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Nachts im Rettungswagen - Johanniter versorgen Bedürftige

Offene Wunden, schwere Entzündungen, dramatische Schicksale: In Saarbrücken leisten ehrenamtliche Johanniter nachts medizinische Hilfe für Bedürftige.

01.11.2026

Im Rettungswagen der Johanniter stehen (von links) Rettungshelfer Michael Broschart (65), Unfallchirurg und Orthopäde Michael Marz (46), Sanitätshelfer Josef Greff (51) und Notfallsanitäter Klaus Kiefabar (49).Laszlo Pinter/dpa

Im Rettungswagen der Johanniter stehen (von links) Rettungshelfer Michael Broschart (65), Unfallchirurg und Orthopäde Michael Marz (46), Sanitätshelfer Josef Greff (51) und Notfallsanitäter Klaus Kiefabar (49).Laszlo Pinter/dpa

© Laszlo Pinter/dpa

Seit drei Wochen entzündet sich Sonjas Hand. Eitrige Blasen haben sich gebildet, zwei Abszesse machen der 34-Jährigen zu schaffen. Jetzt sitzt sie in einem Rettungswagen in der Saarbrücker Brauerstraße, unweit des Drogenhilfezentrums. Hier bekommt sie medizinische Hilfe. Mitten in der Nacht. Kostenlos. Von Menschen, die dafür freiwillig ihre Freizeit nutzen.

Sonja lebt allein in einer Wohnung, ist drogenabhängig. Seit Jahren konsumiert sie Heroin und Kokain. Sie möchte aufhören. „Will halt davon jetzt wegkommen“, sagt sie. Dass es die medizinische Hilfe der Johanniter gibt, findet sie wichtig. Gerade für Menschen ohne Krankenversicherung.

Die 34-jährige Sonja wird im Rettungswagen der Johanniter in Saarbrücken von dem Unfallchirurgen Michael Marz behandelt. Rettungshelfer Michael Broschart (65) assistiert bei der Wundversorgung.Laszlo Pinter/dpa

Die 34-jährige Sonja wird im Rettungswagen der Johanniter in Saarbrücken von dem Unfallchirurgen Michael Marz behandelt. Rettungshelfer Michael Broschart (65) assistiert bei der Wundversorgung.Laszlo Pinter/dpa

© Laszlo Pinter/dpa

Seit November 2022 sind die Johanniter in Saarbrücken mit ihrem sogenannten Pflasterlaster unterwegs. Alle zwei Wochen versorgen Ehrenamtliche vor allem obdachlose Menschen. Sie reinigen Wunden, wechseln Verbände, behandeln Entzündungen. Seit Januar gehört auch Unfallchirurg und Orthopäde Michael Marz (46) zum Team.

Was er nachts erlebt, unterscheidet sich deutlich von seinem Praxisalltag in Saarbrücken-Dudweiler. Chronische Wunden, Infektionen, Parasitenbefall. Oft verschlimmern Kälte, Nässe und mangelnde Hygiene die Erkrankungen.

Möglichkeiten im Rettungswagen sind begrenzt

Besonders ein Patient ist dem Arzt in Erinnerung geblieben. Die Helfer hatten dem Mann dringend geraten, ein Krankenhaus aufzusuchen. Es drohte die Amputation eines Beines. Doch der Patient folgte der Empfehlung nicht. Zwei Monate später sahen ihn die Johanniter wieder. Er hatte inzwischen ein Bein verloren. Solche Schicksale zeigen, wie ernst die Lage sein kann. Selbst vermeintlich harmlose Entzündungen können lebensgefährlich werden. Ein unbehandelter Abszess könne eine Sepsis auslösen, erklärt Marz.

Die Möglichkeiten im Rettungswagen sind allerdings begrenzt. Kleinere chirurgische Eingriffe sind möglich, Ultraschall oder Laboruntersuchungen nicht. Bei Bedarf verweisen die Helfer an Krankenhäuser, Arztpraxen oder die Diakonie.

Scham, Angst und ein wenig Vertrauen

Doch warum gehen die Menschen nicht selbst zum Arzt? „Scham“ sei einer der häufigsten Gründe, berichtet Johanniter-Rettungshelfer Michael Broschart (65). Manche trauten sich wegen ihrer Kleidung oder mangelnder Hygiene nicht in eine Praxis. Andere seien nicht krankenversichert und fürchteten unbezahlbare Rechnungen. Umso wichtiger sei Vertrauen. Wer einmal gute Erfahrungen gemacht habe, komme wieder. 

Manche Patienten brächten sogar andere Hilfsbedürftige mit. Broschart kennt Menschen, die seit Jahren auf diese Unterstützung angewiesen sind. Darunter eine schwer kranke, drogenabhängige Person, die bereits ein Bein verloren hat. Chronische Wunden machten ihr das Leben schwer. „Diese Aufgabe erdet uns alle“, sagt Broschart. Die Begegnungen zeigten, wie schnell ein Schicksalsschlag Menschen aus der Bahn werfen könne. 

Der Unfallchirurg und Orthopäde Michael Marz (46) steht in einem Rettungswagen der Johanniter in Saarbrücken.Laszlo Pinter/dpa

Der Unfallchirurg und Orthopäde Michael Marz (46) steht in einem Rettungswagen der Johanniter in Saarbrücken.Laszlo Pinter/dpa

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Begonnen hat alles mit einer einfachen Frage. Ein Ehrenamtlicher des Kältebusses sprach vor rund vier Jahren den Johanniter-Notfallsanitäter Klaus Kiefabar (49) an. Viele obdachlose Menschen hätten Schmerzen oder unversorgte Wunden. Ob die Johanniter helfen könnten? Sie konnten. Aus ersten Besuchen wurde ein regelmäßiger Einsatz. Heute gehören sechs bis acht aktive Ehrenamtliche zum festen Team.

Im Sommer begleitet der Pflasterlaster die Initiative „Kältebus“ durch Saarbrücken. Diese bringt auch im Sommer Essen zu Obdachlosen. Im Winter steht der Rettungswagen alle zwei Wochen am Kältedorf am Römerkastell bereit - wo es auch Schlafplätze im Warmen gibt.

75 Behandlungen im Jahr - Tendenz steigend 

Wie viele Menschen behandelt werden, weiß niemand genau. Die Johanniter erheben zum Schutz der Anonymität keine Patientendaten. Kiefabar schätzt rund 75 Behandlungen jährlich. Die Nachfrage nehme zu.

Rund 2.000 Euro kostet das Projekt im Jahr. Der Rettungswagen ist bereits vorhanden, sämtliche Helfer arbeiten ehrenamtlich. Doch Verbandsmaterial, medizinische Instrumente und Diesel kosten Geld. Kiefabar hofft deshalb auf weitere Spenden und zusätzliche Fachkräfte. Besonders ein zweiter Arzt wäre willkommen. 

Der Pflasterlaser ist besonders. Der Arbeiter-Samariter-Bund im Saarland sagt, er habe etwas Vergleichbares derzeit nicht im Angebot. Dem Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes sei dazu auch nichts bekannt, sagt ein Sprecher.

Menschen, die sonst niemand sieht

Für Marz hat die ehrenamtliche Arbeit seinen Blick auf die Gesellschaft verändert. „Obdachlosigkeit und Obdachlose werden in unserer Gesellschaft häufig ausgeblendet“, sagt er. Auch ihm selbst sei das früher so gegangen. Zwar fange das Gesundheitssystem obdachlose Menschen grundsätzlich auf. Häufig geschehe das aber erst, wenn Erkrankungen bereits weit fortgeschritten seien.

Der Pflasterlaster könne keine Arztpraxis ersetzen. Doch für Menschen, die aus Scham, Angst oder Verzweiflung keine medizinische Hilfe suchten, sei er manchmal der erste Schritt zurück in die Versorgung. Und manchmal beginnt dieser Schritt nachts in einem Rettungswagen - mit einem frischen Verband und jemandem, der einfach hilft.

Nach der Behandlung verlässt Sonja den Rettungswagen. Die Wunden an ihrer Hand sind versorgt. Die 34-Jährige macht sich auf den Heimweg. Ihr Wunsch, von den Drogen loszukommen, bleibt. Ob ihr das gelingt, ist ungewiss.