso erstaunlicher, dass seine Mannschaft gegen die Augsburger durch Yannick Gerhardt (41.) und Kento Shiogai (71.) zweimal in Führung lag. Und dennoch reichte es nicht.
Bauers Mängelliste
„Was hinten raus passiert ist, ist schwer zu akzeptieren“, sagte Bauer weiter. Er kritisierte die fehlende Zweikampfhärte und auch die Fähigkeit, „mal ein Foul zu spielen im richtigen Moment“. Dazu kam, dass den neun Eckbällen der Augsburger fünf, sechs individuelle Aussetzer vorausgingen.
Schon beim 1:2 gegen Borussia Dortmund und beim 2:2 bei RB Leipzig kassierte seine Mannschaft kurz vor dem Abpfiff zwei Gegentore, die wichtige Punkte im Abstiegskampf kosteten.
Gegen die Augsburger mussten die Niedersachsen durch den Handelfmeter Michael Gregoritsch (87.) und den Siegtreffer durch den Ex-Wolfsburger und Bauers früheren Jugendspieler Elvis Rexhbecaj in der Nachspielzeit gleich zwei Gegentreffer in den Schlussminuten hinnehmen.
Wieder späte Gegentreffer
„Wir sind zu naiv und lernen nicht daraus. Wenn wir da nicht ganz schnell dazulernen, werden wir so die Klasse nicht halten“, prophezeite Bauer beim TV-Sender Sky.
In der Pressekonferenz verwies er auf Mainz 05 und den Hamburger SV als Positiv-Beispiele. Die beiden ebenfalls abstiegsgefährdeten Mannschaften hatten sich am Freitagabend nach einem intensiven Spiel 1:1 getrennt. „Die beiden haben es vorgemacht, wie Abstiegskampf aussehen kann und vor allem wie Abstiegskampf auch aussehen muss.“
Wolfsburg schlechter als in den Relegationsjahren
So schlecht wie jetzt stand der VfL Wolfsburg noch nie da in seiner Bundesliga-Geschichte. Seit sechs Spielen sind die Wolfsburger ohne Sieg. Selbst in den beiden Relegationsjahren 2017 und 2018 hatte der VfL nach dem 23. Spieltag mit 23 und 24 Zählern mehr Punkte aufzuweisen als jetzt (20). Insgesamt 23 Zähler gaben die Wolfsburger in den bisherigen Spielen jeweils nach einer Führung noch ab.
„Die Stimmung ist grausam“, sagte Torschütze Gerhardt. „Wir wissen, die Situation wird immer ernster. Trotzdem kann ich für mich und auch für die Mannschaft sprechen, wir werden alles dafür tun, dass wir den Verein in der Liga halten.“
Ob das reicht? „Am Ende muss man natürlich die Qualität infrage stellen, wenn wir als Spieler es nicht schaffen, in der Saison bisher alles auf den Platz zu bringen“, sagte Gerhardt, der für den verletzten Maximilian Arnold die Kapitänsbinde trug. „Jeder einzelne Spieler muss sich da hinterfragen. Das ist das Einzige, was wir ändern müssen.“
Frust pur bei Wolfsburgs Kapitän Yannick Gerhardt (l) und seinen Teamkollegen Jan Bürger (M.) und Christian Eriksen. Swen Pförtner/dpa
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Verantwortung an der Situation liegt bei anderen
Sein Trainer kann einem leidtun. Er muss den Qualitätsmangel verwalten, die andere wie Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen zu verantworten haben. Im November übernahm er als Nachfolger des Niederländers Paul Simonis die Mannschaft. Eine Mannschaft, die im Sommer mit viel Geld zusammengestellt wurde und die um einen Europapokal-Platz und nicht gegen Abstieg spielen sollte.
Eine Mannschaft, die viele hervorragende Einzelspieler hat, aber keine Mannschaft ist. Eine Mannschaft, in der viele Spieler anscheinend noch nicht begriffen haben, was es braucht für den Überlebenskampf.
Bauer macht sich Sorgen um den Verein, nicht um seinen Posten
Mittlerweile gibt es dennoch erste Debatten, ob Bauer der richtige Mann für den Abstiegskampf ist. Die Zahlen und die Leistung der Mannschaft sprechen nicht für ihn. Sportdirektor Pirmin Schwegler hatte Bauer trotzdem vor dem Spiel den Rücken gestärkt. Auch der Däne Christiansen stellte sich nach dem Abpfiff hinter Bauer.
Nach dem Spiel bekam auch der Trainer Fragen nach seiner Jobsicherheit gestellt. „Um meine Zukunft fürchte ich mich gar nicht“, sagte er bei Sky. „Ich fürchte um die Zukunft des Clubs.“ Ersatz-Kapitän Gerhardt sieht die Verantwortung bei sich und seinen Team-Kollegen: „Ich glaube, am Ende war es die Mannschaft, die zu viele Trainer verschleißt.“