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Suchthilfe versus Sicherheit: Eskalation im Bahnhofsviertel

Baustellen und Crack-Boom: Die Lage im Frankfurter Bahnhofsviertel spitzt sich zu. Die Politik will bei einem Spitzentreffen Lösungen suchen. Die Menschen vor Ort haben allerdings wenig Hoffnung.

26.06.2026

Im Bahnhofsviertel gibt es zahlreiche Gegensätze. (Archivbild)Andreas Arnold/dpa

Im Bahnhofsviertel gibt es zahlreiche Gegensätze. (Archivbild)Andreas Arnold/dpa

© Andreas Arnold/dpa

Der Termin ist gut gewählt. Ausgerechnet am Weltdrogentag kommen heute in Frankfurt Politiker zum Gespräch über das Bahnhofsviertel zusammen. Doch das Treffen, an dem Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU)und Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) teilnahmen, fand am Westhafen in Frankfurt statt, einige Kilometer vom Bahnhofsviertel entfernt. Strittig war dabei weniger das Ziel als der Weg: Wie umgehen mit den suchtkranken Menschen und den Drogendealern im Viertel? 

OB Josef hatte kürzlich in einem Brief an Poseck einen „Bahnhofsgipfel“ ins Spiel gebracht. Ziel müsse es sein, Sicherheit und Ordnung zu stärken, die Situation für Anwohnende und Gewerbetreibende zu verbessern und die Suchthilfe sowohl medizinisch als auch ausstiegsorientiert weiterzuentwickeln.

Innenminister Poseck hatte zuvor die Stadt scharf kritisiert und von unzumutbaren und alarmierenden Zuständen gesprochen. Das Bahnhofsviertel habe eine magnetische Wirkung auf Crack-Abhängige und dies habe die Stadt verstärkt. Das Wort „Bahnhofsgipfel“ vermeidet das Innenministeriumaber, dort spricht man lieber von einem „Spitzengespräch“.

Nach dem Gespräch waren beide bemüht, Geschlossenheit zu zeigen. Sie kündigten ein Sofortprogramm an, um die Situation zu verbessern. Das umfasst unter anderem eine neue geplante Polizeiwache im Viertel, eine effektivere Strafverfolgung, Künstliche Intelligenz zur Datenauswertung und Gesichtserkennung sowie das sogenannte Drugchecking, bei dem Drogen chemisch analysiert werden.

„Wir haben im Viertel eine neue Eskalationsstufe erreicht“

Den Menschen vor Ort dürfte die Wortwahl egal sein. Wer durch die Straßen läuft, schlängelt sich zwischen Baustellenabsperrungen, Glasscherben und suchtkranken Menschen durch. „Wir haben im Viertel eine neue Eskalationsstufe erreicht, weil man einfach das Gefühl hat, es bewegt sich nichts“, sagt Gunnar Berendson, Sprecher der Eigentümerinitiative Bahnhofsviertel. 

Es gebe keinen Masterplan, den sie aber seit Jahren einforderten, sagt er. Die Eigentümerinitiative ist ein Zusammenschluss von Immobilienbesitzern im Viertel. „Und jetzt gibt’s wieder so einen Gipfel – die hat’s alle schon zehn Mal gegeben. Wir wissen alle, dass es zu viele Drogenabhängige gibt im Stadtteil.“ Die Zahl müsse dringend reduziert werden. „Dass das Thema aktuell so hochkocht, hat sicherlich was mit der Baustellensituation zu tun“, sagt er. Gewerbetreibende und Gastronomen beschweren sich seiner Aussage nach zunehmend über Umsatzeinbußen.

Crack ist eine der vorherrschenden Drogen im Viertel. (Archivbild)Boris Roessler/dpa

Crack ist eine der vorherrschenden Drogen im Viertel. (Archivbild)Boris Roessler/dpa

© Boris Roessler/dpa

Offene Drogenszene konzentriert sich auf wenige hundert Meter

Auch nach Ansicht der Stadtpolitik ist inzwischen ein Punkt erreicht, der für alle Beteiligten nicht mehr akzeptabel sei. „Denn der ohnehin knappe öffentliche Raum im Bahnhofsviertel wurde durch Baustellen nochmals erheblich verkleinert“, schreibt das Sozial- und Gesundheitsdezernat. „Die Folge: Die offene Drogenszene konzentriert sich aktuell auf wenige hundert Meter.“

Die in der Initiative organisierten Eigentümer zahlen laut Berendson im Jahr rund eine Million Euro für private Sicherheitsdienste, um die Hauseingänge sichern. Die Mieter im Quartier hätten ein Riesenproblem.„Wenn Sie in ein Bürogebäude gehen wollen und es stehen 30 Drogenabhängige davor, ist das keine einladende Situation.“ 

Daniel ist Wirtschafter im „Haus 42“, koordiniert die Zimmervermietung an die Prostituierten und ist für die Sicherheit verantwortlich. „Hilfe vor Ort halte ich für den falschen Ansatz, da die Zahlen der Süchtigen vor Ort immer weiter steigen“, sagt er. Menschen seien abgeschreckt und blieben deshalb oft weg. Er sagt, es gebe zu viel Schmutz und Belästigung durch solche Gruppen – und die Stadt dulde das.

Wirtschafter Daniel sieht das Problem auch bei der Stadt.Boris Roessler/dpa

Wirtschafter Daniel sieht das Problem auch bei der Stadt.Boris Roessler/dpa

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Dabei sind Behörden und Polizei immer wieder im Bahnhofsviertel unterwegs. Am Dienstag erst war eine Kontrollaktion geplant, die schnell unterbrochen wurde: Ein drogensüchtiger Mann griff gegenüber vom Bahnhof einen Polizisten mit einem spitzen Gegenstand an und verletzte ihn. Daraufhin schoss die Polizei auf ihn und verletzte ihn schwer. 

Suchthilfezentrum – große Hoffnung oder nicht ausreichend?

Umstritten sind die Pläne, ein Crack-Suchthilfezentrum in der Niddastraße aufzubauen. Die Stadt setze große Hoffnungen in das geplante Hilfezentrum, schreibt das Dezernat. „Dort werden schwerstabhängigen Menschen unter einem Dach sämtliche Hilfen angeboten, die einen Ausstieg aus der Szene ermöglichen.“ 

Berendson sieht die Pläne nicht so positiv. „Das geplante Suchtzentrum in der Niddastraße wird jetzt sozusagen als der heilige Gral gefeiert. Nach dem Motto: „Wenn es erst einmal fertiggestellt ist, wird alles wieder gut.““. Seiner Meinung nach reichen die geplanten Plätze nicht aus. 

„Die Nachfrage vor allem nach Kokain ist quer durch die Gesellschaft derart hoch, dass Dealer die Stadt mit der Droge überschwemmen“, stellt auch das Dezernat fest. Die Lage sei nicht mehr akzeptabel. Uneinig sei man sich in der Stadt nur, wie man der Situation begegnen solle, sagt die Dezernentin Elke Voitl (Grüne).

Dezernentin: Niemand schlafe freiwillig auf dem Asphalt

Niemand schlafe freiwillig auf dem Asphalt, sagt sie. Schwerstkranken die Schuld dafür zu geben, dass Gewerbetreibende weniger Umsatz machten, sei menschenverachtend. Voitl wird bei dem Spitzengespräch dabei sein. Sie erwarte sich davon eine bessere, konstruktive Zusammenarbeit mit dem Land. 

Eileen ist eine der Frauen, die im Bahnhofsviertel lebt. (Archivbild)Boris Roessler/dpa

Eileen ist eine der Frauen, die im Bahnhofsviertel lebt. (Archivbild)Boris Roessler/dpa

© Boris Roessler/dpa

Die Pläne der Stadt: „Unter anderem soll die medizinische Behandlung schwerst Crack-Abhängiger mit Kokain und Amphetamin getestet werden. Die Stadt erwägt zudem, eine Gesetzesänderung herbeizuführen, um den Kleinsthandel von illegalen Drogen in den Konsumräumen zu gestatten.“

Während am Freitag über all das am Westhafen gesprochen wurde, saßen Eileen und Melissa wahrscheinlich auf dem Bordstein im Bahnhofsviertel. Sie sind zwei von hunderten Drogenabhängigen, die in Frankfurt leben. Melissa hat einen Platz zum Schlafen – Eileen bleibt auf der Straße.