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Ostdeutsche Chemieindustrie sucht Wege aus der Krise

Die Branche steckt in der Krise - doch Forschende und Start-ups arbeiten bereits an Lösungen. Von recycelbarem Plastik bis zu Chemie ohne Giftstoffe: Neue Ideen sollen den Wandel einleiten.

26.03.2026

Die Chemieindustrie in Ostdeutschland steht unter Druck und sucht nach neuen Lösungen. (Archivbild)Jan Woitas/dpa

Die Chemieindustrie in Ostdeutschland steht unter Druck und sucht nach neuen Lösungen. (Archivbild)Jan Woitas/dpa

© Jan Woitas/dpa

Die Chemieindustrie gehört zu den wichtigsten Industriezweigen in Ostdeutschland - und steht zugleich stark unter Druck, besonders an großen Standorten wie Leuna und Bitterfeld-Wolfen.

Branche in der Krise

In Sachsen-Anhalt hat die Branche besonderes Gewicht: Dort lag ihr Anteil am Gesamtumsatz des verarbeitenden Gewerbes in der ersten Jahreshälfte 2025 nach Angaben des Wirtschaftsministeriums bei knapp 20 Prozent. 

Gleichzeitig hat sich die wirtschaftliche Lage zuletzt deutlich verschlechtert. Gedämpfte Nachfrage, hohe Energiepreise, internationale Konkurrenz und Überkapazitäten setzen die Unternehmen unter Druck. Die Insolvenz des Chemieunternehmens Domo in Leuna und die Schließung der Anlagen des US-Unternehmens Dow Chemical in Böhlen und Schkopau sind nur zwei Beispiele für die anhaltende Krise in der Branche.

Forschung setzt auf Wandel

Es brauche neue Ansätze und Lösungen, um die deutsche Chemieindustrie zu halten, glaubt Peter Seeberger, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Großforschungszentrums „Center for the Transformation of Chemistry“ (CTC). Rund 60 Beschäftigte des Chemie-Forschungszentrums arbeiten derzeit in Leipzig daran, die Chemiebranche in eine ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft umzuwandeln und neue Materialien zu entwickeln.

Bis 2038 sollen es 1.000 Menschen an den beiden geplanten Standorten in Merseburg und Delitzsch sein. Dafür fördert der Bund das CTC mit 1,1 Milliarden Euro. „Die Transformation wird kommen“, ist sich Seeberger sicher. „Die Frage ist, kommt sie jetzt und hier oder kommt sie in zehn Jahren in China und dann ist hier aber alles dicht.“

Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssten Prozesse in der Branche so umgebaut werden, „dass sie mit weniger Energie und mit geschlossenen Kreisläufen auskommen - sonst wandert die Produktion ab“. Aktuell forscht das CTC etwa zur Rückgewinnung seltener Erden aus Elektroschrott, zu Ersatzstoffen für schädliche „Ewigkeitschemikalien“ oder Alternativen für derzeit in der Industrie verwendete Lösungsmittel.

Forschungseinrichtungen und Unternehmen arbeiten an neuen Verfahren für die Chemie der Zukunft. (Archivbild)Jan Woitas/dpa

Forschungseinrichtungen und Unternehmen arbeiten an neuen Verfahren für die Chemie der Zukunft. (Archivbild)Jan Woitas/dpa

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Für die Zukunft haben sich die Forschenden ambitionierte Ziele gesetzt: Sie wollen das Konzept eines komplett recyclingfähigen Autos verwirklichen und ein autonomes, datengetriebenes und weitgehend automatisiertes Labor entwickeln. Schnell gehen werde das allerdings nicht. 

Der Umbau der Chemiebranche sei eine „Generationenaufgabe“, während die aktuelle Krise den Prozess zu lähmen droht. Denn für seine Forschungsarbeit braucht das CTC die Zusammenarbeit und den Austausch mit Industriepartnern. Unmittelbar gelte es daher, die Branche zu erhalten - auch mit Hilfe der Politik, glaubt der Experte - etwa durch den geplanten staatlich subventionierten, niedrigeren Industriestrompreis für energieintensive Firmen.

Start-ups als Hoffnungsträger

Dennoch: Innovative Ideen aus der Forschung können und sollen bereits jetzt Start-ups hervorbringen, die sich konkurrenzfähig am Markt behaupten können. Eine erste Projektgruppe des Chemie-Großforschungszentrums hat bereits das Start-up Aevoloop hervorgebracht, das inzwischen von Konstanz nach Leipzig ins Chemiedreieck umgezogen ist.

Die Firma entwickelt patentgeschützte Kunststoffe mit eingebauten chemischen Sollbruchstellen, die sich ohne Qualitätsverlust vollständig recyceln und teils sogar biologisch abbauen lassen – ein Ansatz, der aus schwer verwertbarem Plastikabfall neue, hochleistungsfähige Materialien für Verpackungen, Folien oder technische Bauteile machen soll. Das Unternehmen hat mittlerweile 29 Angestellte und rund neun Millionen Euro an Investments akquiriert, so der CTC-Chef.

In Bitterfeld-Wolfen hat sich das Start-up Cynio angesiedelt, eine Ausgründung der TU Bergakademie Freiberg in Sachsen. Das Unternehmen wurde am Mittwoch mit dem Wirtschaftspreis Sachsen-Anhalt in der Kategorie „Existenzgründung“ ausgezeichnet.

Das Start-up Cynio aus Bitterfeld-Wolfen entwickelt neue Verfahren für die Herstellung spezieller Chemikalien.Jan Woitas/dpa

Das Start-up Cynio aus Bitterfeld-Wolfen entwickelt neue Verfahren für die Herstellung spezieller Chemikalien.Jan Woitas/dpa

© Jan Woitas/dpa

Es stellt Isocyanate her - chemische Bausteine, die etwa für Beschichtungen verwendet werden. Üblicherweise kommt dabei das hochgiftige Gas Phosgen zum Einsatz. Cynio nutzt stattdessen ein Verfahren mit Kohlendioxid, das in der Industrie ohnehin anfällt und wiederverwendet werden kann.

Das Start-up konzentriert sich nach Angaben von Mitgründerin Michéle Tille auf kleinere Mengen und spezielle Anwendungen, die große Chemiekonzerne oft nicht bedienen. So könnten auch seltene oder bislang kaum verfügbare Isocyanate hergestellt werden.

Impulse für die Branche

Solche Entwicklungen sind aus Sicht der Branche kein Einzelfall. „Junge Unternehmen treiben zentrale Zukunftsthemen der Branche voran“, sagt Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin der Nordostchemie-Verbände. Start-ups arbeiteten etwa an der Nutzung von CO2, an Recyclingverfahren oder neuen Materialien und gäben der Transformation wichtige Impulse - „vom Labor bis in den industriellen Maßstab“. 

Zugleich seien Chemieparks für solche Gründungen entscheidend. „Hier treffen moderne Infrastruktur, spezialisierte Laborflächen und erfahrene Partner aufeinander - von der Entwicklung bis zur Produktion“, so Schmidt-Kesseler. Ohne diese Voraussetzungen wären viele Projekte kaum umsetzbar.

Hohe Hürden für neue Verfahren

Dennoch bleibt die wirtschaftliche Realität schwierig. Gerade in der aktuellen Lage sei die Bereitschaft, in neue Verfahren zu investieren, begrenzt, berichtet Cynio-Mitgründerin Tille. Nachhaltigere Verfahren seien für viele Kunden zwar interessant, entscheidend sei am Ende aber der Preis - höhere Kosten würden derzeit kaum akzeptiert.

Zugleich stehen Start-ups vor einem grundsätzlichen Problem: Sie müssen erst investieren, um wachsen zu können - bekommen aber oft nur dann Kapital, wenn sie bereits skaliert haben. Trotzdem setzen viele Gründer bewusst auf den Standort Ostdeutschland. Auch Cynio will langfristig in Bitterfeld-Wolfen produzieren und wachsen. „Wir finden, dass Europa unbedingt nicht nur Patente braucht, sondern auch produzierende Unternehmen“, sagt Tille.

Wandel als Generationenaufgabe

Für die Zukunft sei die Herausforderung nun auch, „absolute Top-Leute“ für die Aufgabe des Wandels der Chemiebranche zu gewinnen, sagt Experte Seeberger vom Chemie-Forschungszentrum CTC. Eine gemeinsam mit der Universität Leipzig ausgeschriebene Professur für Organische Chemie soll den Transfer von Wissenschaft zur Wirtschaft beschleunigen. Ein internationaler „Transforming Chemistry Summit“ soll die besten Köpfe der weltweiten Forschung im September für zwei Tage nach Leipzig holen.

Die Hoffnung: Dass aus kleinen Innovationen langfristig größere industrielle Lösungen entstehen - und die Chemieindustrie in Ostdeutschland ihren Platz im Wandel behaupten kann.

Das Start-up Cynio arbeitet in Bitterfeld-Wolfen an neuen Verfahren für die Chemieproduktion.Jan Woitas/dpa

Das Start-up Cynio arbeitet in Bitterfeld-Wolfen an neuen Verfahren für die Chemieproduktion.Jan Woitas/dpa

© Jan Woitas/dpa