Wie die Polizei bei Vermisstenfällen vorgeht
Wenn Kinder vermisst werden wie derzeit der achtjährige Noah in Frankfurt, zählt jede Minute: Wie die Polizei vorgeht und warum die meisten Fälle schnell gelöst werden.
Wenn Kinder wie der achtjährige Noah aus Frankfurt vermisst werden, zählt jede Minute. Hannes P Albert/dpa
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Seit Mittwochmorgen wird ein achtjähriger Junge in Frankfurt vermisst, eine intensive Suche nach dem Kind läuft. Wie geht die Polizei in solchen Fällen vor, und welches sind häufige Hintergründe?
Wie ist die rechtliche Situation?
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gelten bei der Polizei als vermisst, wenn ihr Aufenthaltsort unbekannt ist und sie ihr gewohntes Lebensumfeld verlassen haben - denn als Minderjährige haben sie noch nicht das sogenannte Aufenthaltsbestimmungsrecht für sich selbst. Die Polizei geht in solchen Fällen zunächst einmal von einer „Gefahr für Leib und Leben“ aus.
Jeder Vermisstenfall unterliege einer Einzelfallprüfung - je jünger die Kinder aber seien, desto größer auch die zunächst angenommene Gefahr, sagt ein Polizeisprecher. Deshalb sollten sich Angehörige oder Bezugspersonen nicht scheuen, die Polizei zu verständigen, sobald ihnen das Ausbleiben eines Kindes ungewöhnlich vorkommt.
Wie geht die Polizei vor?
Bei der Suche nach vermissten Kindern und Jugendlichen folgt die Polizei bestimmten Standards. Zunächst wird eine Streife losgeschickt, die das Umfeld des Kindes - meist die Eltern, aber auch etwa Betreuungspersonen aus Wohngruppen - befragt. Dabei bitten die Beamten auch um ein möglichst aktuelles Foto des oder der vermissten Minderjährigen.
Über die Befragung von Bezugspersonen versuchen sie, die Hintergründe des Verschwindens möglichst genau zu erfassen - etwa ob eine Beeinträchtigung vorliegt, ein vermisster Jugendlicher psychisch krank ist oder vielleicht schon einmal in Behandlung war oder ob es eine Vertrauensperson gibt, an die sich das Kind oder der Jugendliche vielleicht wendet. Je nach den konkreten Umständen im Einzelfall richten sich dann auch das Suchgebiet und die Einsatzmittel. Entscheiden wird dann etwa, ob mit Hubschrauber, Drohne oder Mantrailer-Hunden gesucht wird und ob deren Einsatz im konkreten Fall tatsächlich zielführend ist.
Welche Hintergründe kommen bei Vermisstenfällen häufig vor?
Für Angehörige bedeutet das Verschwinden von Minderjährigen immer eine Ausnahmesituation - doch zum Glück würden die allermeisten Vermisstenfälle relativ schnell geklärt, sagt der Polizeisprecher. Im Nachhinein zeige sich dann auch häufig, dass die vorübergehend vermissten Kinder und Jugendlichen nicht unbedingt in einer Gefahrensituation waren.
Es gebe Fälle von Kindesentziehung durch einen Elternteil, etwa bei einem Sorgerechtsstreit. Kinder und Jugendliche verschwänden auch oftmals nach Streit mit Eltern oder Freunden oder aus Sorge, mit einem schlechten Schulzeugnis nach Hause zu kommen. Dauerausreißer oder unbegleitete Geflüchtete, die aus Unterkünften verschwinden, seien ebenfalls nicht selten.
Wie häufig sind Vermisstenfälle und wie viele werden aufgeklärt?
Zum Stichtag 1. Januar dieses Jahres waren laut Hessischem Landeskriminalamt (HLKA) insgesamt 265 Minderjährige im Bundesland als vermisst gemeldet, davon 115 Kinder und 150 Jugendliche. Für das Jahr 2025 seien zum gleichen Stichtag in Hessen zudem im polizeilichen Informations- und Fahndungssystem insgesamt 4.596 Fahndungsausschreibungen zu vermissten Minderjährigen registriert gewesen, darunter 662 Kinder im Alter von bis zu 13 Jahren und 3.934 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren. Für 4.443 dieser im vergangenen Jahr erfassten Fällen sei die Fahndungsausschreibung wieder aufgehoben worden, erklärte das HLKA. Die Aufklärungsquote liege somit bei knapp 97 Prozent.
Wie häufig gehen Vermisstenfälle schlecht aus?
Laut Polizeisprecher stellt sich nur ganz selten heraus, dass ein Unglücksfall oder eine Straftat vorlag. Tragisch endete im vergangenen Jahr die wochenlange Suche nach dem vermissten sechsjährigen Pawlos. Der autistisch veranlagte Junge war an einem Tag Ende März mittags aus seiner Grundschule in Weilburg davongelaufen, nach langem Bangen wurde er dort tot aus der Lahn geborgen.