Wenn es im Supermarkt still wird
Die Idee der „stillen Stunde“ stammt aus Neuseeland. Sie soll etwa Autisten oder Menschen mit ADHS durch reduzierte Reize einen entspannteren Einkauf ermöglichen. Breitet sich die Initiative aus?
Während der „stillen Stunde“ werden Reize, etwa durch Musik oder Licht, minimiert.Jacob Schröter/dpa
© Jacob Schröter/dpa
Die Musik ist aus, die Lichter sind gedimmt: Die „stille Stunde“ hat begonnen. Statt Musik oder Werbeansagen im Hintergrund hört man lediglich, wie Kunden Lebensmittel in ihre Einkaufswagen legen oder Angestellte an der Kasse mit Kunden sprechen. Seit Anfang August findet die Aktion einmal in der Woche in einem Rewe-Supermarkt im thüringischen Arnstadt südlich von Erfurt statt.
„Eine „stille Stunde“ ist für Menschen gedacht, die etwa Schwierigkeiten mit lauter Akustik haben - aber eben auch mit Blick auf andere Reize, die Stress verursachen können“, erläutert Fabian Diekmann, Fachreferent bei Autismus Deutschland. „Diese Barriere wird an der Stelle runtergefahren, um somit niederschwelligen Zugang zu ermöglichen.“ Profitieren könnten nicht nur Autisten, sondern auch etwa Menschen mit Alzheimer, Demenz oder ADHS.
„Eigentlich gibt es nur ein paar kleine Schräubchen, die wir anpacken müssen“, sagt Frank Ortlepp, Geschäftsführer der Arnstädter Rewe-Filiale. Dienstags zwischen 16.00 und 17.00 Uhr wird die Geräuschkulisse auf ein Minimum reduziert, auch die Kassengeräusche werden leiser. Außerdem wird in der Zeit nicht geputzt, es wird keine Ware verräumt, und die Beleuchtung wird gedimmt.
In Deutschland gibt es neben Supermärkten wie dem von Ortlepp immer mehr Stellen, an denen Betroffenen dank „stiller Stunde“ das Leben etwas leichter gemacht werden soll.
Als eine Maßnahme wird etwa die Beleuchtung reduziert.Jacob Schröter/dpa
© Jacob Schröter/dpa
Idee stammt aus Neuseeland
Die Idee stammt aus Neuseeland und wurde dort erstmals 2018 umgesetzt, erklärt Rebecca Lefèvre vom Verein Gemeinsam Zusammen. Sie ist Leiterin der Initiative „Stille Stunde - Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen sichtbar machen“. Als sie und ihr Verein davon hörten, habe es eine Handvoll Märkte gegeben, die das machten, sagt sie. 2023 startete ihr Verein dann eine Kampagne, um bundesweit für die Umsetzung zu werben.
Lefèvre ist selbst betroffen, wie sie erzählt. Früher habe sie beim Einkaufen mit ihrem Mann beispielsweise nach der Hälfte abbrechen müssen, weil es ihr zu viel wurde. Die weniger lauten und hellen Einkaufszeiten machten es ihr leichter. „Das ist dann schon toll, wenn man dann wirklich weiß, ich kann jetzt hier durchgehen“, sagt sie.
Persönliche Motivation als wichtiger Faktor
Doch um so etwas in einem Markt umzusetzen, brauche es oft jemanden mit einer persönlichen Motivation, so Diekmann. „Die meiste Dynamik entsteht, wenn jemand an verantwortlicher Position ist, der eine familiäre Betroffenheit hat“, erklärt er. Das gelte nicht nur für die „stille Stunde“, sondern in vielen Bereichen der Inklusionsarbeit: „Das ist der Schlüssel für vieles.“
So war es etwa auch in Arnstadt. Eine Kollegin aus der städtischen Arbeitsgemeinschaft zur Barrierefreiheit habe die Idee gehabt. Deren eigenes sei Kind betroffen, erzählt Henrik Fröhlich, der Vorsitzende des Gremiums. Auf ihre Initiative hin schrieb die Arbeitsgemeinschaft verschiedene Märkte an - und der Geschäftsführer der Rewe-Filiale in Arnstadt, Frank Ortlepp, reagierte.
Im thüringischen Arnstadt ging die Initiative von der Arbeitsgruppe für Barrierefreiheit aus, erzählt der Vorsitzende Fröhlich.Jacob Schröter/dpa
© Jacob Schröter/dpa
Wie wird es angenommen?
Wie Betroffene die Aktion finden, weiß Ortlepp nicht - von ihnen habe er bislang kein Feedback bekommen. Kritik - etwa dass es zu dunkel sei - gab es von Kunden auch noch nicht. Manche bemerkten die Veränderungen nicht einmal, berichtet der Geschäftsführer. Eine Kundin erzählt, dass sie die Reizreduktion nach dem Feierabend als sehr entspannend empfinde, um nach der Arbeit herunterzukommen. Und die Angestellten fänden es „superangenehm“, dass es in der Stunde mal ein bisschen ruhiger sei, sagt Ortlepp.
Ausbreitung über Supermärkte hinaus
Wie verbreitet ist die „stille Stunde“ also inzwischen in Deutschland? Bei Rewe und Edeka gibt es nach Angaben der Unternehmen einige Märkte, die das Konzept umgesetzt haben. Da es sich um eine freiwillige Initiative handelt, lägen aber keine konkreten Zahlen vor.
Während der „Stillen Stunde“ wird auch keine Ware verräumt und der Ton der Kasse auf ein Minimum zurückgefahren.Jacob Schröter/dpa
© Jacob Schröter/dpa
Doch die Initiative hat sich deutschlandweit ausgebreitet und über Supermärkte hinaus entwickelt, wie Rebecca Lefèvre erzählt. Inzwischen gebe es rund 300 Stellen, die sich beim Verein als Teilnehmer registriert hätten. Doch mittlerweile melden sich ihr zufolge viele auch gar nicht mehr an - die Zahl der Einrichtungen liegt also vermutlich höher. „Das ist schon schön, dass das inzwischen so weit gekommen ist.“
Auch in Museen oder Einrichtungshäusern wird die Idee mittlerweile umgesetzt. Bei Ikea gibt es laut Unternehmen seit Juni jeden Mittwoch für zwei Stunden reizreduzierte Einkaufszeiten. Das Kunstmuseum Hamburger Bahnhof in Berlin bietet etwa seit diesem Frühling einmal im Monat eine „stille Stunde“ in wechselnden Ausstellungen an, wie das Haus mitteilt.
Das Bundessozialministerium hat nach eigenen Angaben vergangenes Jahr die Kampagne „Deutschland wird barrierefrei. Mit Dir.“ gestartet, in der auch die „stille Stunde“ unterstützt wird. Daten, wie viele Unternehmen die Maßnahme umsetzen, liegen dem Ministerium jedoch nicht vor.
Mit wenig Handgriffen „eine wirkliche Erleichterung“
„Ich hätte am Anfang nicht erwartet, dass es so deutlich diesen Verlauf nimmt“, sagt Diekmann von Autismus Deutschland. Er habe eher damit gerechnet, dass die Initiative nach fünf Jahren in Vergessenheit gerate. „Aber das tut es überhaupt nicht.“
Seit August setzte Frank Ortlepp die Maßnahmen wöchentlich in seinem Markt um. Jacob Schröter/dpa
© Jacob Schröter/dpa
Frank Ortlepp in Arnstadt sagt derweil, es sei noch zu früh, um über den dauerhaften Erfolg der Aktion in seinem Markt zu urteilen. Aber er kann sich perspektivisch auch vorstellen, an einem weiteren Tag die „stille Stunde“ einzuführen. „Eigentlich kann ich nur meine Kollegen und andere dazu animieren, das auch zu tun - weil es einfach mit ganz wenig Handgriffen für die, die es betrifft, glaube ich, eine wirkliche Erleichterung ist.“