dpa

Weißer Ring: Opfer wollen Anerkennung ihres Leids

Opfern von häuslicher Gewalt muss die Hilfsorganisation am häufigsten beistehen. Deutlich zugenommen haben aber Fälle von digitaler Gewalt wie Filmaufnahmen mit Smart Glasses und Love Scamming.

26.09.2026

Den Weißen Ring gibt es seit 50 Jahren. (Archivbild)Helmut Fricke/dpa

Den Weißen Ring gibt es seit 50 Jahren. (Archivbild)Helmut Fricke/dpa

© Helmut Fricke/dpa

Der Weiße Ring bemängelt die oft langen Bearbeitungszeiten der Behörden bei der Entschädigung von Kriminalitätsopfern. Gutachten von Sachverständigen brauchten oft viel Zeit, sagte der Vize-Bundesvorsitzende der Opferhilfeorganisation mit Sitz in Mainz, Patrick Liesching, der Deutschen Presse-Agentur anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Weißen Rings. Obwohl es um Bundesrecht gehe, seien die Bewilligungsquoten in den Bundesländern sehr unterschiedlich. 

„Wenn ein Gutachten da ist, dann wird noch mal ein zweites Gutachten eingeholt“, berichtete Liesching von Gesprächen mit Betroffenen. „Und wenn der Gutachter dann Zweifel hat, ob jene Depression oder ob diese posttraumatische Belastungsstörung auf die Tat zurückzuführen ist, dann wird im Zweifel erst mal abgelehnt.“

„Okay, dann gebe ich auf“

Ein solcher Vorgang könne sich vielfach über bis zu fünf Jahre erstrecken. Durch die lange Dauer der Verfahren gebe es auch eine hohe Abbrecherquote. „Viele Opfer geben irgendwann auch entnervt auf und nehmen dann ihren Antrag zurück, denn das sind ja meist Menschen, deren Resilienz schon durch die Straftat geschwächt ist“, erklärte Liesching, der auch Präsident des Landgerichts Fulda ist.

Den Opfern kommt es nicht unbedingt auf Geld an, sagt der Vize-Bundesvorsitzende Patrick Liesching. (Archivbild)Andreas Arnold/dpa

Den Opfern kommt es nicht unbedingt auf Geld an, sagt der Vize-Bundesvorsitzende Patrick Liesching. (Archivbild)Andreas Arnold/dpa

© Andreas Arnold/dpa

Diesen Menschen komme es nicht unbedingt auf das Geld an, das sie bei einer Opferentschädigung erhalten. „Die wollen vom Staat auch die Anerkennung haben: Ja, du bist ein Opfer, wir sehen das“, betonte Liesching. „Und wenn es dann so ewig dauert und ihnen nach ihrem Empfinden Misstrauen entgegengebracht wird, dann ist irgendwann die Grenze erreicht, und sie sagen: Okay, dann gebe ich auf und ziehe den Antrag zurück.“ 

Bundesweit großes Gefälle bei Bewilligungen

Es gebe zwar ein neues soziales Entschädigungsrecht (Sozialgesetzbuch XIV), aber kein richtiges Monitoring und keine Statistiken über die Opferentschädigungen. Der Weiße Ring recherchiere daher selbst bundesweit die Bewilligungsquoten, sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende. Nach den Erkenntnissen der Organisation gibt es Bundesländer mit einer Ablehnungsquote von 70 Prozent und andere mit einer Quote von 40 Prozent bei Opferentschädigungsanträgen nach dem SGB XIV.

„Das ist einfach nicht erklärlich, weil die Gesetzesgrundlage die gleiche ist, das ist ein Bundesgesetz“, sagt Liesching. „Das ist eine unbefriedigende Situation.“ Es sei nicht nachvollziehbar warum so viele Anträge abgelehnt werden. Diese Anträge seien schließlich kein Feld für Sozialbetrüger.

Bei den Opfern gibt es oft eine sehr große Scham, berichtet die Bundesvorsitzende Barbara Richstein. (Archivbild)Helmut Fricke/dpa

Bei den Opfern gibt es oft eine sehr große Scham, berichtet die Bundesvorsitzende Barbara Richstein. (Archivbild)Helmut Fricke/dpa

© Helmut Fricke/dpa

Fälle von digitaler Gewalt nehmen zu 

Opfer von häuslicher Gewalt machen nach Angaben von Barbara Richstein, der Bundesvorsitzenden des Weißen Rings, den größten Teil der zu bearbeitenden Fälle aus. Deutlich zugenommen hätten aber Fälle von digitaler Gewalt. So würden etwa mit Smart Glasses unauffällig Foto- und Filmaufnahmen gemacht. Beim sogenannten Love Scamming werde zudem über gefälschte Profile im Internet betrogen.

Rund 3.000 Ehrenamtliche sind für den Weißen Ring bundesweit im Einsatz: zwei Drittel Frauen, ein Drittel Männer, sagt Richstein. Früher seien die Ehrenamtlichen häufig Polizisten gewesen, die sich ihr ganzes Leben lang mit Tätern beschäftigt und das Leid der Opfer gesehen hätten. Inzwischen kämen viele Mitarbeitende auch aus sozialen Berufen. 

Sehr große Scham bei Opfern 

„In erster Linie glauben wir den Betroffenen“, betonte die Bundesvorsitzende die Leitlinie der Opferhilfeorganisation. „Wir ermitteln nicht, wir hören zu. Wir bewerten das Handeln der Opfer auch nicht“, so die Rechtsanwältin und frühere Justizministerin von Brandenburg. Gerade, weil viele Opfer mit einer sehr großen Scham von ihren Erlebnissen berichteten, sei Vertrauen ein entscheidendes Element. Betroffene können sich für Gespräche über das Telefon und dann auch ein Treffen sowie online und auch anonym melden. 

Rund 3.000 Ehrenamtliche sind für den Weißen Ring bundesweit im Einsatz. (Symbolbild)Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Rund 3.000 Ehrenamtliche sind für den Weißen Ring bundesweit im Einsatz. (Symbolbild)Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

© Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer wurde 1976 in Mainz gegründet. In den 50 Jahren seit der Gründung sind nach Angaben des Bundesvorstands 170 Millionen Euro an Hilfen geflossen - ohne staatliche Finanzierung, nur aufgrund von Spenden. Das sei ein Zeichen dafür, dass der Gesellschaft die Opferbelange durchaus etwas wert seine, betonten Richstein und Liesching.

Die Opferhilfeorganisation mit Sitz in Mainz ist in 18 Landesverbände gegliedert und hat nach eigenen Angaben bundesweit 400 Außenstellen. Zum Festakt anlässlich des Jubiläums sind auch Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) geladen. Landesvorsitzende in Rheinland-Pfalz ist die Ministerin für Arbeit, Soziales, Frauen, Familie und Jugend, Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD).