Mehr Ertrunkene in Bayern - starker Anstieg bei Kindern
Der See lockt, der Fluss verspricht eine erfrischende Abkühlung. Doch der Sprung ins kühlende Nass kann in einer Katastrophe enden. Nun schlagen die Retter der DLRG Alarm - aus traurigem Anlass.
Gerade in Seen sind besonders viele Menschen in Bayern ertrunken - längst nicht alle beim Schwimmen. (Symbolbild)Matthias Balk/dpa
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Entgegen dem Bundestrend ist die Zahl der Ertrunkenen in Bayern gestiegen - von 70 Opfern im Vorjahr auf 84 im Jahr 2025. Eindeutige Gründe dafür kann die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) nicht ausmachen. Aber sie weiß, was häufige Ursachen und welche Gewässer besonders gefährlich sind - und was nötig wäre, um künftige Todesfälle zu vermeiden. Denn vor allem bei Kindern und Jugendlichen gab es eine erschreckende Entwicklung.
Die Opfer
Die meisten im Freistaat ertrunkenen Menschen hatten bereits ein höheres Alter, auch wenn bei einigen wenigen das Alter unbekannt blieb: Mindestens 37 der 84 Toten waren über 60 Jahre alt. Allein in der Altersgruppe der 71- bis 80-Jährigen gab es 16 tödliche Unfälle.
Allerdings verzeichneten die Retter im vergangenen Jahr auch einen deutlichen Anstieg ertrunkener Kinder und Jugendlicher in Bayern. Sechs Opfer waren unter zehn Jahren alt, weitere acht unter 20 Jahren - im Vorjahr hatte es in beiden Altersgruppen nur jeweils einen Todesfall im Freistaat gegeben. Rund vier Fünftel aller Opfer in Bayern waren laut DLRG männlich.
Die Gründe
Ältere Menschen erleiden oft einen Badetod, bei dem die eigentliche Ursache ein gesundheitliches Problem wie ein Herzinfarkt oder Krämpfe ist und das Ertrinken in der Folge passiert. Bei jüngeren Menschen steht der klassische Ertrinkungstod durch mangelnde Schwimmfähigkeiten im Vordergrund.
Wenn die Hilfe nicht nach wenigen Minuten da ist, ist es oft zu spät. Die DLRG plädiert dafür, nur an bewachten Badestellen zu schwimmen. (Symbolbild)Peter Kneffel/dpa
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„Gerade unter männlichen Jugendlichen und jungen Männern sind Übermut und Selbstüberschätzung leider weit verbreitet und ebenso wie der Konsum von Alkohol mitursächlich für tragische Unfälle“, erläuterte DLRG-Präsidentin Ute Vogt. Ältere überschätzten oft ihren Fitness- und Gesundheitszustand.
Viele Menschen beachteten zudem einfachste Vorkehrungsmaßnahmen wie das Abkühlen an heißen Sommertagen nicht oder unterschätzten Gefahren wie den Schiffsverkehr in Flüssen. Kinder wiederum können laut DLRG oft schlicht und ergreifend nicht gut genug schwimmen. Die Hälfte aller Erstklässler hat demnach heutzutage nicht einmal das Seepferdchen-Abzeichen. Und auch ein Kind auf Seepferdchen-Niveau bleibt gefährdet: „Es kann sich im sicheren Wasser gut bewegen, aber es ist kein sicherer Schwimmer“, betonte DLRG-Präsidiumsmitglied Frank Villmow.
Gefährliche Orte und zeitliche Ballungen
Laut DLRG starben deutlich mehr Menschen als im Vorjahr in Bayern in einem See: 47 Personen kamen dort zu Tode, 2024 waren es noch 24 gewesen. Schwerpunkte waren vor allem die Seen im Süden Oberbayerns, darunter Chiemsee, Starnberger See, Staffelsee und Eibsee. 25 weitere Menschen starben in einem Fluss - allein sieben in der Donau. Aber auch im Main, dem Inn oder der Isar ertranken mehrere Menschen.
Vier tödliche Unfälle gab es bayernweit in einem Bach, drei in einem Kanal - und nur vier in einem Schwimmbad. Unter den Regierungsbezirken hat Oberbayern mit 37 Ertrinkungsfällen den traurigen Rekord inne, gefolgt von Niederbayern (16) und Schwaben (11).
Die meisten Vorfälle verzeichneten die Retter in den warmen Monaten. Im Juni - und damit noch vor den bayerischen Sommerferien - starben 22 Menschen, doppelt so viele wie im Vorjahr. Der Grund dafür sei unklar, sagte der Präsident des bayerischen Landesverbandes, Manuel Friedrich. Der Juli lud vergangenes Jahr nicht allzu sehr zum Baden ein, wohl deshalb gingen die Zahlen auf zwölf zurück. Der August brachte dann wieder 19 Tote, gefolgt von vier im September. Auch die kalte Jahreszeit ist gefährlich: Im Februar etwa ertranken sechs, im November fünf Menschen.
Was fordert die DLRG zur Vermeidung von Ertrinkungsunfällen?
„Wir würden uns wünschen, dass in Bayern keine Schwimmbäder mehr geschlossen werden, dass der Lehrplan im Schwimmen auch wirklich eingehalten wird, dass es auch möglich wird, wenn ich 50 Prozent Nichtschwimmer habe, dass auch wirklich zwei Lehrkräfte mit einer Schulklasse zum Schwimmen gehen, um die Lücken zu schließen, damit am Ende der vierten Klasse alle sichere Schwimmer sind“, zählte Friedrich mit Blick auf den Nachwuchs auf.
Viele Kinder lernen zu spät und nicht gut genug schwimmen. (Symbolbild)Sven Hoppe/dpa
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Neben der bekannten Forderung nach mehr Hallenzeiten für Schwimmkurse sei aber auch mehr Aufklärung nötig: Gerade die Gefahr auf Seen werde unterschätzt, zu viele wiegten sich auf dem SUP, einem Tret- oder Segelboot in trügerischer Sicherheit, sagte Friedrich. Vogt forderte mit Blick auf mehrere tragische Unfälle daher eine Rettungswestenpflicht - zumindest für Kinder.
Und Villmow appellierte eindrücklich an die Eltern, ihr Kind lückenlos zu beaufsichtigen. „Ich muss immer in Griffweite sein, wenn mein Kind sich im Wasser - gerade im Freigewässer - aufhält, aber natürlich gilt das auch für den Pool.“ Es reiche nicht, alle zehn Minuten aus dem Küchenfenster zu gucken - „dann kann es zu spät sein!“
Die Datenbasis
Es gibt keine offizielle Statistik über Bade- und Ertrinkungsunfälle. Die DLRG wertet deshalb neben ihren eigenen Einsatzzahlen auch Medienberichte aus, um ein möglichst lückenloses Bild zu bekommen. Allerdings finden Unglücksfälle in den eigenen vier Wänden keinen Eingang in die Daten, also etwa, wenn ein Kind in der heimischen Badewanne ertrinkt. Auch fällt ein Opfer, das zunächst wiederbelebt werden konnte und dann später im Krankenhaus stirbt, aus der Statistik heraus. Offen bleibt auch, wie viele Menschen - oft Kinder - zwar überleben, aber lebenslang schwere Folgen haben.
84 Menschen sind 2025 im Freistaat ertrunken. (Symbolbild)Matthias Balk/dpa
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