Von Kuchen bis Kartenspiel - Städtenamen erzählen Geschichte
Baumkuchen, Riesenstiefel oder Skat: Warum Städte wie Salzwedel, Döbeln und Altenburg ihre besonderen Titel stolz zur Schau stellen – und was dahintersteckt.
Salzwedel ist bezeichnet sich als Baumkuchenstadt. (Archivbild)Peter Gercke/dpa-Zentralbild/dpa
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Lutherstadt, Hansestadt, Bad - in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen führen zahlreiche Städte einen offiziell verliehenen Titel. Doch noch viel mehr der rund 1.200 Städte und Gemeinden in den drei Ländern schmücken sich mit inoffiziellen Beinamen. Warum tun sie das? Und welche regionalen Besonderheiten heben sie damit hervor?
Erinnerung an Baumkuchen-Tradition
Salzwedel ist Hansestadt - ein regulärer Titel, den man nur mit einem historischen Bezug zur mittelalterlichen Hanse führen darf. Zusätzlich nennt sich die 23.000-Einwohner-Stadt in der Altmark auch noch „Baumkuchenstadt“ - und erinnert damit an die Tradition des bis heute beliebten Feingebäcks.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts produzierten mehrere Konditoren die süße Spezialität - und sollen damit auch König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen begeistert haben. Später belieferten Salzwedeler Unternehmer den königlichen Hof. Noch heute werden im Norden Sachsen-Anhalts Baumkuchen hergestellt.
Knöpfe und Mutzbraten
Auf eine kulinarische Tradition beruft sich auch das thüringische Schmölln, zumindest mit einem seiner zwei Beinamen. Die Kleinstadt im Altenburger Land ist die „Knopf- und Mutzbratenstadt Schmölln“, wie seit 2021 ein braunes Hinweisschild an der Autobahn 4 verkündet.
Schmölln sei im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der Knopfindustrie mit zeitweise 30 Fabriken gewesen, erklärte Stadtsprecherin Maja Persch. Doch das ist heute nur noch eine Erinnerung, die mit dem Beinamen gepflegt wird.
Deutlich gegenwärtiger ist der Mutzbraten - ein Stück Schweinefleisch, das mit Salz, Pfeffer und Majoran gewürzt und über Birkenholzfeuer gebraten wird. „Gerade in den Sommermonaten gehört Mutzbraten vielerorts ganz selbstverständlich zu Gartenanlagen, Vereinsleben und Dorffesten“, so Persch.
Ein Beiname sei für eine Stadt weit mehr als nur ein Slogan, sagte die Sprecherin. „Er bündelt Geschichte, Besonderheiten und Identität in einer Form, die für Menschen schnell verständlich und einprägsam ist.“ Solche Titel machten eine Stadt nicht neu - „aber sie machen sichtbar, was sie besonders macht“.
Plauen ist spitze
Auch das sächsische Plauen erinnert mit seinem Beinamen „Spitzenstadt“ an eine Industrietradition: die vogtländische Spitzen- und Stickereiindustrie. Auf dem Höhepunkt ihrer Blütezeit im Jahr 1912 sollen in Plauen 16.000 Stickmaschinen im Einsatz gewesen sein, wie die Stadt in einer „Geschichte der Plauener Spitze“ schreibt.
Im Zweiten Weltkrieg zerbombt, in der DDR verstaatlicht, nach 1990 privatisiert - so hat die Plauener Spitze verschiedene Epochen überlebt. Noch heute wird sie produziert. Im Branchenverband Plauener Spitze sind acht regionale Unternehmen zusammengeschlossen. Außerdem wird die Tradition auch mit dem Stadtfest zelebriert - das in Plauen natürlich „Spitzenfest“ heißt.
Wer ist die Stiefelstadt?
In Mittelsachsen haben gleich zwei Städte einen riesigen Stiefel als Aushängeschild, blicken auf eine große Schuhmacher-Tradition zurück und werden deshalb auch „Stiefelstadt“ genannt: Döbeln und Leisnig.
Sogar einen „Stiefelkrieg“ haben die ungefähr 20 Kilometer voneinander entfernt liegenden Städte schon hinter sich. Er hatte sich am ersten Döbelner Riesenstiefel entzündet: 1925 hatten Döbelner Schuhmachermeister den 3,70 Meter hohen Stiefel angefertigt. Er gelangte nach Leisnig und wurde dort seit den 1950er Jahren jahrzehntelang auf der Burg Mildenstein gepflegt und ausgestellt. Vor Gericht wurde schließlich entschieden, dass das überdimensionale Schuhwerk zurück nach Döbeln muss. Voriges Jahr wurde dort das Jubiläum „100 Jahre Riesenstiefel“ gefeiert.
Doch auch die Leisniger haben längst wieder einen Riesenstiefel. Er wurde von zwei Schuhmachermeistern im Geheimen angefertigt und 1996 zur 950-Jahr-Feier Leisnigs präsentiert. Mit 4,90 Metern übertrumpft er den historischen Döbelner Riesenstiefel in der Höhe.
Von einem „Krieg“ wegen der Riesenstiefel will man in Döbeln und Leisnig längst nichts mehr hören. „Gemeinsam werben beide Städte für die Stiefelregion“, erklärte Döbelns Stadtsprecher Thomas Mettcher.
„18, 20, 22, weg...“
An Skat kommt in Altenburg niemand vorbei. Nicht nur werden in der thüringischen Stadt seit 500 Jahren Spielkarten hergestellt, und nicht nur gilt sie seit der Erfindung des Skatspiels vor 200 Jahre als „Wiege des Skat“, sondern sie beherbergt auch ein Spielkartenmuseum mit rund 30.000 Kartenspielen sowie den Sitz des Deutschen Skatverbandes und des Internationalen Skatgerichts.
Außerdem sprudelt aus einem Skatbrunnen in der Stadt Wasser, Skat ist als immaterielles Kulturerbe anerkannt und seit Kurzen spiele auch ein Altenburger Skatverein in der ersten Bundesliga, wie Stadtsprecher Christian Bettels berichtete.
Kurzum: Altenburg ist die „Skatstadt“ - und das mit voller Überzeugung: „Wir denken nicht, dass uns ein anderer Ort diesen Ehrentitel streitig machen wird“, sagte Bettels.
Schachdorf Ströbeck ist Kulturerbe
Was für Altenburg Skat, ist für das Dorf Ströbeck in Sachsen-Anhalt Schach: Seit 2016 zählt die Schachtradition in Ströbeck zum immateriellen Kulturerbe. Das „Schachdorf Ströbeck“, ein Ortsteil von Halberstadt, widme sich dieser Tradition auf einzigartige und vielfältige Weise, heißt es in dem Verzeichnis. „Einer Legende nach spielen Ströbecker bereits seit dem Jahr 1011 Schach.“
Seit mehr als 200 Jahren wird an der Grundschule in Ströbeck zudem Schach als Pflichtfach unterrichtet. Und auch wer neu nach Ströbeck zieht, wird wohl bald mit dem Denksport in Berührung kommen: „Neubürger werden durch die vielseitigen Formen der Traditionspflege in die Schachgemeinschaft einbezogen.“
In Ströbeck wird in der Grundschule Schach unterrichtet. (Archivbild)Matthias Bein/dpa
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Döbeln hat einen 100 Jahre alten Riesenstiefel. (Archivbild)Waltraud Grubitzsch/dpa
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