Wie ist der Anstieg der Arbeitslosenquote zu bewerten?
Die Arbeitslosenquote in Hamburg steigt und steigt. Der Leiter der Hamburger Agentur für Arbeit ordnet die Entwicklung ein.
Sönke Fock leitet seit 2011 die Hamburger Agentur für Arbeit. (Archivbild) Marcus Brandt/dpa
© Marcus Brandt/dpa
Die Arbeitslosenquote in Hamburg ist in den vergangenen drei Jahren bundesweit am zweitstärksten gestiegen. Die Quote nahm seit Dezember 2022 um 1,3 Prozentpunkte zu. Sie lag zum vergangenen Dezember bei 8,2 Prozent, wie aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht.
Wie ist die Entwicklung zu bewerten? Der langjährige Leiter der Hamburger Agentur für Arbeit, Sönke Fock, ordnet sie ein.
Warum ist Arbeitslosenquote in Hamburg deutlich gestiegen?
Fock verweist auf die langanhaltende Konjunkturschwäche Deutschlands - vor allem die Schwäche der Industrie. Wenn die Industrie krisele, treffe das nicht allein Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg, sondern auch Hamburg. „Der Hamburger Hafen ist schließlich das größte innerstädtische Industriegebiet Deutschlands“, sagt Fock.
In anderen Bereichen der Hamburger Wirtschaft führe die von der KI getriebene digitale Transformation dazu, dass sich Arbeitsabläufe veränderten, berichtet er. In einigen Feldern würden Tätigkeiten wegfallen. „So haben es Berufsanfänger in der Informations- und Kommunikationstechnologie derzeit besonders schwer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“
Gibt es außer Konjunkturschwäche und KI weitere Ursachen?
Fock weist außerdem auf das anhaltende Bevölkerungswachstum Hamburgs hin, zu dem auch Flüchtlinge und Migranten beitragen. Die hohe Attraktivität der Stadt verschärfe den Wettbewerb um Arbeitsplätze. „Langjährige Hamburger, Pendler aus dem Umland und Zugezogene konkurrieren um Stellen.“
Letztlich gebe es einen zunehmenden Anteil an ungelernten Arbeitslosen, der mittlerweile bei 55,9 Prozent liege, berichtet er. Das seien beispielsweise Flüchtlinge, die während der Corona-Pandemie ihre Arbeit verloren hätten, sowie etwa Deutsche, die die Schule vorzeitig verließen. Firmen suchten überwiegend Fachkräfte - nicht Ungelernte. „Mismatch“, nennt er das.
„Qualifizierte Pendler und Zuwanderer haben nach wie vor gute Chancen am Arbeitsmarkt in Hamburg“, sagt er. Anders sei die Situation der Arbeitslosen ohne Deutschkenntnisse und Berufsqualifikation.
Welche Arbeitnehmer sind entlassen worden?
Entlassungen haben im Betrachtungszeitraum am häufigsten Leiharbeiter getroffen. Also Menschen, die für Personalvermittler arbeiteten. „In Wachstumsphasen federn Unternehmen Auftragsspitzen über Personaldienstleister ab“, sagt Fock. „In schwachen Zeiten werden diese Arbeitnehmer zuerst entlassen.“
Nach jüngeren Zahlen betraf der Stellenabbau abgesehen von den Leiharbeitern den Bereich Information und Kommunikation, in dem etwa Informatiker und Mediengestalter arbeiten, und die Industrie. Einen größeren Personalaufbau gab es dagegen im Handel, Gesundheits- und Sozialwesen.
Wie steht es um den Hamburger Arbeitsmarkt insgesamt?
Fock sagt: „Der Hamburger Arbeitsmarkt ist trotz Konjunkturschwäche und Transformation in der Wirtschaft aufnahmefähig und dynamisch.“ Mit annähernd 1,1 Millionen Arbeitnehmern wurde im Oktober 2025 ein Höchstwert erreicht. Um die Qualität eines Arbeitsmarkts zu beurteilen, müsse auf Ab- und Zugänge geschaut werden. Gut sei, wenn es Bewegung gebe.
Wie fängt die Hamburger Agentur die zusätzliche Arbeit auf?
Wenn es mehr Arbeitssuchende gibt, bedeutet das für die Arbeitsagentur, dass mehr Anträge abgearbeitet werden müssen. Eine nennenswerte Zahl an Neueinstellungen habe es in der Behörde in den vergangenen Jahren dennoch nicht gegeben, berichtet Fock. Das sei nicht finanzierbar, weil der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung nicht erhöht werden solle.
Die Arbeitsagentur setzt auf Automatisierung, um die zusätzliche Arbeitslast zu bewältigen. Über die Website der Agentur können Kunden etwa das Arbeitslosengeld digital beantragen, was auch die Behörde entlastet.
Lieferando-Beschäftigte demonstrieren gegen Entlassungspläne in Hamburg. (Archivbild) Marcus Brandt/dpa
© Marcus Brandt/dpa