Alleskönner Kane lobt Trainer Tuchel: „Großartige Ansprache“
Harry Kane überragt bei Englands WM-Start. Anteil am Sieg gegen Kroatien hat auch Thomas Tuchel, der bei seiner bislang wichtigsten Kabinen-Ansprache als Three-Lions-Coach den richtigen Ton trifft.
Tuchel findet offenbar die richtigen Worte bei der englischen Mannschaft. Jessica Tobias/AP/dpa
© Jessica Tobias/AP/dpa
Als umjubelter Doppelpacker und neuer WM-Rekordtorschütze Englands hätte Harry Kane allen Ruhm für den erfolgreichen Turnierstart der Three Lions für sich reklamieren können. Doch in der Stunde des Triumphs lobte der Superstürmer seinen Trainer Thomas Tuchel und stärkte dem auf der Insel immer noch nicht unumstrittenen Deutschen damit demonstrativ den Rücken.
„Er hat eine großartige Ansprache gehalten, um ehrlich zu sein“, sagte Kane mit Bezug auf Tuchels Kabinen-Worte vor der zweiten Halbzeit gegen Kroatien, in der England zumindest phasenweise Titelform bewies. „Er hat uns gesagt, wir sollen die Fesseln abwerfen, uns beruhigen“, verriet der Profi des FC Bayern. Tuchel habe laut Kane außerdem motivierend eingewirkt: „Lasst uns einfach loslegen und der Welt zeigen, wer wir sein können.“
Tuchel trifft den richtigen Ton
Was folgte, war phasenweiser Dauerdruck der Engländer im Dallas-Stadion und die für den 4:2 (2:2)-Sieg entscheidenden Treffer durch Jude Bellingham (47. Minute) und Marcus Rashford (85.). Er habe sich zuerst hingesetzt, den Spielern etwas Zeit zum Runterkommen gegeben und erst dann gesprochen, sagte Tuchel über die wohl wichtigste Kabinen-Ansprache in seiner Zeit als Englands Nationaltrainer.
„Es war kurz, es war ruhig“, erklärte der 52-Jährige. Er habe seine Spieler wegen der Defensivprobleme und Passivität nicht etwa kritisiert, sondern „ermutigt, unseren Weg zu gehen“, so Tuchel: „Ich wollte, dass sie mutig sind, engagiert und intensiv.“
Tuchel hat Druck - aber auch Kane
Mutig geht der frühere Bundesligacoach auch mit dem Anspruch um, England nach 60 Jahren wieder zum Weltmeister zu machen. „Das Ziel dieser Mission ist klar: der zweite Stern auf unserem Trikot“, hatte Tuchel bereits im Frühling des Vorjahres in einem Video gesagt, das eine Kabinen-Ansprache an die Mannschaft zeigte und im Internet heiß diskutiert wurde. Und wie immer bei der Beziehung Englands mit Tuchel gab es nicht nur positive Kommentare.
„Thomas hatte unheimlich Druck heute“, sagte Trainer-Ikone Jürgen Klopp bei MagentaTV. Aber Tuchel hat auch einen Kane in der Form seines Lebens. Der 32-Jährige erzielte im 115. Länderspiel seine WM-Treffer neun und zehn (12., Foulelfmeter/42.) und zog mit Englands Rekordhalter Gary Lineker gleich. „Wie einflussreich kann ein Spieler eigentlich sein? Die Antwort heißt Harry Kane“, sagte Klopp.
Kane und Bellingham versprühen „Sternenstaub“
Schon vor dem Anpfiff hatte Klopp von dem Ausnahmespieler geschwärmt. „Neulich habe ich gehört, über ihn werden Bücher geschrieben, Lieder gesungen in der Zukunft“, sagte der frühere Liverpooler Meistertrainer: „Er hat das Stürmerspiel verändert. Er ist ein Konnektor, er bringt alle ins Spiel.“
Wie auch auf Clubebene bei den Bayern ließ sich Kane oft bis tief ins Mittelfeld fallen, um dort anspielbar zu sein und Bälle zu verteilen. Davon profitiert auch Bellingham auf der Zehner-Position. Beide hätten „unter dem Dach in Dallas etwas Sternenstaub versprüht“, schrieb die Zeitung „The Sun“.
Sorgten für Highlights: Harry Kane (r.) und Jude Bellingham.Daniel Mcgregor-Huyer/ZUMA Press Wire/dpa
© Daniel Mcgregor-Huyer/ZUMA Press Wire/dpa
Kane mit Rettungsaktion im eigenen Strafraum
Doch Kane zauberte nicht nur, er kämpfte auch. In der Nachspielzeit blockte er im eigenen Strafraum einen Schuss von Josko Gvardiol mit dem Bauch ab. Wenn man sich diese Aktion in der Defensive anschaue, sagte Tuchel, „dann weiß man alles über seine Leistung heute. Eine komplette Leistung, ein absoluter Leader.“
Tuchel, der einst mit dem FC Chelsea Champions-League-Sieger wurde, gab zu, dass das erste WM-Spiel für ihn „sehr emotional“ gewesen sei. Mit fast kindlicher Freude ergänzte er: „Ich will nirgendwo anders in der Welt sein als hier.“
Tuchels Problem bei der Nationalhymne
Nur eine Sache hat ihn beim WM-Start wirklich gestört: Er habe wegen der vielen Fotografen unmittelbar vor ihm seine Mannschaft während des Abspielens der Nationalhymne nicht sehen können. „Das hat das Erlebnis ein bisschen ruiniert“, meinte Tuchel.
Beim Abspielen der Nationalhymne hatte Tuchel ein Problem.Julio Cortez/AP/dpa
© Julio Cortez/AP/dpa
Bei der Hymne „God save the King“ wolle er erst „ganz zum Schluss“ mitsingen, hatte Tuchel schon vor dem WM-Auftakt gesagt. Er müsse sich das Recht dazu erst verdienen. Der erste Schritt dafür ist gemacht.
Hatte nach Englands Startsieg gut lachen: Thomas Tuchel.Julio Cortez/AP/dpa
© Julio Cortez/AP/dpa
Harry Kane bejubelten einen Treffer im WM-Spiel gegen Kroatien.Nick Potts/PA Wire/dpa
© Nick Potts/PA Wire/dpa