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Warum Ostsee-Besucher jetzt besonders wachsam sein sollten

Kälte und Feuchtigkeit erhöhen das Risiko für Hangrutsche an der Steilküste, sagt der Leiter des Nationalparks Jasmund auf Rügen. Gefahr für Leib und Leben droht aber auch aus ganz anderen Gründen.

15.02.2026

Im Winter kommt es an der Steilküste des Nationalparks Jasmund vermehrt zu Hangrutschen.Jens Büttner/dpa

Im Winter kommt es an der Steilküste des Nationalparks Jasmund vermehrt zu Hangrutschen.Jens Büttner/dpa

© Jens Büttner/dpa

„Man kann da lang, man darf da lang – aber man sollte da nicht lang“, mahnt Ingolf Stodian und zeigt auf den Strand unter dem Küstensteilhang. Der Geoökologe leitet den Nationalpark Jasmund im Osten der Insel Rügen. Kälte und Feuchtigkeit sorgten an der Steilküste zu dieser Jahreszeit vermehrt für „Hangbewegungen“. Ungefähr 200 Mal passiere das im Jahr, meist im Winter und besonders oft im Februar und März.

Am Strand unterhalb der Steilhänge entlangzulaufen, sei zwar nach wie vor nicht verboten. Weil das Risiko von Hangrutschen real sei, dürfe er aber schon seit einigen Jahren keine Mitarbeiter mehr dort hinschicken, sagt er. Im Nationalpark Jasmund habe es seit den 1930er Jahren keinen tödlichen Unfall mehr infolge eines Hangrutsches gegeben. Am weiter nördlich gelegenen Cap Arkona war jedoch im Dezember 2011 ein zehnjähriges Mädchen verschüttet worden und gestorben.

Mit Warnschildern, auf der Internetseite des Parks und mit Hinweisen in Flyern weist das Nationalparksamt auf die Gefahren hin.Jens Büttner/dpa

Mit Warnschildern, auf der Internetseite des Parks und mit Hinweisen in Flyern weist das Nationalparksamt auf die Gefahren hin.Jens Büttner/dpa

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Till Backhaus (SPD), Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern, hat deutliche Worte zur Gefahr durch abbrechende Küstenteile: „Beachten Sie Warnschilder und Absperrungen! Bleiben Sie auf gekennzeichneten Wegen! Familien mit Kindern sollten besonders wachsam sein.“

Kaltes, feuchtes Wetter macht Klippen zu „Eispanzern“

Stodian erläutert: „Zum einen sind die Kreidefelsen im Winter ohnehin feuchter, weil Bäume und Vegetation zu dieser Jahreszeit weniger Wasser verbrauchen.“ Zum anderen spielten die niedrigen Temperaturen eine Rolle. „Der Frost dringt rund 30 Zentimeter tief in die Felsen ein.“ Eindringendes Wasser könne nicht mehr absickern, staue sich an und reiße, wenn dann Tauwetter herrsche, Teile der Steilküste mit. Die lange Frostperiode der letzten Wochen begünstige das. Das zusätzliche Gewicht mache die Felsen zu schweren „Eispanzern“.

Auch anderswo in Mecklenburg-Vorpommern sorgen Hangabgänge und Abtragung immer wieder für Probleme: Im Februar 2024 stürzte bei Ahrenshoop (Kreis Vorpommern-Rügen) ein alter DDR-Beobachtungsbunker in die Ostsee. Zur gleichen Zeit musste auf Poel (Kreis Nordwestmecklenburg) ein an der Steilküste gelegener Wanderweg gesperrt und teilweise ins Landesinnere verlegt werden. „Der Weg hat für uns schon Bedeutung“, sagt Gabriele Richter (parteilos), Bürgermeisterin der Insel. Die Route habe nicht nur eine touristische Funktion, sondern verbinde auch die Orte Schwarzer Busch und Gollwitz miteinander. 

Kein Verbot, aber zahlreiche Warnungen

Ein Betretungsverbot des gesamten Strandes unterhalb der Klippen im Nationalpark schätzt Stodian als „einfach nicht durchsetzbar“ ein. Wer unbedingt den Strand betreten wolle, lasse sich erfahrungsgemäß kaum aufhalten. Man rate aber ausdrücklich davon ab, unterhalb der Abrisskante entlangzugehen und mache dies auch durch zahlreiche Schilder und Hinweise deutlich. 

Im Durchschnitt sind die Klippen im Nationalpark Jasmund etwa 60 bis 70 Meter hoch. (Archivfoto)Stefan Sauer/dpa

Im Durchschnitt sind die Klippen im Nationalpark Jasmund etwa 60 bis 70 Meter hoch. (Archivfoto)Stefan Sauer/dpa

© Stefan Sauer/dpa

Rechtsanwalt Philipp Korbmacher weist darauf hin, dass die Natur kein Freizeitpark mit Sicherheitsgarantie sei. „Wer in Deutschland Wald, Feld oder Steilküste betritt, tut dies im Wesentlichen auf eigene Gefahr“, sagt der Jurist aus Potsdam. Das Betretungsrecht könne nur aus wichtigen Gründen eingeschränkt werden: „Das Interesse am freien Zugang zur Natur überwiegt systematisch und politisch den Wunsch nach lückenloser Sicherheit.“ Der Eigentümer dulde die Erholungssuchenden und der Erholungssuchende trage das Risiko.

Immer wieder tödliche Unfälle

Riskantes Verhalten einzelner Besucher hat nach Stodians Worten in der Vergangenheit immer wieder zu tödlichen Unfällen geführt. Gäste würden das Wegegebot missachten und etwa Selfies nahe der Abrisskante schießen wollen, den Abstand falsch einschätzen und in die Tiefe stürzen. Es habe auch Besucher gegeben, welche beim Hinaufklettern an der losen Felswand den Halt verloren hätten. Den höchsten Punkt der Steilklippen markiert der 119 Meter hohe Königsstuhl.

In der Vergangenheit sei es bei einer guten Million Besucher meist zu einem Unfalltoten im Jahr gekommen. Daraufhin habe man versucht, verstärkt zu sensibilisieren. In den letzten zwei Jahren kam laut Stodian niemand mehr unfallbedingt ums Leben.

Auch an der Steilküste in Schleswig-Holstein kommt es zu Unfällen. So stürzte im Januar ein Mann bei Wangels in Ostholstein ab. Er soll auf einem Wanderweg oberhalb der Küste unterwegs gewesen sein und fiel aus zunächst ungeklärten Gründen 15 Meter in die Tiefe. Er verletzte sich schwer.

Unsichere Trampelpfade

Stodian rät eindringlich dazu, oberhalb der Steilhänge auf den vom Nationalparkamt deutlich markierten, sicheren Wegen zu bleiben: „Auch diese führen an einigen Stellen nah an die Kante heran, sodass man schöne Fotos schießen kann.“ Die vor allem in der Corona-Zeit entstandenen 108 Trampelpfade seien hingegen gefährlich. Sie könnten instabil sein, zu nah an die Abhänge oder auf Überhänge führen. „Teilweise stehen die Besucher dann nur noch auf einem dünnen Vegetationsteppich“, warnt er. Absperrungen dieser Pfade, etwa in Form quer gelegter Baumstämme, würden von manchen Besuchern ignoriert.

Mitunter ist der Steilhang unter den Baumwurzeln regelrecht ausgespült. Jens Büttner/dpa

Mitunter ist der Steilhang unter den Baumwurzeln regelrecht ausgespült. Jens Büttner/dpa

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Wer die Klippen unbedingt einmal von unten sehen wolle, könne einen der Abstiege nutzen, die für den Rettungsdienst vorbereitet seien. „Nach links und rechts kann man dann ein Stückchen gehen.“ Er empfehle aber dringend, anschließend wieder die Treppen hochzusteigen und am Oberufer entlangzugehen.

Die Victoria-Sicht bietet Ausblicke auf die Ostsee und den Königsstuhl.Jens Büttner/dpa

Die Victoria-Sicht bietet Ausblicke auf die Ostsee und den Königsstuhl.Jens Büttner/dpa

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