Landtag für Jagd auf Nutria und Waschbär
Nutria, Waschbär, Marderhund: Schleswig-Holstein greift zu neuen Mitteln, um Deiche und Natur zu schützen. Was die Tiere so gefährlich macht und wie die Jagd jetzt unterstützt wird.
Schleswig-Holstein plant ein Pilotprojekt zur Eindämmung der Nutrias. (Archivbild)Christian Charisius/dpa
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Schleswig-Holstein will die sich im Norden immer mehr ausweitende Population der Nutria eindämmen. Die Landesregierung hat 50.000 Euro für ein Pilotprojekt zur Unterstützung der Jagd auf Nutrias, Waschbären und Marderhunde mit Fallen bereitgestellt. Mit dem Geld will Schwarz-Grün Deiche, Uferböschungen und Binnengewässer vor Schäden durch die wühlende Art schützen.
Nutrias seien ein besonderes Problem, sagte Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg (CDU). „Sie graben ausgedehnte Gänge unter Höhlen, Uferbereichen und schwächen so ganze Böschungen und Lebensbereiche.“ Schleswig-Holstein hat mehr als 1.000 Kilometer Deiche.
„Die Deiche sehen von außen intakt aus, sie sind aber zum Teil untergraben aufgrund der Wühltätigkeit von Nutria, haben Hohlräume, und damit beeinträchtigen sie die Stabilität“, sagte Schmachtenberg. Diese Veränderungen müsse das Land ernst nehmen. „Sie geschehen leise, unbemerkt und entfalten ihre Wirkung erst mit der Zeit. Und dann ist es vielleicht zu spät.“
Die Auswirkungen beschränken sich nach Angaben von Schmachtenberg nicht nur auf die Gewässerrandlagen. Auch angrenzende landwirtschaftliche Flächen könnten von Nutriagängen betroffen sein. Mit dem Geld will Schwarz-Grün die Jägerschaft unterstützen. „Geeignete Fallen sollen bereitgestellt werden, die den Jagdausübungsberechtigten unbürokratisch ausgeliehen werden“, sagte die Ministerin.
Jagd mit Fallen
Die Nagetiere stammen ursprünglich aus Südamerika und wurden zur Pelzgewinnung nach Europa gebracht. In Deutschland wurden sie ab 1926 in Pelztierfarmen gehalten. Immer wieder entkamen Tiere aus den Farmen oder wurden absichtlich freigelassen. In freier Wildbahn vermehrten sie sich schnell.
Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg (CDU) sorgt sich um die Deiche. (Archivbild)Markus Scholz/dpa
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„Während der Waschbär nachweislich negative Auswirkungen auf bodenbrütende Vogelarten, Amphibien und Kleinsäuger hat und zunehmend auch im Siedlungsbereich in Erscheinung tritt, gefährdet die Nutria durch ihre Grabtätigkeit insbesondere Deich- und Uferstrukturen sowie Röhrichtbestände“, sagte eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums dpa. Der Marderhund wirke als zusätzlicher Prädator in sensiblen Lebensräumen.
Nach Ministeriumsangaben wurden 2024/2025 im Land 7.352 Nutrias, 11.945 Marderhunde und 2.925 Waschbären erlegt. Zum Vergleich: Im Jagdjahr 2023/2024 waren es 4.541 Nutrias, 10.304 Marderhunde und 2.228 Waschbären.
„Die Zahlen zeigen seit Jahren einen deutlichen und kontinuierlichen Anstieg, was darauf hindeutet, dass sich die Nutria-Bestände stark ausbreiten“, sagt eine Ministeriumssprecherin. „In Schleswig-Holstein gibt es keine Prämien für die Tötung von Nutrias.“ Aber auch Waschbären und Marderhunde hätten erhebliches ökologisches und teils auch infrastrukturelles Schadpotenzial. Deutschland sei laut EU-Verordnung verpflichtet, geeignete Maßnahmen zur Eindämmung und Kontrolle zu ergreifen.
Was sagen die Fraktionen?
Für den CDU-Abgeordneten Manfred Uekermann ist klar: „Wer Deichschutz ernst nimmt, muss deshalb die invasiven Arten reduzieren“. Kurzfristige Einzelmaßnahmen nützten nichts. „Wir brauchen ein dauerhaftes Management.“ Die Grünen-Politikerin Silke Backsen verwies darauf, dass der Marderhund keinerlei natürliche Feinde im Norden habe.
Kritik kam von der SPD, die dem Antrag als einzige Fraktion nicht zustimmte. Die SPD-Abgeordnete Sandra Redmann sieht das Problem, warf der Koalition aber jagdpolitische Symbolpolitik vor. „Ein komplexes ökologisches Problem wird auf eine einfache Parole reduziert: Wir jagen jetzt härter! Das soll Entschlossenheit suggerieren, ist aber nichts weiter als Aktionismus ohne eine echte Lösung.“
Für die SPD-Abgeordnete geht es CDU und Grünen um „jagdpolitische Symbolpolitik“. (Archivbild)Markus Scholz/dpa
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Eine Mail zwischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium hätte ausgereicht, der Landtagsantrag sei unnötig gewesen, sagte Redmann. „Er beschreibt ein Problem, das längst bekannt ist, begrüßt Geld, das bereits beschlossen wurde, und fordert Maßnahmen, die schon laufen sollen.“
Welche Arten sorgen für Probleme?
Aus Sicht des Naturschutzes ist die Asiatische Hornisse als potenziell gefährlich für bestäubende Insekten wie Bienen einzuschätzen, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums der Deutschen Presse-Agentur. Auch das Nadelkraut an der Nordsee sei eine Bedrohung, weil damit die Gewässer zuwüchsen. „Die Folge insbesondere bei flachen Gewässern ist, dass die natürlichen Lebensgemeinschaften aus Pflanzen und Amphibien und weiteren Lebewesen ausgelöscht werden.“
Der Küstenschutz betrachte auch Bisamratten mit Sorge, sagte die Sprecherin. Sie könnten durch ihre Bauten die Standsicherheit und damit die Wehrhaftigkeit von Deichen gefährden. „Daher beobachten wir gemeinsam mit den für die Deichunterhaltung Verantwortlichen, ob vermehrt Schäden durch wühlende Tierarten an den Deichen auftreten. Insgesamt zeigt sich, dass die Population der Nutria zugenommen hat. Vermehrte Schäden an Deichen können wir bisher nicht feststellen.“
Marderhunde können laut Ministerium Brutgebiete bodenbrütender Vogelarten bedrohen. „Hier können auch einzelnen Individuen, die auf bisher unbesiedelten Inseln auftauchen, zu intensiven Bekämpfungsmaßnahmen führen.“ Wanderratten stellten eine Gefahr für den Bruterfolg von Wiesenvögeln dar, weshalb sie auf den Inseln und Halligen bekämpft würden.
Darüber hinaus wird den Angaben zufolge unter anderem gegen den Mink (Amerikanischer Nerz) und die Nilgans vorgegangen.