Oscar-Shortlist: Daumendrücken auf Altmärkisch
Der Film „In die Sonne schauen“ hat schon in Cannes abgeräumt. Am Donnerstag stellt sich heraus, ob er für die Oscars nominiert wird. Das sagen die Menschen in der Altmark.
Die Zufahrt zum Landhof Neulingen.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Eine geteerte Straße führt durch das kleine 60-Seelen-Dorf Neulingen bei Arendsee. Alte Fachwerkhäuser und Vier-Seiten-Höfe reihen sich aneinander, bevor man das Örtchen mit dem Auto schnell durchquert hat. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein ganz normales altmärkisches Dorf, das etwas in der Zeit stehengeblieben ist - nur, dass es die Kulisse für einen international erfolgreichen Film ist.
„In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski wurde hier in Neulingen gedreht und steht nach dem Erfolg in Cannes auf der Shortlist für die Oscars. Am Donnerstag entscheidet sich, ob er für die Kategorien beste Kinematografie und bester Internationaler Film nominiert wird.
Christa Ringkamp steht mit einer Filmklappe in der Zufahrt zu ihrem Landhof Neulingen. Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Kurz vor den Nominierungen ist er täglich Gesprächsthema im Dorf. „Wir wissen nicht, was passiert, wenn der Film nominiert wird“, erzählt Landschaftsarchitektin und Inhaberin des Landhofs Neulingen, Christa Ringkamp, „aber irgendwas wird passieren“.
Chance für Wirtschaft in der Altmark
Schon jetzt kann der Tourismusverband in der Altmark eine erhöhte Nachfrage von Touristen für die Altmark feststellen, speziell für den Drehort in Neulingen. Geschäftsführerin Carla Reckling-Kurz sieht eine Chance darin, die Region auch für Drehorte bekannter zu machen. „Authentischer als hier geht’s eigentlich kaum“, sagt sie und sieht vor allem für historische Filme das Potenzial: Die alten Gebäude, der Leerstand, aber auch die Lage und die Landschaft seien gute Gründe, sich für die Altmark als Drehort zu entscheiden.
Carla Reckling-Kurz von der Geschäftsleitung vom Tourismusverband Altmark.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Die Berlinerin übernahm kurz vor Corona die Stelle in der Geschäftsführung des Tourismusverbands: Mit dem neuen Image als Hanseregion zwischen den Metropolen Berlin, Hannover und Hamburg solle der Ort bekannter werden - sowohl für die Wirtschaft als auch den Tourismus. Gerade für Filmliebhaber könne das spannend sein. Sollte es wirklich zu einer Oscar-Nominierung kommen, könne man auch damit für die Region werben. „Den Drehort selbst werden wir nicht bewerben, das ist ein Privatgrundstück“, erklärt die 48-Jährige. Denkbar wäre eine Informationstafel vor dem Haus.
Die Gemeinschaft fiebert mit
Die Dorfgemeinschaft Neulingen fiebert jetzt natürlich mit: „Vielleicht nicht ganz so emotional, aber auf unsere altmärkische Art drücken wir die Daumen für die Oscar-Nominierung“, erzählt der Bürgermeister von Neulingen, Axel Thiemann. Wellenartig gab es in der Vergangenheit auch immer mal wieder Aufmerksamkeit für das 60-Seelen-Dorf. Vor allem nach der Preisverleihung in Cannes gab es einige Besucher, die sich den Drehort anschauen wollten oder in der Trödelscheune gucken wollten - dort werden auch Requisiten aus dem Film verkauft.
„Wir haben ja nicht den Film gemacht, das war die Crew“, sagt Christa Ringkamp vom Landhof Neulingen. Trotz der Bescheidenheit wird schnell deutlich, dass die Einwohner des Drehortes sich mit engagiert haben: Sie stellten das Dorfgemeinschaftshaus für den Kostümfundus bereit, waren teilweise Komparsen im Film. Ringkamp hat sich gemeinsam mit einem Koch um die Verpflegung gekümmert und eine Bleibe zum Lernen und Schlafen für die Crew bereitgestellt. Und die Plattdeutsch-Lehrerin war auch direkt vor Ort: Die 90-jährige Helga Lechler übersetzte Teile des Drehbuchs ins Plattdeutsche und unterrichtete die Schauspieler in der Aussprache.
Vor zwei Jahren wurde gedreht
Vieles ging nach dem Dreh wieder einen gewohnten Gang. Erst als der Film in die Kinos kam und vor allem nach der Preisverleihung in Cannes wurde er wieder Thema. Dass der Film solche Aufmerksamkeit bekommen würde, hätten sie nicht gedacht, erzählt Ringkamp - immerhin gebe es auch andere Drehs in der Altmark, die nicht ansatzweise so viel Aufmerksamkeit bekämen. Jetzt, kurz vor den Nominierungen, ist er täglich Thema in den Gesprächen der Dorfgemeinde.
Auch für sie und ihren Landhof hat der Film über die Generationen und Geschichten der Frauen, die dort gelebt haben könnten, etwas angestoßen. Auf dem Landhof Neulingen steht das Jahr unter dem Motto „200 Jahre starke Frauen“. Auf dem Hof soll es Themenabende, Ausstellungen und Lesungen von Frauen geben - geplant sei dafür auch, die Regisseurin für ein Gespräch einzuladen.
Schattenseiten der Aufmerksamkeit
Doch an der Aufmerksamkeit ist nicht alles rosig: Auf ihrem Landhof in Neulingen empfängt Ringkamp eigentlich gern Gäste - manche Filmtouristen haben allerdings auch ihre Gastfreundschaft herausgefordert. „Morgens um 10 stehen die Leute im Hof und fragen, ob das der Drehort ist. Oder die fotografieren einfach ohne zu fragen die Eingangstür“, beschreibt sie.
Eingang zum Vier-Seiten-Hof, auf dem der Film gedreht wurde: Das Grundstück ist für Touristen nicht zugänglich.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Mittlerweile hat sie am Eingang einen Hinweis, dass es nicht der Drehort sei. Ein paar Häuser weiter hat der Inhaber der Trödelscheune, Andreas Haut, bereits ein offizielles Schild aufgehängt: „Das ist kein Drehort.“ Der ist im Übrigen auch nicht begehbar und abgesperrt. Der Ansturm hat sich seit dem Filmdreh verändert: Einmal im Monat hat die Scheune geöffnet und er verkauft unter anderem Requisiten aus dem Film. Zu diesem Termin sei sehr viel los, so Ringkamp.
Vier-Seiten-Höfe machen Neulingen zur historischen Kulisse
Auch Bürgermeister Axel Thiemann ist mit dem Film verbunden. Seine Enkel und seine Tochter waren Komparsen. Nicht zu vergessen: Seine Schweine und Pferde waren die tierischen Nebendarsteller.
Gerade die alten Vier-Seiten-Höfe sind besonders an dem kleinen Dorf. „Das ist auch gut, wenn die alten Gebäude belebt werden“, erzählt er. Wenn sich niemand drum kümmere, verfallen sie. Für einen historischen Film hätte das Dorf eine Menge Potenzial: Die Häuser hier stammen teilweise noch aus der vorletzten Jahrhundertwende.
Für alle Beteiligten heißt es jetzt: abwarten. Sollte es zur Nominierung kommen, gibt es auch in der kleinen Gemeinde großen Grund zur Freude - ohne Tamtam, eben auf die altmärkische Art.
Axel Thiemann, Ortsbürgermeister von Neulingen steht vor der Zufahrt zum Landhof Neulingen. Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Auf diesem Privatgrundstück wurde der Film „In die Sonne schauen“ gedreht.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Blick durch das Tor zum ehemaligen Drehort.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Christa Ringkamp steht mit einer Filmklappe vor dem Eingang von ihrem Landhof Neulingen.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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„Neulingen“ ist im Altmarkkreis Salzwedel auf dem Ortseinfahtsschild zu lesen.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Christa Ringkamp hat auf ihrem Landhof Neulingen die Filmcrew von „In die Sonne schauen“ verpflegt.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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