Von Hannover in die Antarktis - Arzt lebt seinen Traum
Ingo Gerstmann ist Teil des Überwinterungsteams der Neumayer-Station III in der Antarktis. Während in der Heimat Sommer ist, herrschen bei ihm Minusgrade. Statt Wärme vermisst er etwas anderes.
In der Neumayer-Station III in der Antarktis lebt zurzeit das 46. Überwinterungsteam. (Archivbild) Michael Trautmann/Alfred-Wegener-Institut/dpa
© Michael Trautmann/Alfred-Wegener-Institut/dpa
Auf der Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis gehen gerade die letzten frischen Lebensmittel zur Neige: Schnell verderbliches Obst und Gemüse wie Salat und Tomaten stehen schon lange nicht mehr auf dem Speiseplan - der letzte Flug mit frischer Ware kam im Februar an. Die wenigen verbliebenen Äpfel reichen noch zwei Wochen. „Die allerletzte Orange haben wir gerade gefeiert“, sagt Stationsleiter Ingo Gerstmann. Die Frucht sei unter den acht Mitgliedern des 46. Überwinterungsteams der Station aufgeteilt worden, die vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) betrieben wird.
Seit Februar ist das achtköpfige Team allein in der Station
Zusammen mit seinen sieben Kolleginnen und Kollegen kam der Hannoveraner Arzt Ingo Gerstmann im November 2025 mit dem Flugzeug im südlichsten Teil der Erde an, um das vorherige Überwinterungsteam abzulösen. Im antarktischen Sommer herrschte zeitweise Hochbetrieb im Gebäude, das Platz für bis zu 50 Menschen bietet. Seit Februar 2026 ist die achtköpfige Crew allein. Sie bleibt insgesamt 13 Monate, erst kurz vor Weihnachten geht es wieder in die Heimat.
Sowohl das Wegkommen als auch ein Erreichen der Station ist zurzeit unmöglich - im Winter kann kein Flugzeug landen, kein Schiff festmachen. Seit zwei Monaten herrscht Polarnacht, die Sonne ließ sich am 23. Juli erstmals wieder für kurze Zeit über dem Horizont blicken. So wie die letzte Orange, wurde auch das zelebriert: „Wir haben darauf angestoßen“, berichtet der Mediziner.
Hitze hier - zweistellige Minusgrade dort
Weil kaum Wind vorhanden sei, seien die Wetterbedingungen bei minus 18 Grad zurzeit angenehm. „Die tiefste von uns gemessene Temperatur war minus 39,6 Grad. Wenn dann noch Wind dazukommt, wird das sehr schnell sehr kalt“, sagt Ingo Gerstmann. Für notwendige Tätigkeiten außerhalb der Station müssten sich die Teammitglieder in solchen Fällen besonders vor möglichen Erfrierungen schützen. Den Sommer in der Heimat vermisst Gerstmann aber nicht. Während der Hitzewelle war der 49-Jährige sogar froh, nicht dort zu sein.
Im normalen Leben ist Gerstmann Chirurg und Oberarzt am Klinikum Neustadt am Rübenberge bei Hannover, mit seiner Familie lebt er in der Landeshauptstadt. Jahr für Jahr sah er die Stellenausschreibungen des AWI für die Neumayer-Station III. Das Abenteuer reizte ihn schon lange. „Ich hatte das immer im Hinterkopf“, sagt er. Nachdem er das Buch „Polarschimmer“ las, in dem die Ärztin Aurelia Hölzer ihre Erfahrungen als Stationsleiterin in der Antarktis beschreibt, fasste er sich ein Herz: „Ich habe meine Familie gefragt, was sie davon halten würde, wenn ich gehe.“
Seine Frau und seine beiden Töchter waren mit der Teilnahme einverstanden. Dank der guten Internetverbindung hat er regelmäßigen Kontakt mit ihnen. „Ohne diese Möglichkeit hätte ich die Expedition nicht gemacht“, sagt Gerstmann. Seine 17-jährige Tochter ist in der Endphase ihrer Schullaufbahn, die 22-Jährige startet gerade ihren nachschulischen Lebensweg. „Das ist eine Phase, bei der man diskutieren könnte, ob man besser zu Hause wäre. Aber es passt.“
Kräftig bunte Farben in der Dämmerung faszinieren
So erlebt er nun Naturereignisse, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. „Die Landschaft zu beobachten, ist wunderschön. Diese endlose Weite und die stundenlangen, kräftig bunten Farben in der Dämmerung in der Zeit vor der Polarnacht waren absolut überwältigend, fast noch schöner als Polarlichter.“
Auch die Tierbeobachtungen seien beeindruckend. „Man sieht im Sommer schon mal einen Wal“, sagt Gerstmann. Und natürlich Robben und Pinguine: Zehn Kilometer von der Neumayer-Station befindet sich eine Pinguinkolonie auf dem Meereis. „Als wir angekommen sind, konnten wir beobachten, wie die jugendlichen Pinguine flügge wurden. Aktuell brüten die Männchen.“
Ingo Gerstmann ist auch für die Betreuung der „Bibliothek im Eis“ zuständig. (Archivfoto)picture alliance / dpa
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Natürlich gebe es im Team auch mal Heimweh. Alle Überwinterer, die aus ganz Deutschland und Österreich kommen, verstünden sich aber untereinander sehr gut. Vorteil sei, dass zurzeit jeder sein eigenes Zimmer habe. Rückzugsmöglichkeiten bietet auch die „Bibliothek im Eis“, die der Künstler Lutz Fritsch vor mehr als 20 Jahren in einem Container 200 Meter von der Station eingerichtet hat. Rund 760 Bücher vom großen Bildband bis zum Comic stehen dort in den Regalen. Als Stationsleiter ist Gerstmann auch für die Bibliothek verantwortlich. „Einmal in der Woche kontrolliere ich, ob alles in Ordnung ist“, sagt er.
Angestrichen ist der Bibliothekscontainer in Grün. Das ist kein Zufall. Denn die Farbe gibt es in der Antarktis nicht. „Somit erschien Grün mir als die Sehnsuchtsfarbe der Überwinterer“, wird Lutz Fritsch vom AWI zitiert. Das kann Ingo Gerstmann bestätigen. Während des heimatlichen Frühlings hat er das sprießende Grün der Pflanzen vermisst. Und auch wenn er die Kochkünste aus den verbliebenen Vorräten von Koch Richard Pozgaj über alles schätzt: Der Hannoveraner würde gerne mal wieder einen grünen Salat, frische Tomaten oder Erdbeeren essen.