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Stinkend und laut – der seltsame Brauch mit Schweinsblasen

Was woanders im Schlachtabfall landet, wird in Baden-Württemberg in der Fastnacht zum Narrengerät: die „Saublodere“. Das hat es mit dem ekligen Brauch auf sich.

01.02.2026

Vor Schweinsblasen ist kein Zuschauer bei Umzügen sicher. (Archivbild)picture alliance / dpa

Vor Schweinsblasen ist kein Zuschauer bei Umzügen sicher. (Archivbild)picture alliance / dpa

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Woanders landen sie im Schlachtabfall, im baden-württembergischen Rottenburg und vielen anderen Fastnachtsorten aber werden sie zum lauten Markenzeichen der Narretei: mit Luft gefüllte Schweinsblasen, die sogenannten „Saublodere“. Mit voller Wucht auf den Boden geschlagen, sorgen die nach Urin stinkenden Blasen für ohrenbetäubenden Lärm – und treffen nicht selten auch unvorbereitete Zuschauer.

Fastnachtszünfte lassen sich die Schweinsblasen jedes Jahr von Metzgern liefern. Sie werden aufgeblasen und an Schnüren befestigt – teils an Holzstäben, teils an getrockneten Ochsenpenissen. Die „Saublodere“ gehört zur Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht wie Maske und Häs und blickt auf eine lange Geschichte zurück.

Glitschige Schweinsblasen sind fester Bestandteil der Schwäbisch-Alemannischen Fasnet. Bernd Weißbrod/dpa

Glitschige Schweinsblasen sind fester Bestandteil der Schwäbisch-Alemannischen Fasnet. Bernd Weißbrod/dpa

© Bernd Weißbrod/dpa

Kein Job für Zartbesaitete

Bevor aus der Blase eine „Saublodere“ wird, steht allerdings Handarbeit an – und die ist nichts für empfindliche Nasen. Zunächst wird die Blase ausgedrückt, inklusive Urin und Fett. Danach folgt ein Bad in Salzlake, gründliches Waschen und eine genaue Kontrolle: Risse, Schnitte oder andere Schäden bedeuten das Aus.

Erst robuste Exemplare dürfen zum Umzug. Die Luft kommt heute meist per Pressluft hinein. „Mein Meister hat früher noch mit dem Mund aufgeblasen, aber das ist ja eklig“, erzählt der gelernte Metzger Jürgen Ott, jetzt beim Bauhof Pfullingen (Kreis Reutlingen) tätig. Er beliefert die Rottenburger Narrenzunft im Kreis Tübingen mit der begehrten Ware seit 18 Jahren und greift fürs Aufblasen lieber zur Fahrrad- oder Fußballpumpe. Pro Saison schafft Ott zwischen 80 und 100 Blasen.

Angebunden wird die Blase an den sogenannten „Hagenschwanz“ – das Genital eines geschlachteten Bullen oder den Schwanz einer Kuh, ebenfalls vom Metzger geliefert. Lange hält eine Saublodere allerdings nicht: „Zwei bis drei Umzüge, dann brauchen die Narren wieder frische“, sagt Ott.

Schweinsblasen sind unverzichtbares Werkzeug von Narren in der Fasnet. Bernd Weißbrod/dpa

Schweinsblasen sind unverzichtbares Werkzeug von Narren in der Fasnet. Bernd Weißbrod/dpa

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Symbol für Eitelkeit und Maßlosigkeit

Nach dem Fastnachtsglossar der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzüfte (VSAN) dient die Schweinsblase als Neckinstrument und Krachmacher. Gleichzeitig steht sie symbolisch für eine der Todsünden: die Eitelkeit. Ein aufgeblasenes, hohles Nichts, das mitunter auch stinkt, erklärt VSAN-Sprecher Paul Martin. Man würde der Fasnet ihren Sinn nehmen, wenn Essen, Trinken und das bewusste „Über-die-Stränge-Schlagen“ eingedampft würden. „Die Saublodere gehört zur Fasnet wie das bunte Ei zu Ostern.“

Manche Zünfte greifen inzwischen aber auf Rinderblasen zurück. Diese sind laut Martin größer und stabiler, hielten mehr Umzüge aus und gingen nicht so schnell kaputt. Ihre Beliebtheit wachse.