Massenflug von Millionen Maikäfern - was das für Folgen hat
Die Maikäfer im badischen Iffezheim stehen in den Startlöchern für ein besonders Spektakel. Warum der Massenflug der Käfer nur eine Vorankündigung ist.
Maikäfer profitieren von den trockenen Bedingungen. (Archivbild)Boris Roessler/dpa
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Es ist ein Naturphänomen: Im hessischen Süden schwärmt in diesen Tagen eine halbe Milliarde Maikäfer aus. Ein ähnliches, wenngleich deutlich kleineres Schauspiel wird auch in diesen Tagen in der Nähe des badischen Iffezheim erwartet. Experten rechnen dort mit etwas mehr als drei Millionen Exemplaren in den kommenden etwa drei Wochen.
Es ist nur eine Art Vortrupp: Denn erst im nächsten Jahr graben sich die ausgewachsenen Larven des deutlich größeren sogenannten Südstamms in Baden aus dem Erdboden, in dem sie zuvor als Engerlinge gelebt und sich entwickelt haben. Und dann gehen Experten von einem Massensturm aus, der den diesjährigen Umfang des Niederwalds bei Iffezheim in den Schatten stellen dürfte.
Stämme im Süden, in der Mitte und im Norden
Innerhalb der regionalen Vorkommen, der sogenannten Stämme, leben die meisten Tiere nach dem gleichen Takt. So finden sie beim Schlüpfen in großer Zahl Partner vor. Überregional gibt es die Taktung aber nicht. Waldmaikäfer in Süd-, Mittel- und Nordbaden, in Südhessen, Bayern oder Sachsen-Anhalt schlüpfen oft in unterschiedlichen Jahren.
Die Massenflüge finden in der Regel alle vier Jahre statt. (Archivbild)Boris Roessler/dpa
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„Der Südstamm zwischen Rastatt und Bruchsal ist deutlich umfangreicher, da wird dann ordentlich was los sein“, sagt Horst Delb von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) zu den Erwartungen für das kommende Jahr. Die Region des Nordstamms, der ein weiteres Jahr später schlüpft, erstreckt sich dagegen zwischen Bruchsal und Schwetzingen.
Maikäfer sind in der Dämmerung unterwegs
Im Niederwald bei Iffezheim sind die ersten geschlüpften Maikäfer schon seit einigen Tagen unterwegs auf Nahrungssuche und zur Paarung. In den kommenden zwei bis drei Wochen wird sich ihre Zahl nach Schätzungen Delbs auf rund 3,2 Millionen summieren. „Wir haben das von einzelnen Quadratmetern hochgerechnet auf das rund 200 Hektar große Gebiet“, erklärt der FVA-Experte.
Vor allem in der Dämmerung - etwa ab 20.30 Uhr und für eine Dreiviertelstunde - sieht und hört man die Tiere teils zu Zehntausenden durch Wälder und über Waldlichtungen schwirren. „Das zu sehen ist ein Erlebnis und ein Naturschauspiel“, sagt Delb.
Förster und Waldbesitzer leiden
Doch Försterinnen und Förster sowie Waldbesitzer leiden vor allem in den Jahren, in denen die Maikäfer nicht fliegen. Denn unter der Erde richten sie im Larvenstadium als Engerlinge den größten Schaden an. Das gilt ganz besonders für das Jahr vor dem Ausflug. „Für den Südstamm haben wir also jetzt das Jahr mit den schweren Schäden an den Wurzeln“, sagt Delb.
Waldmaikäfer benötigen trockene, warme Böden wie etwa im Hardtwald bei Karlsruhe. Dort legen die Weibchen ihre Eier ab, aus denen Engerlinge schlüpfen, die sich innerhalb von drei Jahren weiterentwickeln. Die Larven fressen Wurzeln und wachsen - und sie schaden vor allem jungen Bäumen so sehr, dass sie absterben können. Für das Ökosystem sind sie hingegen wichtig: Wildschweine, Füchse, Dachse und viele Vogelarten fressen Maikäfer, auch Fledermäuse kommen in Massenjahren von extra weit her.
Erwachsene Käfer fressen die frischen Blätter von Laubbäumen. (Archivbild)Boris Roessler/dpa
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Bereits im Herbst vor dem Ausfliegen verwandeln sich die Larven in Käfer - und wenn die Witterung stimmt, kommen alle binnen weniger Tage gemeinsam aus der Erde. Dann geht es vergleichsweise schnell: Der sogenannte Reifefraß bis zum Absterben der Käfer nach der Fortpflanzung dauert nach Angaben Delbs je nach Witterung ungefähr vier bis sechs Wochen.
Und in dieser Zeit schaden die Maikäfer der Natur deutlich weniger: Sie können zwar einen Laubbaum fast kahl fressen. „Aber die meisten kahl gefressenen Bäume erholen sich wieder“, heißt es beim BUND Baden-Württemberg. „Im Juni bilden die Bäume neue Blätter.“ Die Weibchen der Maikäfer benötigen die Blätter hingegen, um etwa 100 Eier zu produzieren und mit etwas Kot in der Erde abzulegen.
Klimawandel bringt den Takt durcheinander
Doch auch bei den Maikäfern bringt der Klimawandel den Rhythmus durcheinander. Durch die früher einsetzende Wärme hat sich die Zeit der Entwicklung einer Maikäfer-Generation von der Larve bis zum Käfer verkürzt auf teils nur noch drei statt vier Jahre. Die Folge: verschiedene Generationen können sich überschneiden. Ungefähr alle 30 bis 45 Jahre kommt es zu sogenannten Massenvermehrungen, also einem gehäuften Auftreten der Maikäfer.
Eine wirksame Schadensbekämpfung gestaltet sich allerdings außerordentlich schwierig. Zum einen leben die Engerlinge, die den Hauptschaden anrichten, unter der Erde und sind praktisch nicht zu erreichen. Ausgewachsene Käfer sind zudem robust. Momentan sind keine Pflanzenschutzmittel zugelassen. Mit Giftduschen aus Hubschraubern wie einst dürfen die Käfer im Südwesten nicht mehr bekämpft werden. Versuche mit einem für Insekten schädlichen Beauveria-Pilz waren bisher wenig erfolgreich. „Im Moment sind uns die Hände gebunden“, sagt Delb.