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Seelsorge der Kirche: Wo können sich Polizisten Hilfe holen?

Polizisten sind nicht selten belastenden Situationen ausgesetzt. Hilfe können sie sich auch außerhalb der Behörde suchen.

05.04.2026

Pfarrerin Stephan greift Polizisten in Krisen unter die Arme.Oliver Pietschmann/dpa

Pfarrerin Stephan greift Polizisten in Krisen unter die Arme.Oliver Pietschmann/dpa

© Oliver Pietschmann/dpa

Sie müssen schießen oder es wird auf sie geschossen. Bei ihrer täglichen Arbeit können sie Opfer von Gewalt und Anfeindungen werden oder müssen sich mit grausigen Bildern auseinandersetzen. Und außerhalb des Jobs können auch sie private Probleme plagen. Hilfe gibt es für Polizistinnen und Polizisten nicht nur in der Behörde: In Hessen und Rheinland-Pfalz kümmert sich etwa auch die Polizeiseelsorgerin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Astrid Stephan, um sie. „Ich habe mir immer gewünscht, ich möchte noch mal was ganz anderes machen, kompletter Systemwechsel, wo man neu aufmerksam ist, neu denken darf und nicht immer wieder dasselbe abspult“, sagt Stephan, die ihre neue Stelle erst vor kurzem angetreten hat. 

Die 59 Jahre alte Pfarrerin weiß um die möglicherweise schwierigen Gespräche, die auf sie zukommen können. Sie habe inzwischen gelernt, dass Hessen bei der psychosozialen Nachversorgung von Einsatzkräften sehr gut aufgestellt sei - auch ohne die Seelsorge, sagt Stephan. Wenn es um die Auswertung von Kinderpornografie gehe, bekämen die Beamtinnen und Beamten heutzutage automatisch Supervision und würden schon innerhalb des Systems begleitet. „Und wir kommen immer on top dazu.“

Die kirchliche Seelsorge ist verschwiegen 

Der Vorteil der konfessionsübergreifenden kirchlichen Seelsorge: Sie hat laut Stephan ein absolutes Zeugnisverweigerungsrecht. „Alle anderen, die im Beratungssystem sind, sind nicht 100 Prozent geschützt im Sinne von, dass sie nicht doch mal irgendwann eine Aussage machen müssen.“ Mit den Seelsorgern könne man reden, die Kirchen kämen von außen. „Das heißt, immer wenn es um Straftatbestände geht, hat ein Polizeibediensteter einen Eid geschworen, muss er Meldung machen.“

Bei ihr gebe es auch keine Notizen, die nachverfolgt werden könnten. „Ich könnte einem Gesprächspartner raten, du hast die Freiheit, dich krankschreiben zu lassen. Überleg dir das, ob dir das nicht gut tut.“ Aber sie werde nichts verschriftlichen, was in irgendeine Diagnoserichtung gehe. „Wir sollen ein Miniprotokoll anfertigen, wo lediglich drinsteht, das Gespräch hat stattgefunden, der war bei mir am, um, im nachfolgenden Einsatz.“

Seelsorger in Hessen und Rheinland-Pfalz

Polizeiseelsorger haben ein eigenes Emblem.Oliver Pietschmann/dpa

Polizeiseelsorger haben ein eigenes Emblem.Oliver Pietschmann/dpa

© Oliver Pietschmann/dpa

Die Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau organisiert die Seelsorge auf ihrem Gebiet in Hessen und Rheinland-Pfalz und arbeitet dabei eng mit der katholischen Kirche zusammen. „Wir sind ökumenisch unterwegs“, sagt Stephan. Sie würde sich freuen, wenn auch andere Religionsgemeinschaften vertreten wären, das sei aber nicht der Fall, berichtet sie.

Erstmal Kontakte knüpfen

Stephan wurde kürzlich offiziell in ihr Amt eingeführt. „Ich bin dabei, jetzt Antrittsbesuche zu machen. Das heißt, ich muss die ganzen Präsidenten abklappern.“ Sie habe gleichzeitig angefangen, Kontakt aufzunehmen zu all denen, die das in der hessischen Polizeipersonalberatung machten. „Das heißt, das ist im Großen und Ganzen das Zentrum für psychologischen Dienst, die die Beratung und Begleitung von Polizeibeamten im Dienst machen. Weil die sind diejenigen, die dann auch mal sagen können: Hier, da ist noch jemand, geh doch mal dahin.“

Bei Problemen vieler Art helfen

„Wir begleiten in jeder Lebenslage“, sagt Stephan. Es gehe ja nicht nur um schlimme, belastende, traumatische Erlebnisse aus dem Dienst, sondern auch um familiäre Probleme. „Und die privaten kriege ich jetzt schon mit, Krankheit oder pflegebedürftigen Eltern oder, oder, oder.“

Stephan ist neue Polizeiseelsorgerin.Oliver Pietschmann/dpa

Stephan ist neue Polizeiseelsorgerin.Oliver Pietschmann/dpa

© Oliver Pietschmann/dpa

Es gebe natürlich extrem traumatische Erlebnisse. Doch Taten wie in Kusel in Rheinland-Pfalz seien die Ausnahme. Dort waren 2022 zwei junge Polizisten bei einer nächtlichen Verkehrskontrolle von einem Wilderer erschossen worden. Auch in Völklingen im Saarland wurde ein Polizist erschossen - im August 2025 entriss ein Mann nach einem Tankstellenüberfall einem Polizeianwärter die Dienstwaffe und erschoss einen Polizeioberkommissar mit sechs Schüssen. 

Seelsorge sei zum Beispiel nach Unfällen im Dienst gefragt - also etwa, wenn Polizisten mit dem Auto auf dem Weg zu einer Einsatzstelle verunglückten. So etwas gebe es weit häufiger als wirklich extrem gewalttätige Angriffe auf Polizeibedienstete. 

Theologen kommen bei schwierigen Themen ins Spiel

Bei all ihren Antrittsbesuchen sei ein hohes Interesse der Beschäftigten an Ethik und Werten deutlich geworden. So gehe es etwa immer wieder um die Frage, wie man in konkreten Situationen richtige Entscheidungen treffen könnte. „Und dann, wenn was schiefgegangen ist, müssen wir natürlich in der Nachsorge gucken“, sagt Stephan. „Ich glaube, Theologen, Pfarrerinnen kommen immer dann ins Spiel, wenn es mit Tod, mit Gewalt zu tun hat und wenn es mit Schuldgefühlen zu tun hat.“ 

Einmal im Jahr gibt es auch einen Gedenkgottesdienst. „Da brauchen wir Sie“, hätten ihr sowohl Polizeipräsidenten als auch ihr katholischer Kollege gesagt. Doch nicht, um das Ganze christlich zu begleiten: Es gebe darum, einen Raum zu schaffen, um mit Tod, Sterben und Trauer umgehen zu können und darüber reden zu können.  

Lehrauftrag für Ethik an der Hochschule

„Worauf ich mich natürlich auch noch freue wie Bolle, ist der Lehrauftrag für Ethik an der Hochschule“, sagt Stephan. „Das ist der Bachelorstudiengang für den höheren Dienst.“ Sie habe alles, was für die Lehre erforderlich sei. „Ich bin Notfallseelsorgerin. Ich bin schon Lehrbeauftragte für Ethik an der Marburger Uni gewesen.“ 

Seelsorge gibt Halt

Für den hessischen Innenminister Roman Poseck (CDU) ist die Seelsorge der christlichen Kirchen unverzichtbar. Sie böten den Polizistinnen und Polizisten immer Halt und Unterstützung bei ihren nicht selten belastenden Aufgaben, sagt Poseck. Bei der jährlichen Gedenkfeier für im Dienst getötete Polizisten seien die Seelsorger der Kirchen mit großer Empathie, viel Fingerspitzengefühl und tiefer Menschlichkeit dabei und spendeten Trost und Halt.