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Wie eine Familie um die Zukunft ihres Waldes kämpft

Dürre und Hitze haben dem Bleiwald in Reiskirchen und den anderen Wäldern in Hessen stark zugesetzt. Nur ein Bruchteil der jungen Bäume überlebt. Doch Aufgeben kommt für die Besitzer nicht infrage.

04.10.2026

Eine junge Buche hat die Dürre und Hitze in diesem Sommer nicht überlebt. Florian Wiegand/dpa

Eine junge Buche hat die Dürre und Hitze in diesem Sommer nicht überlebt. Florian Wiegand/dpa

© Florian Wiegand/dpa

Braune Blätter, lichte Kronen und zunehmende Kahlflächen - wenn Petra Hinkel im Bleiwald ihres Heimatortes Reiskirchen-Ettingshausen unterwegs ist, wird ihr das Herz schwer. „Es ist ein Trauerspiel“, sagt die 67-Jährige. Der Klimawandel hinterlässt in dem rund 200 Hektar großen Privatwald, seit drei Generationen ihrer Familie gehört, immer tiefere Spuren. In diesem Jahr haben die Dürre und Temperaturen von bis zu 40 Grad vielen der jungen Bäumchen, die ihr Mann Ernst und sie hier in den vergangenen Jahren gepflanzt haben, endgültig den Rest gegeben. Doch Aufgeben ist für das Paar keine Option. 

Petra Hinkels Großvater hatte vor Jahrzehnten ein erstes Waldstück von der Kommune gekauft.  Florian Wiegand/dpa

Petra Hinkels Großvater hatte vor Jahrzehnten ein erstes Waldstück von der Kommune gekauft. Florian Wiegand/dpa

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Die Liebe zur Natur und zum Wald wurde Petra Hinkel schon in die Wiege gelegt: Ihr Großvater hatte vor Jahrzehnten erste Waldflächen von der Kommune gekauft, später übernahm ihr Vater die Pflege des geerbten Waldes, kaufte Stück für Stück hinzu und kümmerte sich bis zu seinem Tod vor viereinhalb Jahren mit Hingabe darum. Schon als Kind habe sie viele Stunden und Tage hier verbracht, sagt Petra Hinkel. „Ich kannte jeden Baum hier. Und die Brombeeren, Himbeeren, Maiglöckchen und Schlüsselblumen.“ Schon lange lebt sie mit ihrem Mann im rund 100 Kilometer entfernten Darmstadt, doch der Wald und das Elternhaus in dem mittelhessischen Ort gehören fest zum Leben des Architektenpaares.

Einen großen Teil ihrer Freizeit verbringen Ernst und Petra Hinkel hier. Jetzt, da beide kurz vor dem Ruhestand stehen oder bereits im Ruhestand sind, finden sie mehr Zeit dafür. Gatter aufzustellen, um junge Bäume vor dem Verbiss durch Rehe zu schützen, Bäume und Rückegassen auszuzeichnen, zu mähen und zu mulchen sowie Lagebesprechungen mit der Feuerwehr zu führen - all das gehört zu den Aufgaben von Waldbesitzern. Um sie zu bewältigen, haben die Hinkels Unterstützung von einem Forstarbeiter, dem ehemaligen Revierförster Dieter Illhardt und ihrem Sohn, der Jagdpächter des Reviers ist.

Stürme, Dürre und Hitze haben im Bleiwald in Reiskirchen-Ettingshausen kahle Flächen hinterlassen.Florian Wiegand/dpa

Stürme, Dürre und Hitze haben im Bleiwald in Reiskirchen-Ettingshausen kahle Flächen hinterlassen.Florian Wiegand/dpa

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Trotzdem sind die Herausforderungen riesig: Alleine in den vergangenen sieben Jahren hätten sie 86.000 Bäume im Bleiwald gepflanzt, sagt Ernst Hinkel. Die jungen Pflanzen, die pro Stück im Schnitt etwa acht bis zehn Euro kosten, bis sie in der Erde sind, finanziert das Paar aus eigener Tasche und fährt sie auch selbst von der Forstbaumschule in Darmstadt in den Wald - immer mit dem Ziel, auf Flächen, in denen Stürme und Dürre kahle Flächen entstehen ließen, wieder aufzuforsten.

Junge Buchen, die das Ehepaar Hinkel im Bleiwald gepflanzt haben, haben die Dürre und Hitze nicht überstanden.Florian Wiegand/dpa

Junge Buchen, die das Ehepaar Hinkel im Bleiwald gepflanzt haben, haben die Dürre und Hitze nicht überstanden.Florian Wiegand/dpa

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Doch zunehmend wird das zur Sisyphusarbeit: Nur schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der jungen Bäumchen überleben - während auch bei den älteren Bäumen ein unaufhaltsamer „Absterbeprozess“ laufe, wie Illhardt sagt. Betroffen seien praktisch alle gängigen Baumarten, darunter neben Buchen auch Eschen, Birken und Kiefern. Auch an den Eichen, die noch als vergleichsweise widerstandsfähig gelten, zeigen sich im Bleiwald Spuren von Hitze und Trockenheit. „Der Klimawandel verschlechtert die Lebensbedingungen für die Bäume und verbessert sie für die Schadorganismen“, sagt der Förster im Ruhestand.

Der geschäftsführende Direktor des Hessischen Waldbesitzerverbandes, Christian Raupach, fordert mehr Gestaltungsspielräume für einen klimagerechten Waldumbau.Florian Wiegand/dpa

Der geschäftsführende Direktor des Hessischen Waldbesitzerverbandes, Christian Raupach, fordert mehr Gestaltungsspielräume für einen klimagerechten Waldumbau.Florian Wiegand/dpa

© Florian Wiegand/dpa

Finanziell rechnet sich das große Engagement der Hinkels nicht mehr - im Gegenteil: Angesichts der Kalamitäten ließen sich die Bäume aus dem Bleiwald praktisch nur noch als Brennholz vermarkten, das vergleichsweise wenig einbringt, sodass man unter dem Strich Geld draufzahle, sagt Ernst Hinkel. Mehr als der Hälfte der privaten Waldbesitzer in Hessen dürfte es ähnlich gehen, schätzt Christian Raupach, Geschäftsführender Direktor des Hessischen Waldbesitzerverbandes. „Es gibt einige, die das nur überleben können, weil sie alternative Einnahmen durch Windkraftanlagen oder durch Solaranlagen schaffen, damit sie wenigstens mal ihre Fixkosten decken können.“

Erhebliche Kopfschmerzen bereitet dem Verband auch die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur, die stark auf standortheimische Baumarten und insbesondere die Buche als „lebensraumprägend“ setze - und damit ausgerechnet auf die Baumart, die nach den Fichten derzeit besonders unter Dürre und Hitze leide, sagt Raupach. „Wir müssen jetzt entscheiden, mit welchen Baumarten gehen wir in diese Bestände rein, und brauchen hier Gestaltungsspielräume.“ 

Die Buchen haben stark unter der Dürre und Hitze in diesem Sommer gelitten. (Archivfoto)Lea Winkler/dpa

Die Buchen haben stark unter der Dürre und Hitze in diesem Sommer gelitten. (Archivfoto)Lea Winkler/dpa

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Auch beim Landesbetrieb HessenForst sieht man die Probleme - und zieht daraus Konsequenzen. Während es in früheren Jahren vor allem darum ging, Flächen, die durch Stürme, Trockenheit und den Borkenkäfer in den Jahren 2018 bis 2020 entwaldet wurden, wieder aufzuforsten, liege jetzt der Schwerpunkt auf dem Waldumbau unter den bestehenden Bäumen, sagt ein HessenForst-Sprecher. „Man kommt von einer Mammutaufgabe zur nächsten.“

Bei geschädigten Buchenbeständen entnehmen die Forstleute deshalb jetzt frühzeitiger Bäume - noch bevor es in diesen Beständen zu einer Naturverjüngung durch Buchen kommt. Ziel sei, eine vielfältige und klimaangepasste Waldgeneration auf den Weg zu bringen und das Holz der geschädigten Buchen noch möglichst hochwertig zu verwerten. 

Auch im Bleiwald spielt die Buche nach diesem Dürresommer derzeit keine Rolle bei der Wiederaufforstung. Unter den 540 Pflanzen, die Ernst Hinkel kürzlich wieder bei der Forstbaumschule bestellt hat, sind 300 Esskastanien und je 120 Roteichen und Baumhaseln. Er wäre schon froh, wenn es die jungen Bäumchen schafften, über die eigens errichteten Gatter hinauszuwachsen. Schon oft seien sie im Freundeskreis gefragt worden, warum sie sich die viele Arbeit eigentlich antun, sagt Petra Hinkel. Darauf findet sie immer die gleiche Antwort: „Das ist unser Beitrag zum Umweltschutz, für die Natur, für unsere beiden Kinder und unsere vier Enkel.“ Für das Paar steht fest: Der Wald soll auch in Zukunft im Besitz der Familie bleiben.

Große Flächen des Bleiwaldes in Reiskirchen-Ettingshausen sind durch Stürme, Dürre und Hitze entwaldet worden.    Florian Wiegand/dpa

Große Flächen des Bleiwaldes in Reiskirchen-Ettingshausen sind durch Stürme, Dürre und Hitze entwaldet worden. Florian Wiegand/dpa

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Der ehemalige Revierförster Dieter Illhardt sieht einen unaufhaltsamen „Absterbeprozess“ an vielen Baumarten im Bleiwald in Reiskirchen-Ettingshausen.Florian Wiegand/dpa

Der ehemalige Revierförster Dieter Illhardt sieht einen unaufhaltsamen „Absterbeprozess“ an vielen Baumarten im Bleiwald in Reiskirchen-Ettingshausen.Florian Wiegand/dpa

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