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„Sicher ist man auf keiner Strecke, zu keiner Uhrzeit“

Zwei Gewerkschafterinnen berichten aus ihrem Berufsalltag als Zugbegleiterinnen. Die Betroffenheit über den tödlichen Angriff auf ihren Kollegen Serkan Çalar ist den Frauen deutlich anzumerken.

09.02.2026

„Die Angst fährt immer mit“, berichtet Gewerkschafterin und Zugbegleiterin Michaela Kettner. Boris Roessler/dpa

„Die Angst fährt immer mit“, berichtet Gewerkschafterin und Zugbegleiterin Michaela Kettner. Boris Roessler/dpa

© Boris Roessler/dpa

„Wir steigen in den Zug und wissen nicht, was uns passiert.“ So schildert Konstanze Alba von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ihren Berufsalltag als Zugbegleiterin. „Man kann früh um 6 Uhr angemacht werden oder nachmittags, es hängt nicht an der Spätschicht.“ 

„Sicher ist man auf keiner Strecke zu keiner Uhrzeit. Es ist wie russisches Roulette“, ergänzt ihre Kollegin Michaela Kettner. Früher hätten sie die Fahrgäste im Zug besser einschätzen können, berichten die beiden Kundenbetreuerinnen vom Nahverkehr DB Regio Mitte. 

Zugbegleiterinnen vermissen Respekt, Empathie und Höflichkeit 

Heute könnten Menschen jeden Bildungsstands extrem unfreundlich, beleidigend oder aggressiv werden, sagt Kettner (57), die seit 2017 bei der Bahn arbeitet. „Und viele sind sehr ich-bezogen.“ 

Am Tag nach dem tödlichen Angriff auf ihren Kollegen Serkan Çalar sei sie mit dem Zug in Worms gestrandet und dort habe ein älterer Herr mit Trolley im Fahrstuhl zu ihr gesagt, dass so etwas halt passiere. „Da zweifelt man an der Menschheit“, sagt Kettner. „Respekt und Empathie - da ist zum Teil nichts mehr.“ 

„Man muss immer mit allem rechnen“

Wenn sie nach den Fahrkarten frage, käme oft nicht mal ein „Hallo“ oder „Guten Tag“, manchmal vielmehr gleich eine Beleidigung, berichtet Kettner. „Man muss immer mit allem rechnen, das ist kräftezehrend und geht an die Psyche.“ Wenn Tickets auch wieder im Zug verkauft werden dürften, könne das so manche Situation deutlich entspannen, sagt Alba. 

Die Unpünktlichkeit vieler Züge rechtfertige nicht, dass simpelste Höflichkeitsformen weggelassen würden, sagt Kettner. „Wir können nichts dafür und kommen auch nicht pünktlich nach Hause.“ Nicht wenige Fahrgäste trügen auch mit ihrem eigenen Verhalten dazu bei, dass die Züge verspätet seien, sagen die Gewerkschafterinnen. Neulich etwa habe einer für seinen Kumpel die Tür aufgehalten und sich dann darüber beschwert, dass der Zug Verspätung habe, berichtet Kettner. 

Einigen Fahrgästen sieht man beim Aufwachsen zu 

Fußballfans im Zug empfinden die beiden Frauen in der Regel nicht als besonders unangenehm. Im Gegenteil: „Da hatte ich schon die besten Gespräche“, sagt Kettner. Allerdings wollten manche Kolleginnen so eine Schicht schon lieber weg tauschen. 

„Es gibt auch super viele liebe Fahrgäste“, sagt Kettner. Einigen Kindern sehe man beim Aufwachsen zu. 

Beleidigungen sind an der Tagesordnung

Besonders unangenehm seien die sexistischen Beleidigungen und die Respektlosigkeit gegen sie als Frauen, berichten beide. Viele Fahrgäste duzten die Zugbegleiterinnen auch einfach gleich. „Ich bin froh, wenn mich an einem Tag lang keiner beleidigt hat“, sagt Kettner. Körperliche Gewalt habe sie noch nicht erlebt. 

„Die Angst fährt immer mit“, sagt Kettner. Wenn sie nachts allein in einem Zug Dienst habe, in dem mehrere kleinere und größere Gruppen von Männern mitführen, verzichte sie aus Sicherheitsgründen auch mal auf die Fahrscheinkontrolle. „Ich möchte heil nach Hause kommen.“ 

Zivilcourage ist fast nicht mehr vorhanden, sagt Kettner. Früher war mehr, ergänzt Alba. „Die Leute haben Angst, selber was auf den Deckel zu bekommen“, meint Kettner. 

„Ich habe schon das Messer vorm Gesicht gehabt, wurde bespuckt und habe mich auch schon geschlagen“, berichtet Alba, die vor fast 40 Jahren bei der Bahn angefangen hat, sichtlich mitgenommen. „Bestimmte Sachen nimmt man jahrelang mit.“ Und: „Ich kannte Serkan persönlich.“ Kettner ergänzt: „Die Dramatik und Schwere dieses Falls ist der absolute Worst Case.“

Tickets im Zug verkaufen könnte in manche Situation entspannen, sagt Gewerkschafterin und Kundenbetreuerin Konstanze Alba. Boris Roessler/dpa

Tickets im Zug verkaufen könnte in manche Situation entspannen, sagt Gewerkschafterin und Kundenbetreuerin Konstanze Alba. Boris Roessler/dpa

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