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Student hilft, Miete sinkt – Wohngemeinschaft als Glücksfall

Eine Wohngemeinschaft der besonderen Art: Warum ein Student in Nattwerder Feuerholz hackt, Tomaten pflanzt, trotzdem von einem Glücksgriff spricht und das Modell Zukunft haben könnte.

08.06.2026

Leo Kiepisch nennt das Zimmer bei Bernd Mauerhof einen „Sechser im Lotto“.Jens Kalaene/dpa

Leo Kiepisch nennt das Zimmer bei Bernd Mauerhof einen „Sechser im Lotto“.Jens Kalaene/dpa

© Jens Kalaene/dpa

Im Gewächshaus stehen Dutzende Tomatenpflanzen, sie müssen dringend in die Erde. Bernd Mauerhof zeigt Leo Kiepisch, wo er graben soll – und wie tief. Auf dem Hof und im weitläufigen Garten in Nattwerder bei Potsdam gibt es jede Menge zu tun. Zwischen den beiden Männern liegen fast 50 Jahre Altersunterschied, dennoch teilen sie sich den Alltag – in einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft. „Wohnen für Hilfe“ heißt das Projekt, das sie zusammengebracht hat. 

Leo Kiepisch zahlt nur 150 Euro Miete, im Gegenzug leistet er pro Monat etwa zehn Arbeitsstunden. Die Zahl richtet sich nach der Größe seines Zimmers - eine Stunde pro Quadratmeter. „Für mich ist es wie ein Sechser im Lotto“, freut sich der Student und auch Vermieter Mauerhof profitiert: „Ich kann dank der Hilfe den Standard auf dem Hof und im Garten halten – ohne sie müsste ich die Rasenfläche vergrößern“, so der 73-Jährige.

„Bei erfolgreichen Wohnpartnerschaften profitieren beide Seiten: Ältere Menschen können häufig länger in ihrer vertrauten Umgebung wohnen bleiben, während Studierende sehr günstigen oder kostenfreien Wohnraum erhalten und sich dadurch stärker auf ihr Studium konzentrieren können. Darüber hinaus entstehen oft bereichernde Kontakte und mitunter sogar echte Freundschaften zwischen den Generationen“, sagt Josephine Kujau, Sprecherin des Studierendenwerks West:Brandenburg. Dort wurde das Projekt 2020 gestartet.

Etwa 80 Partnerschaften vermittelt - entspricht einem Wohnheim

Seitdem seien mehr als 80 solcher Wohnpartnerschaften vermittelt worden. „Das entspricht immerhin der Größenordnung eines kleinen Wohnheims“, so die Sprecherin. Das Studierendenwerk sei überzeugt von dem Konzept. „Wir wissen aber gleichzeitig, dass es bei der Frage nach bezahlbarem Wohnraum nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist.“ 

Wohnheimplätze sind in Potsdam rar, andere günstige Zimmer und Wohnungen ebenso. Die durchschnittliche Pauschalmiete liegt im Studierendenwerk West:Brandenburg bei mehr als 300 Euro. Auf dem freien Markt liegen die Kosten oft deutlich höher.

Weil seine Zimmersuche zunächst erfolglos blieb, pendelte Leo Kiepisch täglich aus seiner Heimatstadt Herzberg im Süden Brandenburgs nach Potsdam. „Ich war sehr gefrustet und musste eineinhalb bis zu zwei Stunden pro Strecke fahren“, erzählt er. Nach dem Tipp einer Cousine aus Karlsruhe kam die Idee zum Wohnen gegen Hilfe. Dort läuft das Projekt seit 2008. 

Der Vermittlungsprozess sei unkompliziert gewesen, erinnert sich Kiepisch. „Ich musste einen Fragebogen ausfüllen, ähnlich wie in einem Freundschaftsbuch“, sagt er. 

„Wir vermitteln nach praktischen und persönlichen Kriterien“, erläutert Kujau. „Ausschlaggebend ist letztlich aber, dass die Chemie zwischen beiden Seiten stimmt.“

Mischung aus drittem Opa und Mitbewohner 

In Nattwerder passt sie. Ihn habe die von Anfang an große Offenheit Bernd Mauerhofs überrascht, erzählt Leo Kiepisch. „Für mich ist er eine Mischung aus drittem Opa und Mitbewohner“, sagt er. Auch für ihn sei die WG eine Bereicherung, erzählt der ehemalige Sozialarbeiter Bernd Mauerhof, der bereits verschiedene Mitbewohner hatte. Anfangs, vor etwa vier Jahren, habe es ihn zwar etwas Überwindung gekostet, sein Haus für fremde Mitbewohner zu öffnen. 

„Aber für mich ist es fast durchgehend eine gute Erfahrung gewesen“, sagt er rückblickend. In den vergangenen vier Jahren habe er nur mit einem Studenten Schwierigkeiten gehabt. „Ich hatte das Gefühl, dass die Aufgaben auf dem Hof hinter dem Studium, Sport und Freizeit an allerletzter Stelle standen“, so Mauerhof. Er habe sich Hilfe des Projektleiters geholt. Mit dem Auszug des Studenten habe sich das Thema erledigt. 

Holz hacken, Kirschen pflücken

Leo Kiepisch ist gelernter Forstwirt und handwerklich begabt. Ein paar Meter neben dem Gewächshaus steht eine Sitzstange für Greifvögel, die er gerade gebaut hat. Die Arbeiten seien sehr jahreszeitenabhängig. „Im Winter haben wir Feuerholz gehackt und gestapelt, im Frühling arbeite ich mehr im Garten, habe zum Beispiel umgegraben, zur Kirschenzeit werde ich beim Ernten mithelfen, sofern die Stare welche übrig lassen“, erzählt der 26-Jährige. 

„Erlaubt ist vieles – Gartenarbeit, mit dem Hund Gassigehen, Hausaufgabenbetreuung der Kinder, Unterstützung im Haushalt. Nur pflegerische Leistungen sind konsequent ausgeschlossen“, erklärt Kujau.

„Wohnen für Hilfe“ sei kein klassisches Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis, betont sie. Die Unterstützung im Alltag basiere auf solidarischem Miteinander und gegenseitiger Rücksichtnahme. Deshalb funktionieren starre Modelle in der Regel nicht, so ihre Erfahrung. Diese teilt auch Bernd Mauerhof, der bei seinen ersten Mitbewohnern noch feste Pläne aufstellte. „Aber das funktioniert nicht“, weiß der 73-Jährige. 

Haus mit Wassergrundstück und Ruderboot

Hinter dem Hof in dem 40-Seelen-Dorf ist die Wublitz, ein Nebenarm der Havel. Hier liegt Mauerhofs Ruderboot, das Leo Kiepisch fit für die Saison gemacht hat. „Ich habe die Muscheln entfernt“, erzählt der Angler, der das Boot auch gern für sein Hobby nutzt und Schleie, Karpfen oder Aale fischt. 

Zur WG gehört noch ein weiterer Mitbewohner, der Spanier Sam, der nicht über das Projekt, sondern über eine WG-Vermittlungsplattform kam und ebenfalls mit anpackt. „Ich liebe die Ruhe hier und habe für das Zimmer bei Bernd auf einen Wohnheimplatz in Babelsberg verzichtet“, erzählt der 25-Jährige. 

„Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Menschen beim Projekt mitmachen, doch viele tun sich schwer damit“, sagt Mauerhof mit Blick auf andere Hausbesitzer. Die Nachfrage ist da: Auf ein Wohnungsangebot kämen etwa zehn suchende Studierende, sagt Kujau. 

Experte: WG-Form könnte Zukunftsmodell werden

Nach Einschätzung des Experten Daniel Furhop ist das deutsche Modell „Wohnen für Hilfe“ noch eine Nischenlösung. Es könne jedoch zum Zukunftsmodell werden, wenn es ähnlich professionell organisiert werde wie das „Homeshare“ in vielen anderen Ländern – mit Vollzeitstrukturen und finanzieller Ausstattung, die Wachstum ermöglicht. 

„Erfolgszahlen aus europäischen Nachbarländern zeigen das Potenzial: Allein in Brüssel werden jährlich rund 450 junge Menschen mit älteren Menschen zu Wohnpartnerschaften vermittelt – fast so viele wie in ganz Deutschland. Würde hierzulande ähnlich professionell gearbeitet, könnten bis zu 30.000 junge Menschen Wohnraum bei Älteren finden, so ein Ergebnis meiner Dissertation zum „unsichtbaren Wohnraum““, so der Ökonom Furhop, der im Potsdamer Rathaus als Referent für Wohnen arbeitet und dort am Aufbau einer Wohnraumagentur arbeitet. Dort sollen verschiedener Erfolgsmodelle kombiniert werden.

Auch der Verein „FORUM Gemeinschaftliches Wohnen“ sieht Potenzial. Nicht zuletzt angesichts der in die Jahre kommenden „Boomer“, von denen vermutlich mehr Menschen als in der Vorgängergeneration – auch aufgrund eigener positiver gemeinschaftlicher Wohnerfahrungen – offen für ein generationenübergreifendes gemeinschaftliches Wohnen seien, wie Referentin Stefanie Röder erklärt. 

Der Verein betrachte „Wohnen gegen Hilfe“ aber eher als Übergangslösung mit positiven Effekten für beide Seiten und gegebenenfalls als schwierig, sobald Pflegebedürftigkeit eintrete. 

Versuche in Berlin gescheitert

In Berlin hat das Studierendenwerk Berlin laut Sprecherin Jana Judisch versucht, „Wohnen für Hilfe“ aufzubauen, dies aber abgebrochen. Der Aufwand sei hoch, die Zahl der Vermittlungen gering gewesen. „Oft ist auch die Sprachbarriere ein Grund. Zudem gibt es Vorbehalte gegenüber der Aufnahme internationaler Studierender.“

„Wir gehen davon aus, dass das Modell weiter an Relevanz gewinnen wird. Für eine Stadt wie Potsdam ist es bereits ein Erfolg, dass ‚Wohnen für Hilfe‘ so gut Fuß fassen konnte“, sagt hingegen Josephine Kujau. Denn anders als in klassischen Hochschulstädten gebe es keine ausgeprägte Tradition der Untervermietung.

Der Tisch ist der zentrale Treffpunkt in der ungewöhnlichen WG. Jens Kalaene/dpa

Der Tisch ist der zentrale Treffpunkt in der ungewöhnlichen WG. Jens Kalaene/dpa

© Jens Kalaene/dpa

Leo Kiepisch kann direkt hinter dem Haus sogar angeln. Jens Kalaene/dpa

Leo Kiepisch kann direkt hinter dem Haus sogar angeln. Jens Kalaene/dpa

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Die Chemie stimmt zwischen Bernd Mauerhof und Leo Kiepisch.Jens Kalaene/dpa

Die Chemie stimmt zwischen Bernd Mauerhof und Leo Kiepisch.Jens Kalaene/dpa

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Der handwerklich begabte Student hat einen Sitz für Greifvögel gebaut. Jens Kalaene/dpa

Der handwerklich begabte Student hat einen Sitz für Greifvögel gebaut. Jens Kalaene/dpa

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