„Warum, wieso, wozu?“ - Tod zweier Studenten wühlt Uni auf
Gewalttaten reißen in Trier zwei junge Menschen kurz hintereinander aus dem Leben. Wie Studierende, Angehörige und Seelsorger mit Trauer und Verunsicherung umgehen.
Viele tragen sich in Kondolenzbücher ein.Birgit Reichert/dpa
© Birgit Reichert/dpa
Kerzen, weiße Lilien und weiße Rosen stehen neben Kondolenzbüchern. Sie liegen aus an mehreren Orten in Trier, an der Universität und im Bürgeramt in der Stadt. Viele haben sich bereits eingetragen, viele weitere folgen. Sie schreiben ihre Zeilen in Gedenken an zwei Studenten, die in Trier binnen weniger Tage gewaltsam ums Leben gekommen sind.
„Es macht betroffen“, sagt eine junge Studentin. Sie habe die Opfer nicht gekannt, wolle aber ihre Anteilnahme und ihr Beileid ausdrücken. „In Gedenken an unsere Kommilitonin“ steht auf einem Schildchen an einem Kondolenzbuch. Und an dem anderen: „In Gedenken an unseren Kommilitonen“.
Beide Todesfälle haben nichts miteinander zu tun. Das Verbindende ist, dass beide Opfer an der Uni Trier studiert haben - zwei junge Menschen, die mitten im Leben standen, für die der Tod weit entfernt schien.
Soko-Ermittlungen laufen auf Hochtouren
Am 15. Juli war ein 22 Jahre alter Student aus Landstuhl in der Nähe des Universitätsgeländes erstochen worden. Tatverdächtig in diesem Fall ist ein 22 Jahre alter Mann aus Afghanistan. Er soll den Studenten auf offener Straße angegriffen und tödlich verletzt haben - Täter und Opfer kannten sich nicht.
Am Sonntag dann wurde eine 29-Jährige tot in ihrer Wohnung in Trier gefunden. Die Verletzungen deuten laut Polizei auch auf ein Tötungsdelikt hin. „Die Ermittler der Sonderkommission Nordallee arbeiten mit Hochdruck an der Tatklärung“, sagt eine Sprecherin. Aus ermittlungstaktischen Gründen gebe es keine weiteren Informationen. „Man muss in solchen Lagen immer auch von Täterwissen ausgehen.“
„Er hatte doch das ganze Leben noch vor sich“
Die Trauer ist an der Uni, aber auch am Ort des tödlichen Messerangriffs greifbar. Menschen haben Blumen und Kerzen aufgestellt. „Wir vermissen Dich sehr“, heißt es dort in einem Brief. Und: „Wir trauern um Dich und können nicht begreifen, dass Du auf so schreckliche Weise aus unserem Leben gerissen wurdest.“
Auch Kerzen stehen am Ort, an dem der 22-Jährige vor einer Woche tödlich verletzt wurde.Birgit Reichert/dpa
© Birgit Reichert/dpa
Ein Mann steht am Tatort und schaut auf die Blumen. „Ich kannte ihn“, sagt er. „Ich bin sehr betroffen.“ Eine Woche nach der Tat sei er zum ersten Mal an den Tatort gekommen. „Er hatte doch das ganze Leben noch vor sich“, sagt er über den 22-Jährigen. In dessen Heimatstadt Landstuhl haben sich bereits Hunderte in ein Kondolenzbuch im Rathaus eingetragen.
Warum die Taten so betroffen machen
„Für alle Studierenden waren beide Todesfälle natürlich ein Schock“, sagt der Leiter der Psychotherapieambulanz an der Uni Trier, Wolfgang Lutz. Bei dem ersten Fall habe das auch damit zu tun, dass es am helllichten Tag und nahe der Universität passiert sei. Diese Ereignisse hätten in der Uni-Gemeinschaft auch zu einer gewissen Unsicherheit geführt - auch, weil Fragen noch offen seien und die Ermittlungen noch liefen.
Bei manchen Studierenden sei es danach auch zu Verunsicherung, Ängsten, Schlaf- und Konzentrationsproblemen gekommen. Es habe daher auch Nachfrage nach Unterstützungsangeboten gegeben, so der Professor.
Wie sich solche schlimmen Ereignisse auswirkten, hinge von den einzelnen Personen ab: Wie nah standen sie dem Opfer, waren sie bei dem Ereignis vor Ort? Eine Rolle spiele auch, welche psychischen Ressourcen sie mitbringen und ob sie Ähnliches vorher schon mal erlebt haben.
Generell sei die Betroffenheit und Anteilnahme an der Uni groß, sagt Lutz. Das habe man bei der Gedenkveranstaltung für den getöteten 22-Jährigen in der vergangenen Woche gesehen. Am morgigen Donnerstag ist eine weitere Gedenkveranstaltung für die Studentin geplant.
Am Tatort sind Blumen abgelegt worden.Birgit Reichert/dpa
© Birgit Reichert/dpa
Ein Notfallseelsorger, der nach dem tödlichen Messerangriff auf dem Petrisberg im Einsatz war, berichtet von dem schrecklichen Tag vor einer Woche. Er habe auch Augenzeugen der Tat betreut. Habe man früher noch gedacht, solche Verbrechen passierten nicht in Trier, wisse man heute: „Es kann überall passieren“, sagt er.
Es hätte jeden treffen können
Dass der tödliche Angriff auf den Studenten in der Nähe des Uni-Geländes geschah - das beschäftige die Studierenden auch, sagt Pater Aloys Hülskamp aus Trier, der auch Notfallseelsorger ist. Sie sagten sich: „Das hätte jedem passieren können, das hätte mir auch passieren können.“
Hinzu komme, dass gerade junge Menschen noch viel intensiver fragten: „Warum, wieso, wozu?“ Bei diesen Gewaltverbrechen werde es aber darauf keine Antworten geben. „Jetzt ist der Schock da, es ist der Schmerz da, es sind die Fragen da. Und das muss verarbeitet werden“, so Hülskamp.
Das brauche Zeit. „Die jungen Studenten, die das jetzt erleben, werden auch künftig wieder feiern können und ihre Wege gehen. Aber jetzt ist das eine Erfahrung, die ihre Lebensteile aus der Bahn wirft.“ Mit Tod hätten die jungen Menschen meist wenig zu tun. „Außer, wenn die Oma stirbt.“
An mehreren Orten liegen Kondolenzbücher aus.Birgit Reichert/dpa
© Birgit Reichert/dpa