Schüler, Eltern und Lehrer entwickeln Regeln für Medien
Vier Stunden Social Media täglich: In einer Umfrage berichten Jugendliche dann häufiger von schlechter Laune, Schlafproblemen und Kopfschmerzen. Eine Grundschule in Neukirch geht das Problem an.
Wie viel Zeit mit Social Media ist angemessen? (Symbolbild)Jan Woitas/dpa
© Jan Woitas/dpa
Kinder und Jugendliche sollen in der Medienflut nicht untergehen und für Risiken besser gewappnet sein. Deshalb haben Mädchen und Jungen, Eltern und Lehrer der Lessinggrundschule in Neukirch (Landkreis Bautzen) Leitlinien für den Umgang mit digitalen Medien aufgestellt. Das Ergebnis sind Regeln und Empfehlungen für einen sinnvollen, sicheren und gesundheitsbewussten Umgang mit diesen Medien, die in Neukirch vorgestellt wurden.
„Kinder wachsen mit sozialen Medien auf, und unsere Aufgabe ist es, sie dabei nicht allein zu lassen. Was in Neukirch entstanden ist, zeigt, wie viel Potenzial in den Schulen steckt, wenn man ihnen Raum gibt“, erklärte Patrick Schreiber, Präsident des Landesamtes für Schule und Bildung. Es gehe darum, Sensibilität im Netz zu lernen - nicht allein durch Regeln von außen. In Sachsen ist die Nutzung privater Handys in Schulen bis zur Klasse 8 untersagt.
Das Projekt kam mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse (TK) zustande. Sie verweist auf Ergebnis eines Social-Media-Reports der TK unter dem Titel „Jugend zwischen Like und Limit“. In der Online-Umfrage wurden im April und Mai dieses Jahres bundesweit 1.400 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren befragt. Nach Darstellung der Krankenkasse ergab sich ein differenziertes Bild.
„Kinder wissen oft selbst, dass digitale Medien nicht immer guttun“
„80 Prozent der Jugendlichen sagen, dass ihnen soziale Medien gut oder eher guttun. Gleichzeitig zeigt die Befragung, dass Jugendliche, die täglich vier Stunden oder mehr soziale Medien nutzen, deutlich häufiger von gesundheitlichen Auffälligkeiten betroffen sind als Jugendliche mit einer täglichen Nutzungsdauer von ein bis zwei Stunden“, hieß es.
Laut TK gaben 49 Prozent der Jugendlichen mit mindestens vier Stunden täglicher Nutzung an, oft oder ständig schlechte Laune zu haben. In der Vergleichsgruppe mit ein bis zwei Stunden seien es 20 Prozent gewesen. Auch Schlafprobleme und Kopfschmerzen kämen bei längerer Nutzung häufiger vor. Ein ursächlicher Zusammenhang lasse sich aus den Befragungsdaten allerdings nicht ableiten. Ein pauschales Social-Media-Verbot greife zu kurz. Kinder brauchten Medienkompetenz und die Begleitung durch Erwachsene.
„Die Medienleitlinien der Lessinggrundschule zeigen, wie Gesundheitsförderung im Alltag gelingen kann. Kinder wissen oft selbst, dass digitale Medien nicht immer guttun. Sie brauchen jedoch Unterstützung, um ihr Medienverhalten zu steuern und gute Entscheidungen zu treffen“, betonte TK-Landeschef Alexander Krauß. „Wenn Schule und Eltern an einem Strang ziehen, können Kinder Schritt für Schritt einen selbstbestimmten und gesunden Umgang mit digitalen Medien entwickeln.“
Gemeinsam entwickelte Leitlinien geben Orientierung
„Kinder, Eltern und Lehrkräfte haben gemeinsam überlegt, was ihnen im Umgang mit digitalen Medien wichtig ist und was sie für einen guten Schulalltag brauchen. Die gedruckten Leitlinien machen sichtbar, was wir gemeinsam erarbeitet haben - und sie geben uns eine verbindliche Orientierung für die Zukunft“, hob Cathrin Goldberg, Schulleiterin der Lessinggrundschule, hervor. Zu dem Projekt gehörten auch Weiterbildungen für die Lehrkräfte.
Florian Buschmann, Psychologe, Autor und Gründer der Präventionsinitiative „Offline Helden“, begleitete das Vorhaben mit der Sportwissenschaftlerin Anne-Sophie Reißig und der Schulsozialarbeiterin Maria Kirschner. Gemeinsam unterstützten sie die Schule dabei, die Themen Mediennutzung, Stress und Gesundheitsförderung aufzugreifen.
„Prävention funktioniert besonders gut, wenn Kinder ernst genommen und aktiv beteiligt werden“, stellte Buschmann klar. „Es geht nicht darum, digitale Medien pauschal schlechtzureden. Kinder sollen verstehen, was ihnen guttut, wo Grenzen liegen und wie sie sich Unterstützung holen können. Die Medienleitlinien schaffen dafür eine gemeinsame Grundlage im Schulalltag.“