Warum Karnevalsvereine weniger Büttenredner finden
Weniger Büttenreden, mehr Party? Warum Karnevalsvereine händeringend Nachwuchs suchen und was das Publikum damit zu tun hat.
Karnevalisten sagen, das Publikum höre Büttenrednern teils nicht mehr gut zu. (Archivbild)Lando Hass/dpa
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Die Büttenrede gehört zum Karneval wie Kamelle und Kostüme. Sie wird auf Fastnachtssitzungen oft gereimt im speziellen Rednerpult „Bütt“ vorgetragen - und ist meist bissig und witzig zugleich. Doch bei den Büttenrednern fehlt es zunehmend an Nachwuchs.
„Es ist sehr schwer, Büttenredner zu finden“, sagt der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval, Andreas Münch. Er berichtet von seinen 43 angeschlossenen Vereinen: „Wir haben noch so um die 15 mobile Büttenredner, die in unserer Region Hin und Her wandern.“ Sie würden eingesetzt, um lokale Redner zu verstärken.
Auch in Mainzer Vereinen seien Büttenredner knapp, sagt Marcus Schwalbach, Sitzungspräsident der „Brunnebutzer“ in Mainz-Marienborn. Das spüre er „am eigenen Leib“. Der Verein habe glücklicherweise ein paar Eigengewächse, aber das reiche nicht, um ein Programm auf die Beine zu stellen. Heißt: „Wir müssen zukaufen.“ Das sei ein Bild, das es in Mainzer Vereinen häufig gebe, sagt Schwalbach, der als „Gardist“ in dieser Kampagne in Mainz 30 Auftritte hat.
Was sind Gründe dafür?
Das Publikum hat sich verändert. „Die Anspruchshaltung ist größer geworden“, sagt Münch. „Und gleichzeitig sinkt die Aufmerksamkeitsspanne.“ So passiere es schnell, dass bei einer Büttenrede im Saal „eine unheimliche Unruhe“ aufkomme. Und für den Redner sei es schwer, gegen diesen Saal anzureden. „Das macht es auch unattraktiv, eine Büttenrede zu halten.“
Der Präsident vom Bund Deutscher Karneval (BDK), Klaus-Ludwig Fess, meint: „Viele Menschen, die auf eine Sitzung gehen, die wollen Musik und Tanz sehen.“ Und wenn dann ein Büttenredner auftrete, dann hörten sie nicht zu. „Dann ist es laut und der Redner traut sich kein zweites Mal.“
Jetzt ist die Zeit der Fastnachtssitzungen. (Archivbild)Boris Roessler/dpa
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Laut Schwalbach ist es auch mangelndes Interesse. „Es gibt einfach viel zu viel andere Freizeitbeschäftigungen.“ Und dann gebe es eben auch den Konkurrenzdruck durch lustige Reels auf Instagram und Comedy von A bis Z im Fernsehen und Streaming. „Im Grunde kann man jeden Tag von morgens bis abends irgendwas Lustiges konsumieren.“ Früher sei die Fastnacht etwas Besonderes gewesen, bei der man abschalten konnte, sagt er.
Wie ist die Situation in den Vereinen?
„Der Anteil der Bütt wird leider weniger“, sagt Fess, der den bundesweiten Blick hat. Viele Vereine hätten keinen eigenen Büttenredner mehr. Und ja, es gebe heute schon auch Veranstaltungen, wo kein gesprochenes Wort mehr stattfinde. Größere Vereine in den Hochburgen wie Köln und Düsseldorf könnten sich Comedians einkaufen. „Das aber können sich kleine Vereine gar nicht leisten“, sagt Fess.
Ausnahme sei Mainz: Da sei der Anteil des gesprochenen Wortes weitaus höher als in anderen Regionen - was auch vom Publikum akzeptiert werde. „In Mainz wird die richtige Büttenrede, die politische Rede, gelebt.“
Für Büttenredner ist ein Vortrag schwierig, wenn das Publikum unruhig ist, sagt Fess. (Archivbild)Harald Tittel/dpa
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Aber generell: Es gebe auch guten Nachwuchs, sagt Fess. „Und es muss noch viel mehr auf den Nachwuchs geachtet werden, er muss gefördert werden.“ Der BDK bietet auch Rhetorikseminare für angehende Redner an.
„Büttenreden werden immer schwieriger und gute Redner zu bekommen auch“, sagt der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Trierer Karneval, Andreas Peters. In der Region Trier gingen jetzt auch in vielen Vereinen jüngere Leute „in die Bütt“. Und deren Reden, die auch „bisschen Regionalität“ mitbringen, kämen gut an.
Was bedeutet das für das Brauchtum Karneval?
Die Büttenrede sei Teil des Brauchtums, sagt Münch in Koblenz. „Sie gehört dazu und ist sehr wichtig, weil die Aufgabe des rheinischen Karnevals ist es, der Obrigkeit den Spiegel vorzuhalten.“ Und das gehe nicht mit Tanz, das gehe mit der Büttenrede.
Aber: „Wir haben ein Feierpublikum. Eine gezwungene Büttenrede macht auch keinen Sinn. Sie muss auch Freude machen“, sagt er. So sei es momentan „ein Spagat mit dem Brauchtum“ - zwischen dem, was den Leuten gefalle und dem, was man als Aufgabe sehe.
In ländlichen Regionen könne es anders aussehen, sagt Münch. „Dort trifft man auf tolle RednerInnen, die mit viel Humor und Lokalkolorit ihre Heimat unter die Lupe nehmen.“
Feiern ist an Karneval angesagt. (Archivbild)Thomas Frey/dpa
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Die Büttenrede gehöre einfach dazu, meint Christoph Lehr, erster Vorsitzender des Florstädter Carnevals Club Niddageister im hessischen Nieder-Florstadt. Man sollte schauen, das man sie irgendwie hinbekomme. „So ganz ohne? Dann ist es ja wie eine Faschingsparty und keine Faschingssitzung.“
Was auch schwieriger werde: „Es sind nicht mehr viele Leute bereit, dass man mal einen Witz über sie machen darf“, sagt Lehr. Da sei es mittlerweile teils richtig schwer was zu machen - weil das wäre ja was, wo die Leute auch zuhören würden.
Was sind Top-Themen in den Reden?
Neben kommunal- und landespolitischen Themen ist es in diesem Jahr: Trump, Trump und Trump. Der US-Präsident werde „so richtig durch den Kakao gezogen. Zu Recht auch!“, sagt Fess, der schon bei vielen Sitzungen war. Dann gehe es oft auch um den deutschen Bildhauer Jacques Tilly wegen seiner Karnevalswagen mit Karikaturen von Kremlchef Wladimir Putin. Und natürlich werde auch die Bundesregierung mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) auf die Schippe genommen.
Auch in Mainzer Vereinen ist es schwer, Büttenredner zu finden, sagt Fastnachter Schwalbach.Privat/Marcus Schwalbach/dpa
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