Wie „D-Züge“: Neuer fordert Extrameter gegen Elfenbeinküste
Manuel Neuer schwört sein Team auf einen Kraftakt ein. Warum Energie und Power gegen die schnellen Stürmer der Elfenbeinküste wichtig sind und welches WM-Novum für den Rekordtorwart möglich ist.
Gegen die Elfenbeinküste geht es für die DFB-Elf auch um Physis und Bereitschaft. Federico Gambarini/dpa
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Einen Doktorhut bekam Manuel Neuer vor dem Kurztrip nach Kanada nicht aufgesetzt. Der Auftritt des Rekordtorwarts im Broyhill Auditorium der Wake Forest University vor dem ersten richtigen WM-Showdown gegen die Elfenbeinküste glich aber einem Seminar in WM-Kunde für Fortgeschrittene. Da sprach einer, der schon alles erlebt hat - und in Amerika mit der Fußball-Nationalmannschaft noch ganz viel vorhat.
Neuer hatte für das zweite Gruppenspiel am Samstag (22.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) in Toronto, bei dem er mit seinem 21. Einsatz zum alleinigen WM-Rekordtorwart aufsteigt, eine Lektion für alle jungen und auch nicht mehr ganz so jungen Kollegen parat. „Ich glaube einfach, dass es bei diesem Turnier, bei den Bedingungen, die ja vielleicht auch ein bisschen ähnlich wie in Brasilien sind, um den Extrameter geht“, sagte der 40-Jährige.
Mit dem Duell gegen die Power-Fußballer um den gefürchteten Leipziger Turbo-Angreifer Yan Diomande geht die WM für die DFB-Elf so richtig los. Und nach dem 7:1-Wettballern zum Auftakt gegen Curaçao bietet sich eine Chance, die selbst für Neuer in seiner ewig anmutenden WM-Karriere neu ist.
WM-Novum für Neuer möglich
Ein Sieg - und Deutschland steht schon nach zwei Spielen in der K.-o.-Runde. Kein Horror-Hattrick des frühen Scheiterns nach den WM-Turnieren 2018 und 2022. Frühe Planungssicherheit für den weiteren Turnierweg. Das gab es weder bei Neuers WM-Debüt 2010 in Südafrika noch beim Triumph in Brasilien vier Jahre später. Da musste immer in Spiel drei gerechnet oder gar gebibbert werden. „Ja, das ist natürlich unser Ziel. Ich glaube, wir haben alles in der eigenen Hand“, sagte Neuer.
Das Selbstbewusstsein sollte nach zehn Siegen in Serie da sein. Und natürlich kommt die XXL-WM mit ihren freundlichen Regularien der DFB-Elf entgegen, das auch acht Gruppendritte nach der Vorrunde mit dann deutlich prominenteren Gegnern weiter mitspielen dürfen. Aber Neuer erinnert auch an die Step-by-Step-Philosophie, die Julian Nagelsmann ausgegeben hat.
Im Training ist Nagelsmann auch für einen Spaß zu haben und packt als Torwart zu. Federico Gambarini/dpa
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„Es wird ja schon viel über Frankreich geredet, aber das wollen wir überhaupt nicht“, sagte Neuer zum möglichen Achtelfinal-Gegner: „Wir wollen einfach nur aufs nächste Spiel schauen und auf das Beste hoffen.“
Nagelsmann im Tor und auf der blauen Kiste
Auf das Beste hofft auch Nagelsmann. Man konnte ihm förmlich ansehen, wie ihn die Aufgabe gegen die Ivorer kurz nach seinem 1000-Tage-Jubiläum als Bundestrainer beschäftigt. Erst suchte der 38-Jährige ein bisschen Ablenkung und stellte sich anstelle von Neuer ins Tor beim Training der Schlussmänner. Dann setzte er sich auf eine blaue Getränkekiste und wirkte in Gedanken versunken.
Julian Nagelsmann kann mit dem DFB-Team den Einzug in die K.o.-Runde klarmachen. Federico Gambarini/dpa
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Welche Gefahr geht von der Elfenbeinküste aus? Natürlich sind da die ultraschnellen Stürmer - neben Diomande noch Bazoumana Touré von der TSG Hoffenheim oder Spanien-Legionär Nicolas Pepe. Doch in welcher Ordnung werden sie attackieren? Kommt Diomande wie beim 1:0 gegen Ecuador über die rechte Seite, steht Shootingstar Nathaniel Brown nach erst 309 Länderspielminuten in sechs Partien und seinem persönlichen Traumstart gegen Curaçao vor der nächsten großen Bewährungsprobe.
Zum Vergleich: Kapitän Kimmich kommt alleine unter Nagelsmann auf 2577 Länderspiel-Minuten. Und Neuer ist ohnehin unerreicht. In seinen 125 Länderspielen seit 2009 stand er umgerechnet fast acht Tage lang im deutschen Tor.
Schlechte Brown-Bilanz gegen Diomande
Leider aus der Sicht von Nagelmann spricht die Saison-Statistik gegen Brown. Viermal traf Diomande für Leipzig gegen ihn als direktem Gegenspieler bei Eintracht Frankfurt. Ist diese Hypothek zu schwer? Den Bundestrainer könnte beruhigen, dass Diomande gegen den FC Bayern und Borussia Dortmund in vier Spielen kein einziges Tor gelang. Brown ist der einzige der sieben DFB-Defensiven, der nicht für die beiden deutschen Top-Clubs spielt.
Auf Nathaniel Brown wartet eine große WM-Prüfung. (Archivbild) Tom Weller/dpa
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Auch Antonio Rüdiger trat allen Bedenken entgegen und argumentierte, Brown habe im März-Test auch Ghanas nicht minder gefährlichen Antoine Semenyo vom FC Chelsea ausgeschaltet. Dennoch sei bei den Angreifern der Elfenbeinküste natürlich unstrittig: „Das sind schon D-Züge.“
Restverteidigung als Restrisiko
Um diese zu stoppen, appellierte Neuer eindringlich, die Restverteidigung nicht zu vernachlässigen. „Wichtig wird sein, in den Umschaltmomenten gerade auf den zweiten Ball diese Duelle zu gewinnen.“ Auch Rüdiger, der seine Rolle als Abwehr-Backup hinter Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck klaglos ausfüllt, fürchtet eine ähnliche Schwachstelle im deutschen Spiel.
„Ich gehe davon aus, dass wir sehr viel im Ballbesitz sein werden. Und genau da ist es wichtig, sich gut zu positionieren“, sagte Real-Profi Rüdiger. Sogar gegen Curaçao gab es diese Viertelstunde, in der die DFB-Elf überrumpelt wurde. „Wir werden Fehler machen, das ist ganz normal. Aber wenn wir gut positioniert sind, dann können wir auch weiter oben Ballgewinne haben und direkt angreifen“, sagte Rüdiger.
Gefahr der ABDGKL-Formel
Eine Niederlage wäre bitter, weil dann der erhoffte Gruppensieg mit der K.-o.-Route an der US-Ostküste mit Boston und Philadelphia schon unmöglich wäre. Das letzte Gruppenspiel, vermutlich in großer Hitze in New Jersey gegen Ecuador am 25. Juni, würde zum Kraft- und Zitterakt werden. Immerhin in Toronto wird die WM-Hitze kein Thema sein. In der Provinz Ontario sind angenehme Temperaturen knapp über 20 Grad Celsius angekündigt.
Ein Sieg ist auch wichtig, weil dann die ABDGKL-Formel für Nagelsmann an Schrecken verliert. Die Wahrscheinlichkeit, noch Dritter zu werden und in der Zwischenrunde auf den Sieger einer dieser sechs Gruppen zu treffen, wäre nur noch gering. Weite Reisen bis nach Vancouver, San Francisco oder gar in die Höhe und Hitze von Mexiko-Stadt, die als Gruppendritter möglich wären, sollen vermieden werden. Das sieht auch Neuer so - auch ohne Doktorhut.
Manuel Neuer steht gegen die Elfenbeinküste vor dem nächsten Rekord. Jan Woitas/dpa
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