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Warum sich eine Expertin Sorgen um die Kraniche macht

Sie sind dieser Tage in Scharen in der Dämmerung zu beobachten. Tausende Kraniche rasten hierzulande. Doch in diesem Herbst sind es bisher deutlich weniger Vögel als sonst. Was eine Expertin vermutet.

19.10.2026

Es ist ein alljährliches Naturspektakel: der Kranichzug über Norddeutschland.Jens Büttner/dpa

Es ist ein alljährliches Naturspektakel: der Kranichzug über Norddeutschland.Jens Büttner/dpa

© Jens Büttner/dpa

Es ist ein milder Oktoberabend auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Die Sonne verschwindet gerade am Horizont, da sind sie plötzlich zu sehen: unzählige Kraniche in einer Formation am Himmel, auf dem Weg zu ihren Schlafplätzen, bevor sie sich auf die Reise in den Süden machen. Erst mal sieht alles ganz stimmig aus. Trügt der Schein?

„Ich würde sagen, den Kranichen geht es mittelprächtig“, sagt Anne Kettner. Sie ist die stellvertretende Leiterin des Nabu-Erlebniszentrums Kranichwelten im vorpommerschen Günz. Laut Zählungen rasten aktuell um die 32.000 Kraniche, vor allem aus Skandinavien kommend, an der vorpommerschen Küste. „Normalerweise sind es um die Zeit bis zu 70.000 Kraniche.“ Ähnliche Meldungen gebe es auch aus Sachsen-Anhalt oder Brandenburg, wo etwa die Region Linum als großer Rastplatz für Zugvögel bekannt ist.

2025: Vogelgrippe bei so vielen Wildvögeln wie nie zuvor

Seit den 1950er Jahren wächst der Kranichbestand in Deutschland laut Kettner – eigentlich eine Erfolgsgeschichte, sagt sie. Doch dann der Schock: „Wegen der wirklich verheerenden Geflügelpest im letzten Herbst haben wir allein 20.000 Kraniche in Deutschland verloren und mindestens 40.000 in Europa“, sagt die Expertin. Die Population erhole sich nur langsam. Ungefähr 13.000 Brutpaare lebten aktuell hierzulande, die meisten von ihnen in MV, Brandenburg und Niedersachsen.

Freiwillige Helferinnen und Helfer hatten vor einem Jahr tote Kraniche eingesammelt, um die Ausbreitung der Vogelgrippe einzudämmen. (Archivbild)Christophe Gateau/dpa

Freiwillige Helferinnen und Helfer hatten vor einem Jahr tote Kraniche eingesammelt, um die Ausbreitung der Vogelgrippe einzudämmen. (Archivbild)Christophe Gateau/dpa

© Christophe Gateau/dpa

Bei dem Ausbruch der Viruserkrankung vor rund einem Jahr wurden nach damaligen Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts zwischen Herbst 2025 und Februar 2026 rund drei Millionen Nutztiere getötet. Bei den Wildvögeln sei die Zahl der nachgewiesenen Infektionen mit rund 2.500 so hoch gewesen wie nie zuvor. Die tatsächliche Zahl der verendeten Wildvögel sei aber wohl deutlich größer, da nur ein kleiner Teil der Kadaver tatsächlich beprobt werde, wie es hieß.

Sichere Schlafplätze und genügend Nahrung

Doch laut Kettner gibt es noch andere Probleme: Es gebe auch weniger Nachwuchs bei den Kranichen als früher. Warum? „Komplex“, sagt sie. Vor allem fehlten aufgrund des Klimawandels geeignete Brutplätze. „Gerade bei uns hier oben in Norddeutschland sehen wir zunehmend, dass es im Frühjahr einfach zu trocken ist“, erklärt Kettner. „Es gibt die Brutplätze zwar, aber die trocknen dann so schnell aus, dass die Kraniche noch nicht flügge sind und das Gebiet verlassen können, um sich einen besseren Platz zu suchen.“

Die Kraniche rasten in flachen Gewässern, auf Stoppelfeldern finden sie Nahrung. (Archivbild)Frank Hammerschmidt/dpa

Die Kraniche rasten in flachen Gewässern, auf Stoppelfeldern finden sie Nahrung. (Archivbild)Frank Hammerschmidt/dpa

© Frank Hammerschmidt/dpa

Durch die intensive Bewirtschaftung der Flächen gebe es zudem weniger Insekten – eine wichtige Nahrungsquelle gerade für die heranwachsenden Kraniche. Was helfe, sei die Renaturierung von landwirtschaftlich genutzten Flächen und Gewässern, und das passiere auch schon, sagt Kettner. Um die Eier vor Füchsen oder Wildschweinen zu schützen, bauten Kraniche ihre Nester umgeben von Wasser. Renaturierte Flächen würden auch reichlich Insekten, Larven oder Würmer für die Küken bieten.

Kraniche machen weniger Strecke als früher

Jedes Jahr ab Ende August sammeln sich Kettner zufolge in Norddeutschland die ersten heimischen Kraniche. Im September würden dann die Kraniche aus den skandinavischen Ländern an der Küste ankommen. „Sie kündigen sich mit lauten Rufen an und kommen in großen Trupps“, sagt die studierte Landschaftsökologin. Auch aus dem Baltikum kommen die Vögel.

Die Kraniche suchen sich Rastplätze in flachen Gewässern oder Moorlandschaften, auf Stoppelfeldern finden sie Nahrung. An der Beobachtungsstation des Kranichzentrums in Günz werden laut Kettner extra Getreide und Mais ausgestreut. Dort hätten daher auch Besucherinnen und Besucher gute Chancen, die Kraniche zu beobachten.

„Gerade, wenn sie zu Hunderten von ihren Schlafsätzen zu den Nahrungsflächen fliegen, das ist also wirklich ein Naturschauspiel, was man gesehen haben muss“, sagt sie. Nach etwa zwei Wochen machen sich die Vögel dann in der Regel gestärkt auf den Weg Richtung Niedersachsen bis etwa nach Frankreich oder Spanien.

Die großen Vögel ziehen mittlerweile im Schnitt nicht mehr ganz so weit in den Süden wie früher.Jens Büttner/dpa

Die großen Vögel ziehen mittlerweile im Schnitt nicht mehr ganz so weit in den Süden wie früher.Jens Büttner/dpa

© Jens Büttner/dpa

Bemerkenswert sei, dass die Kraniche vor 20 Jahren noch rund 1.500 Kilometer in den Süden flogen, inzwischen im Schnitt aber nur noch etwa ein Drittel dieses Weges zurücklegten. Das liege an den deutlich milderen Wintern hierzulande. Im vergangenen Winter seien die Kraniche sogar erst in der Kälteperiode im Januar losgeflogen und im Februar schon wieder zurückgekehrt, erzählt die Nabu-Expertin. „Über die Hälfte der Kraniche aus Norddeutschland bleibt mittlerweile im Winter bei uns.“

Wo sind die Kraniche?

Warum aktuell deutlich weniger Exemplare beobachtet werden, sei noch unklar, sagt Kettner. Fest stehe aber: „Es fehlen mehr Kraniche, als wir durch die Geflügelpest verloren haben.“ 

Möglicherweise meiden die Kraniche die großen Brutgebiete in diesem Jahr, sagt Anne Kettner.Jens Büttner/dpa

Möglicherweise meiden die Kraniche die großen Brutgebiete in diesem Jahr, sagt Anne Kettner.Jens Büttner/dpa

© Jens Büttner/dpa

Zwei Erklärungen hält sie dabei für plausibel. „Entweder kommen die Kraniche noch – wir haben ja eine relativ milde Witterung, es kann sein, dass sie einfach später kommen – oder, und das vermute ich persönlich, die Kraniche meiden die großen Rastgebiete jetzt.“ Vor rund einem Jahr hätten diese Gebiete jede Menge tote Artgenossen bedeutet. Möglicherweise würden die Kraniche nun an anderen Orten rasten. „Ganz sicher können wir es erst im Winter sagen.“

Bei aktuellen Zählungen wurden etwa 32.000 der Großvögel gezählt – deutlich weniger als in den Vorjahren.Jens Büttner/dpa

Bei aktuellen Zählungen wurden etwa 32.000 der Großvögel gezählt – deutlich weniger als in den Vorjahren.Jens Büttner/dpa

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Laut Friedrich-Loeffler-Institut wurden bei Wildvögeln zuvor noch nie so viele Infektionen mit der Vogelgrippe nachgewiesen. (Archivbild)Sina Schuldt/dpa

Laut Friedrich-Loeffler-Institut wurden bei Wildvögeln zuvor noch nie so viele Infektionen mit der Vogelgrippe nachgewiesen. (Archivbild)Sina Schuldt/dpa

© Sina Schuldt/dpa