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Warum Müllkippen tödliche Fallen für Störche sein können

Störche picken auf Müllkippen nach Nahrung – doch Plastik und Gummiringe können zum tödlichen Fast Food werden. Was Tierschützer in Nestern finden, schockiert selbst Experten.

01.05.2026

Weil Störche an der Schnabelspitze keine Geschmacksrezeptoren haben, können sie nicht zwischen Gummis und Würmern unterscheiden.(Archiv) picture alliance / dpa

Weil Störche an der Schnabelspitze keine Geschmacksrezeptoren haben, können sie nicht zwischen Gummis und Würmern unterscheiden.(Archiv) picture alliance / dpa

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Auf der Müllkippe wimmelt es vor Weißstörchen, sie sitzen auf den Containern, sie stolzieren über den aufgeschütteten Abfall und picken auf der Suche nach Essensresten im Plastik, in den Kabeln und im Silikon. Halden wie diese erinnern an Orte in Spanien und Marokko, in denen immer mehr Störche überwintern. Aber sie liegen im badischen Bruchsal, in Ellwangen oder in Bietigheim.

Für die Weißstörche ist so eine Deponie Fluch und Segen zugleich. Zum einen finden sie dort leichter Nahrung als auf dem Feld. Ein Müllhaufen kann für einen Storch buchstäblich zum Fast-Food-Imbiss werden: Zwischen dem ganzen Abfall lassen sich in kurzer Zeit Essensreste und Aas aufspüren.

Tödliches Fast Food?

Andererseits wird die Müllkippe für viele Störche zur Gefahr. Von „tödlichem Futter“ spricht der Storchenbeauftragte des Naturschutzbunds, Stefan Eisenbarth. Denn die Vögel haben an der Schnabelspitze keine Geschmacksrezeptoren. Gummis und Silikonteile fühlen sich für sie so weich an wie etwa ein Wurm. Also picken sie und fressen – und stopfen sich im wahrsten Sinne des Wortes den Magen voll bis zum nicht selten tödlichen Verschluss.

In den Kröpfen toter Weißstörche finden Tierschützer wie Eisenbarth oft nicht etwa Kaulquappen, Frösche und Kröten, Mäuse, Ringelnattern oder Eidechsen. Sie stoßen auf Dichtungsringe und Plastikhandschuhe, auf Tetra-Pak-Reste und Hundekotbeutel, aber auch auf Kokosstricke, wie Gärtner sie zum Anbinden junger Bäume verwenden, oder Schlaufen, mit denen Weinbauern Reben befestigen.

Plastik statt Frosch

In oder unter jedem zweiten der über 100 Storchenhorste in der Region zwischen Iffezheim und Karlsruhe, die er mit seiner Kollegin Annette Jung im Blick hat, findet der Experte ausgespiene Ballen mit Silikonteilen oder Gummis. „Das macht uns schon Angst“, sagt Eisenbarth. Immer wieder entdeckt er in den Nestern auch tote Storchenküken mit großen Mengen Müll im Magen. Ihre Eltern hatten beim Füttern Gummiringe und andere Plastikteile mit Nahrung verwechselt.

„Wenn aber zu viele Gummis im Kropf oder Magen sind, können diese nicht mehr ausgewürgt werden und es kommt zu einem Verschluss im Magen oder im Kropf“, sagt Eisenbarth. „Der Storch verhungert mit einem Magen voller Müll, weil er keine Nahrung und kein Wasser mehr aufnehmen kann.“

Gewohnheit als Falle

Der Abfall von der Deponie landet aber nicht nur in den Mägen: Seile und Netze werden auch in den Nestern verbaut. Diese können sich um die Füße der Tiere wickeln und Zehen oder ganze Füße absterben lassen. Plastikfolien können zudem den Wasserabfluss behindern, es entsteht Staunässe im Horst und die Jungstörche verenden.

Aber warum landen Weißstörche immer wieder auf der Deponie? „Das ist eine Frage von Gewohnheit und Lage“, sagt Andrea Flack. Sie erforscht am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee das Wanderverhalten von Weißstörchen. Je näher ein Nest an einer Müllhalde liege, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere die Halde bei der Nahrungssuche ansteuerten.

Lernen auf der Halde

In den Müllbergen und Containern fänden Störche ein größeres Angebot an Nahrung. „Wenn andere Störche dort sind und fressen, spielen auch soziale Faktoren eine Rolle“, sagt Flack. „Die Störche lernen, dass es auf den Halden ausreichend und gute Nahrung gibt.“

Die Wahrscheinlichkeit, sich durch falsche Nahrungsaufnahme zu gefährden, sei bei Müllhalden etwas größer, räumt die Expertin ein. „Aber es ist natürlich auch eine zusätzliche Nahrungsquelle, die auch Vorteile haben kann.“

Comeback auf der Kippe

Denn die Storchenpopulation hat sich in Baden-Württemberg zuletzt erholt. Wie in weiten Teilen Deutschlands hatten die Bestände im vergangenen Jahrhundert auch im Südwesten massiv abgenommen. Nicht zuletzt durch das veränderte Zugverhalten im Winter legten die Zahlen wieder zu.

Jahrhundertelang flogen die Störche im Winter nach Afrika – nicht wegen der Kälte, sondern wegen des Nahrungsmangels. Weil sie nun auch auf Müllhalden satt werden, bleiben inzwischen viele in Europa, vor allem in Spanien, aber immer häufiger auch im Südwesten. Die Folge: Es sterben weniger Tiere auf der beschwerlichen Reise in den Senegal oder nach Mauretanien, und die Deponie-Störche verausgaben sich weniger als ihre weitreisenden Artgenossen. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben Eisenbarths mehr als 2600 Storchenpaare gezählt, vor fünf Jahren waren es noch 1767.

Warten auf die Politik

Was also lässt sich gegen das Risiko Müllkippe tun? Von den Deponien erwarten die Tierschützer wenig Entgegenkommen. „Die haben ihre Betriebsgenehmigungen und danach wird gehandelt“, sagt Eisenbarth. Für ihn muss die Politik entscheiden. Offene Container könnten abgedeckt, Deponien mit Netzen überspannt, Müll könnte in Hallen verlagert werden. „Aber um die Störche so zu retten, da braucht es die Politik.“