Psychotherapie als „Luxusgut“? Therapeuten warnen vor Gesetz
Ein neues Gesetz löst bei Therapeuten Existenzängste aus. Doch sie haben nicht nur Sorge um ihre eigene Zukunft: Sie sehen schwere Folgen für ihre Patientinnen und Patienten.
Die beiden Therapeuten sorgen sich um die Zukunft ihres Jobs.Lea Winkler/dpa
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Martin Badzura ist in einer schwierigen Lage: Eigentlich möchte er als Therapeut seinen Patientinnen und Patienten Sicherheit geben. Doch jetzt wird dem Psychologischen Psychotherapeuten aus Offenbach nach eigener Aussage vielleicht die Existenzgrundlage genommen.
Badzura spricht von einer „totalen Planungsunsicherheit“. Den meisten Praxen drohten Einnahmeverluste von 20 bis 30 Prozent. „Ich merke das auch bei meiner Arbeit mit Patient:innen. Ich möchte ihnen Sicherheit und Halt vermitteln, während mir von der Politik das Gegenteil vermittelt wird.“
Es geht um das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz. „Was sich erst einmal vom Namen her schön anhört, weil es Stabilität suggeriert“, sagt er in seiner Praxis in Offenbach. „Das Gegenteil ist aber der Fall. Aus meiner Sicht ist es einer der größten Eingriffe in die Versorgung und Vergütung der ambulanten Psychotherapie in Deutschland.“
Worum geht es bei dem Gesetz?
Der Begriff ist sperrig und damit auch das Thema: Konkret geht es um ein Gesundheits-Sparpaket der Bundesregierung. Es ist Ende Juli in Kraft getreten. Das Paket sieht Milliarden-Ausgabenbremsen bei Praxen, Kliniken, Apotheken und Pharmabranche vor - aber auch höhere Zuzahlungen und Einschnitte für Versicherte. Dies soll die gesetzlichen Krankenkassen im kommenden Jahr in Milliardenhöhe entlasten und neue Erhöhungen der Zusatzbeiträge verhindern.
„Die Psychotherapie soll zurückgeführt werden in eine Budgetierung. In vereinfachten Worten bedeutet das, dass es pro Quartal eine festgelegte, gedeckelte Summe für die psychotherapeutische Versorgung geben wird, und wenn mehr Sitzungen pro Quartal geleistet werden, werden diese kaum oder gar nicht mehr vergütet“, erklärt Badzura. Zudem würden die wichtigen Zuschläge für Kurzzeittherapien einfach gestrichen. „Das finden wir auch bezogen auf die Gesamtlage skandalös und es würde erhebliche Auswirkungen auf die Wartezeiten und die Versorgung gesetzlich Versicherter haben.“
Martin Badzura warnt davor, dass Therapie zu einem Luxusgut wird.Lea Winkler/dpa
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„Schon extrem lange Wartezeit von 140 Tagen für Therapieplatz“
Er macht ein Beispiel: „Aktuell kann ein Therapeut mit halbem Kassensitz bis zu 28 Patient:innen in der Woche behandeln, und es wird darüber diskutiert, die Anzahl an voll vergüteten Sitzungen auf 18 zu reduzieren.“ Badzura selbst hat einen halben Kassensitz. „Therapeut:innen müssen sich in der Folge nun wohl gut überlegen, ob Sie mehr als 18 gesetzlich Versicherten Therapieplätze anbieten, wo vorher 28 pro Woche einen Platz hatten. Dies ist bei einer jetzt schon extrem langen Wartezeit von 140 Tagen für einen Therapieplatz extrem besorgniserregend.“
Laura Pacios Prado arbeitet in einer Privatpraxis in Frankfurt. „Ich merke, wie mich aktuell die Wut trägt, aber dahinter auch sehr viel Angst und Unsicherheit steckt“, sagt sie. „Gerade ist meine Praxis gut ausgelastet, aber ich weiß nicht, ob das in einem halben Jahr so noch ist, da nun alle Privatpatienten behandeln wollen.“ Das könne eine Folge des Gesetzes sein: Kollegen könnten, um ihre Praxis zu finanzieren, auf Privatpatienten ausweichen - was die Platzsuche für gesetzlich Versicherte weiter erschweren dürfte.
„Ich habe einen Haufen gesetzliche Patienten, die sich bei mir melden, mehr gesetzliche Patienten als Privatpatienten“, sagt Pacios Prado. „Und das zeigt ja schon, dass es bei Psychotherapeuten mit Kassensitz Schwierigkeiten gibt, einen Platz zu bekommen.“
„Psychotherapie ist plötzlich Luxusgut“
Für sie bedeutet das Gesetz eine Verschiebung der tatsächlichen Kosten in andere Sektoren, erklärt die Psychologische Psychotherapeutin. „Einmal in den privaten Sektor, weil Psychotherapie plötzlich Luxusgut ist. Nur noch einige haben Zugang dazu über die Kasse“, sagt sie. „Das heißt, Privatpersonen müssen plötzlich für ihre psychische Gesundheit zahlen - neben den Kosten, die sie ja sowieso für die Versicherung zahlen.“ Außerdem werde es mehr Kosten geben durch psychisch bedingte Arbeitslosigkeit, Frühverrentungen und längerer Arbeitsunfähigkeit.
Laura Pacios Prado sieht die Gefahr, dass sich die Kosten in der Gesellschaft nur verschieben.Lea Winkler/dpa
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Und es gebe Folgen für die Patientinnen und Patienten. „Wir haben Einschränkung der Teilhabe etwa durch Depressionen. Die Leute ziehen sich zurück. Wir haben Bildungs- und Erwerbschancen, die einfach nicht ergriffen werden können, weil die Menschen psychisch erkranken“, sagt Pacios Prado.
„Hessen hat sich in Berlin für die Psychotherapie eingesetzt“
Das hessische Gesundheitsministerium teilte auf Anfrage mit, die Sorgen der Patientinnen und Patienten sowie Therapeutinnen und Therapeuten ernst zu nehmen. „Hessen hat sich in Berlin für die Psychotherapie eingesetzt“, hieß es. „Sie ist ein wichtiger Teil der medizinischen Versorgung und für viele Menschen unverzichtbar - gerade vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen psychischer Erkrankungen und der teils langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz.“
Das Ministerium verweist auf Regelungen, die im parlamentarischen Verfahren zum Gesetz ergänzt worden seien. „So ist vorgesehen, dass bereits begonnene psychotherapeutische Behandlungen bis zu ihrem Abschluss weiterhin ohne Abzüge vergütet werden“, heißt es. „Damit ist sichergestellt, dass Patientinnen und Patienten, die sich bereits in Therapie befinden, diese verlässlich fortführen können.“ Die damalige Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte Anfang Juli gesagt, die Reform sei nötig, denn mit der jetzigen Ausgabendynamik liefe es sonst über kurz oder lang auf einen „Systemkollaps“ hinaus.
Martin Badzura und Laura Pacios Prado sind enttäuscht von den Politikerinnen und Politikern. „Wir müssen uns fragen, ob unsere Gesellschaft das will“, sagt Badzura. „Ob es in der Zukunft eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bezogen auf Psychotherapie geben soll und Psychotherapie langfristig nur noch ein Luxusgut für Vermögende sein sollte.“ Für Pacios Prado gibt es bloß eine Möglichkeit: „Wir müssen weiterhin laut sein“, sagt sie. „Es ist keine Option, still zu sein und das alles mitzumachen. Ich bin besorgt um unsere Gesellschaft und um das System, darum, wie unsere Gesellschaft funktioniert.“