Mit Orthese und starkem Willen zurück in die Berge
Menschen weltweit sind auf Hilfsmittel wie Prothesen, Orthesen, Einlagen oder Rollstühle angewiesen. Einen Überblick gibt eine Fachmesse in Leipzig.
Stephan Scherzer hat eine Orthese bekommen und kann deshalb wieder Sport machen.Soeren Stache/dpa
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Stephan Scherzer ist ein Kämpfertyp durch und durch. Himalaya, Alpen oder im Wasser in der Bucht vor San Francisco: All das hätte der Berliner wohl nur aus Dokumentationen gekannt, wenn seine Ärzte damals recht behalten hätten. Wegen einer Krankheit hat er Schwierigkeiten, seinen Fuß zu heben. Doch mit 61 schnürt er noch immer seine Lauf- oder Wanderschuhe. Ganz selbstverständlich ist das nicht.
Scherzer leidet unter der sogenannten Fußheberschwäche. Einfach ausgedrückt: Bei dieser Krankheit fällt es Betroffenen schwer, den Fuß zu heben. „Wenn du mit 12, 13 Jahren ständig irgendwo gegenstößt, hängenbleibst, stolperst, hinfällst - das ist demoralisierend“, erinnert er sich.
Über Sport und Training seiner Muskeln kann Scherzer die Einschränkungen über Jahrzehnte kompensieren und so nach eigenen Angaben den sogenannten Heidelberger Winkel – eine Schiene, die den Fuß gerade hält – ablegen. „Es wurde mir gesagt, du musst so eine Schiene tragen, damit du vielleicht normal gehen kannst. Aber du kannst keinen Sport mehr machen.“
Als die Hüfte beim Wandern versagte
Über Jahrzehnte kann der Berliner ohne größere Probleme leben – bis er Mitte 50 ist. Zwischen Zugspitze und Alpspitze bei Garmisch-Partenkirchen habe seine Hüfte versagt, erzählt er. „Wie sich herausstellte, hatte ich eine Arthrose vierten Grades.“ Danach stellte sich die Frage: Wie geht es weiter?
Anders als vor 48 Jahren, als Scherzers damalige Ärzte eine Schiene verordneten, gibt es heute deutlich mehr Möglichkeiten, Menschen nach Unfällen oder bei Einschränkungen zum Beispiel wegen Krankheiten den Weg zurück in den Alltag zu ermöglichen.
Wie viele Menschen auf Hilfsmittel wie Prothesen angewiesen sind
Einen Überblick über solche Möglichkeiten bietet in den nächsten Tagen die Fachmesse der Orthopädie- und Rehabranche in Leipzig. Die OTWorld (19. bis 22. Mai) ist nach eigenen Angaben die weltgrößte Veranstaltung der Branche. Dort geht es um den Austausch, wie Spezialisten Betroffenen helfen können.
In diesem Jahr wollen rund 570 Unternehmen aus 40 Ländern ihre Neuheiten auf der Fachmesse vorstellen. (Archivbild)Christian Modla/dpa
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Weltweit sind Menschen auf Hilfsmittel wie Prothesen, Orthesen, Bandagen, Kompressionsstrümpfe, Einlagen oder Rollstühle angewiesen. In Deutschland benötige statistisch gesehen pro Jahr ein Viertel der gesetzlich Versicherten solche Hilfsmittel, heißt es vom Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik.
Dafür hätten die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2024 knapp zehn Milliarden Euro ausgegeben. Die Hälfte dieser Hilfsmittel entfiel den Angaben zufolge auf die Altersgruppe der 65-Jährigen und älter.
Der Bundesinnungsverband spricht von einer insgesamt steigenden Nachfrage. „Das liegt an der älter werdenden Gesellschaft, an chronischen Erkrankungen, an dem Wunsch nach Mobilität und Teilhabe bis ins hohe Alter, aber auch an Unfallfolgen aus Alltag, Beruf und Freizeit“, sagt Kirsten Abel, Sprecherin des Verbandspräsidiums.
Wie Experten die Versorgungslage einschätzen
Der Erste Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie sieht Deutschland gut aufgestellt: Es gebe eine lange Tradition, und es werde viel geforscht, sagt Christoph Lohmann, Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Magdeburg.
„Deutschland hat weltweit führende Unternehmen, die Verletzte und Operierte mit technisch sehr aufwendigen Exoprothesen versorgen, zum Beispiel mit computergesteuerten Knieprothesen“, sagt er. „Der Bereich des Sports, gerade bei Paralympics, ist ebenfalls sehr hoch entwickelt durch hochmoderne Prothetik, mit der Spitzenleistungen erbracht werden.“ Auch die Versorgung mit Schuheinlagen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene werde immer weiter entwickelt, „um Fußschmerzen zu nehmen oder um weiter schmerzfrei Sport machen zu können“.
Eine Orthese aus dem Drucker
Dass Scherzer nach seiner Arthrose-Diagnose weiter Sport machen und Berge erklimmen kann, hat er auch der Geduld von Petra Menkel zu verdanken. Sie ist Co-geschäftsführende Gesellschafterin eines Orthopädie-Betriebes aus Berlin. Mehr als ein Jahr lang wurde zusammen mit einer anderen Firma aus Bayern an einer speziell angefertigten Orthese aus dem 3D-Drucker gearbeitet.
Diese Orthese war eine Spezialanfertigung.Soeren Stache/dpa
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„Kunststoffe werden schon lange verarbeitet, aber die Möglichkeit, Orthesen zu drucken, ist relativ neu“, sagt Menkel. Scherzers Orthese sei in ihrer Firma die erste gewesen, die gedruckt worden sei. Immer wieder wurde probiert, angepasst, getestet, bis Scherzer ohne Probleme gehen konnte.
Ein Experiment, das sich Unternehmen nicht immer erlauben können. „Wir haben mittlerweile so einen Kostendruck, dass wir diese Entwicklungsarbeit wirtschaftlich gar nicht mehr leisten können, sehr zum Schaden aller Menschen mit Behinderungen“, bedauert die Unternehmerin.
Scherzer findet, dass durch gute Hilfsmittel Kosten im Gesundheitssystem eingespart werden könnten - in seinem Fall vermutlich eine Hüft-OP, wie er sagt. „Und wer weiß, ob ich danach noch hätte alles machen können.“