Pharmastandort Marburg zwischen Krise und Lichtblick
Trotz massiver Jobverluste in der Pharmaindustrie setzt Marburg auf Start-ups und neue Perspektiven für betroffene Mitarbeiter und Forschende. Welche Chancen der Standort jetzt bietet.
Marburg gilt als wichtiger Pharmastandort.Boris Roessler/dpa
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Stellenstreichungen bei Biontech, bei CSL und Innexis - Die Hiobsbotschaften am Pharmastandort Marburg häuften sich in den vergangenen eineinhalb Jahren. Rund 1.300 Arbeitsplätze könnten in der mittelhessischen Stadt durch die Einschnitte verloren gehen - das dürfte auch für die kleinere und mittlere Betriebe in ihrem Umfeld nicht ohne Folgen bleiben. Hoffnungen setzt die Stadt jetzt auf Gründer: Ein Start-up-Hub soll für neuen Schwung sorgen - und zugleich als Sprungbrett für Absolventen der Marburger Philipps-Universität dienen.
Warum streichen die Firmen Stellen?
Die Hintergründe für die Einschnitte sind ganz unterschiedlich. Während das in der Corona-Pandemie bekanntgewordene Mainzer Biotechnologieunternehmen Biontech in Marburg einen Produktionsstandort für Impfstoff unterhält, betrieb CSL hier auch Forschung und Entwicklung. Diese Aktivitäten werden derzeit jedoch im Unternehmen zusammengeführt. Beide Unternehmen schrieben zuletzt hohe Verluste.
Von der geplanten Aufgabe des Marburger Biontech-Werks wären nach früheren Angaben 540 Beschäftigte betroffen, das Unternehmen hatte den Schritt mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten und Kosteneinsparungen begründet. Es prüft nun für diesen und mehrere weitere Standorte Veräußerungsoptionen.
CSL mit Sitz im australischen Melbourne ist auf plasmabasierte Therapien gegen seltene Erkrankungen spezialisiert. Bei dem Unternehmen dürften die Einstellung der Forschung und Entwicklung in Marburg sowie Einschnitte in der Produktion zwar zusammen rund 780 Arbeitsplätze kosten. Trotzdem solle Marburg einer der wichtigen Produktionsstandorte im CSL-Netzwerk mit künftig noch rund 2.800 Beschäftigten bleiben, wie eine Sprecherin betonte. „Es werden weiter laufend Investitionen in den Standort getätigt.“
Was sind die Folgen für die Betroffenen und die Stadt?
„Das ist vor allen Dingen für die Beschäftigten eine ganz schlimme Sache“, sagt Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD). Manche von ihnen hätten Häuser in der Umgebung gebaut, ihre Kinder gingen hier zur Schule - und nun stünden sie teils vor einer ungewissen Zukunft. Die Stadt hatte die Entwicklung durch rückläufige Gewerbesteuern zu spüren bekommen, die zuvor dank des Booms bei Biontech während der Pandemie für einige Zeit massiv gestiegen waren. Spies nennt keine Firmennamen und sagt mit Blick auf die Entwicklung: „Eigentlich hat Marburg recht gute Gewerbesteuereinnahmen“, über lange Zeit seien diese gestiegen. „Jetzt gehen sie gegenüber, ich sage mal, der normalen Linie ein bisschen zurück.“
Einen Niedergang des Pharmastandortes sieht der OB nicht. Marburg bleibe ein hoch angesehener Produktionsstandort. „In Deutschland fährt kein Rettungswagen und arbeitet keine Intensivstation ohne Produkte aus Marburg.“ Zugleich forderte der SPD-Politiker, der selbst Arzt ist, Unterstützung von der Bundesregierung. „Wenn man für zukünftige Pandemien vorbereitet sein will, dann muss dieser Standort erhalten bleiben, und zwar so, dass er arbeitsfähig ist.“
Wie sollen Gründer unterstützt werden?
Schon vor der Entscheidung von CSL Behring, die Forschungs- und Entwicklungstochter zu schließen, war zusammen mit der Marburger Philipps-Universität eine Drehscheibe für Gründer in den Bereichen Pharma, Biotechnologie und Life Sciences geplant. Diese Idee solle jetzt trotz der Schließung umgesetzt werden, sagt Uni-Präsident Thomas Nauss.
Künftig soll dafür ein erst vor wenigen Jahren errichteter Forschungs- und Entwicklungs-Campus mit Labor- und Büroflächen zur Verfügung stehen. Wissenschaftler und Branchenexperten sollen dort künftig Seite an Seite arbeiten können. „Das stärkt den Forschungsstandort Marburg und nutzt die vorhandene hochwertige Infrastruktur“, erklärt eine CSL-Sprecherin.
Wer soll vom Innovation Hub profitieren?
Nauss sieht mehrere Vorteile: Zum einen wird das Gebäude weiter genutzt, im Optimalfall von mehreren Firmen gleichzeitig. Zum anderen soll die Uni in dem Komplex eine Forschungsaußenstelle erhalten. Und nicht zuletzt könnten sich auch von dem Stellenabbau betroffenen Beschäftigten neue Perspektiven eröffnen. So habe man zwei der CSL-Innovation-Mitarbeiter bereits dafür gewinnen können, Gründer bei ihren Vorhaben zu beraten. So sei aus der Krise und den persönlichen Schicksalen „zumindest noch so ein Lichtblick entstanden“, sagt Nauss.
Wie geht es der Pharmabranche insgesamt in Deutschland?
Der Druck auf die Branche wächst. Zu den Einschnitten bei der gesetzlichen Krankenversicherung im Inland komme zunehmender Wettbewerbsdruck aus den USA und vor allem aus China, sagt Jasmina Kirchhoff, Projektleiterin der Forschungsstelle Pharmastandort Deutschland beim Institut der deutschen Wirtschaft.
China habe sich vom Generika-Lieferanten zum Innovatoren entwickelt. Dadurch verschärfe sich auch der Preisdruck, denn chinesische Hersteller könnten innovative Medikamente allein aufgrund ihrer niedrigeren Entwicklungskosten und des höheren Tempos zu Preisen anbieten, mit denen Hersteller in Europa schwer mithalten können.
In Deutschland kämpfe die Branche zudem mit langsamen Zulassungsprozessen sowie hohen Arbeitskosten. Start-ups und universitäre Ausgründungen zu fördern, hält die Expertin grundsätzlich für sinnvoll, doch würden in der durch hohe Anlaufkosten geprägten Branche auch Anschlussfinanzierungen und mehr Risikokapital benötigt. Nur so lasse sich dafür sorgen, dass Produkte auch tatsächlich zur Marktreife gelangen und Gründer nicht abwandern.
Das Biotechnologieunternehmen Biontech prüft Veräßerungsoptionen für seinen Marburger Standort.Boris Roessler/dpa
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Die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hatte sich für einen Verkauf statt einer Schließung des Marburger Biontech-Standortes ausgesprochen.Boris Roessler/dpa
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Das Biotechnologieunternehmen Biontech unterhält in Marburg einen Standort für die Impfstoffherstellung, für den Verkaufsoptionen geprüft werden. Boris Roessler/dpa
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