Landkreise machen Jagd auf Wölfe - Kritik von Naturschützern
Der Wolf sorgt in Bayern wieder für Aufregung. Die Jagd auf das scheue Tier spaltet Nutztierhalter und Umweltschützer. Sogar ein Musterwolf gerät nun ins Visier.
Im Gehege des Nationalparkzentrums Falkenstein im Bayerischen Wald werden Wölfe gehalten, etliche Artgenossen leben aber mittlerweile auch frei in Bayern. (Archivbild)Armin Weigel/dpa
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Etwa 100 Jahre lang war er in Deutschland ausgerottet, doch seit der Jahrtausendwende ist er wieder da - der Wolf. Seitdem wird heftig darüber gestritten, ob der Verwandte unseres Haustiers Hund bleiben soll oder nicht.
Auch bei anderen Raubtieren wie Luchs oder Bär gibt es diese Diskussionen, doch beim Wolf wird es oft sehr emotional. Dies dürfte auch an dessen Märchen-Karriere als böser Wolf liegen. Mittlerweile darf das einst streng geschützte Tier sogar wieder gejagt werden, einige bayerische Landkreise machen derzeit davon Gebrauch. Umweltschützer sind empört darüber.
Als die Wölfe vor etwa zwei Jahrzehnten immer häufiger auch durch den Freistaat streiften, gab es oft Befürchtungen, die Tiere könnten Menschen angreifen. Das Bayerische Landesamt für Umwelt versucht, solchen teils irrationalen Befürchtungen Fakten entgegenzusetzen: „In den letzten 50 Jahren sind in Europa neun Fälle von tödlichen Angriffen auf Menschen bekanntgeworden, fünf davon durch tollwütige Tiere“, berichtet die Behörde über die Wölfe - und ordnet dann gleich ein: „Zum Vergleich: In Deutschland starben 2007 bis 2009 durch Insektenstiche 45 Menschen, seit 1989 gab es 40 Todesfälle durch Hunde.“
Wolfs-Video fachte im vergangenen Jahr den Streit um die Wölfe an
Dass die Vorbehalte gegen die Tiere trotzdem bisher nicht überwunden sind, zeigte Ende 2025 ein Video aus dem Landkreis Eichstätt im nördlichen Oberbayern. Zwei Wölfe waren bei einem Dorf an einem zu dieser Zeit verwaisten Spielplatz vorbeigelaufen und dabei gefilmt worden. Etliche forderten daraufhin den Abschuss der Tiere, obwohl letztlich nichts passiert war.
Im März machte der Bundestag den Weg für einen erleichterten Abschuss von Wölfen frei. Der Wolf wurde ins Jagdrecht aufgenommen, auch der Bayerische Jagdverband hatte dies verlangt. Weiterhin fordert die Jägervereinigung „die Festlegung einer verträglichen Obergrenze der Wolfspopulation in Bayern“.
Als der Bundestag das Jagdrecht änderte, gingen die Parlamentarier davon aus, dass mittlerweile mehr als 1.600 Wölfe in der Bundesrepublik leben. Tierschützer freuen sich über die Rückkehr der Wölfe, Weidetierhalter sorgen sich hingegen um die Sicherheit ihrer Schafe, Ziegen und Kälber.
Seit Jahren unauffälliger Wolf könnte nun vor Flinte geraten
Um die Gemüter bei den besorgten Bauern und Schäfern zu beruhigen, haben nun einige Landratsämter festgelegt, dass einzelne Wölfe getötet werden dürfen. Derzeit ist in mehreren Regionen des Freistaats Jagdsaison.
So hat der Landkreis Oberallgäu eine Allgemeinverfügung erlassen, wonach bis 31. Oktober in bestimmten Gebieten die Wolfsjagd zulässig ist. Es handelt sich laut der Behörde um Gebiete, in denen Nutztiere weiden. Dabei soll es aber keine unkontrollierte Jagd auf Wölfe geben. Wenn ein Jäger in seinem Revier einen Wolf tötet, muss er dies sofort melden und die Jagd auf weitere Wölfe soll eingestellt werden.
Der Bund Naturschutz in Bayern (BN) hat für die Anordnung überhaupt kein Verständnis. In dem Grenzgebiet zu Österreich sei seit acht Jahren ein Wolf sesshaft, der dort noch nie Schafe oder Rinder gerissen habe, kritisiert der BN. „Er ist der einzige sesshafte Wolf im bayerischen Alpenraum - einer Region, in der es zudem noch nie Wolfsnachwuchs gab.“
In Gefangenschaft können Wölfe im Bayerwald-Tierpark in Lohberg bewundert werden, in der Natur sind sie eher selten zu erblicken. (Archivbild)Armin Weigel/dpa
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Bekannt ist das Tier unter der technischen Bezeichnung „GW999m“. Mit solchen Kennungen versehen Experten die einzelnen Tiere, um sie bei entdeckten Wolfsspuren mittels Gentechnik identifizieren zu können. Zuletzt gab es im April eine Spur von dem Männchen „GW999m“, als ein gerissenes Wildtier entdeckt wurde. Das Umwelt-Landesamt in Augsburg untersucht seit vielen Jahren solche Hinweise und führt alle Wolfsnachweise in einem Internet-Monitoring auf.
Dadurch ist bekannt, dass dieser Wolf eigentlich ein Musterexemplar ist, wie ihn sich die Fachleute wünschen - denn er sucht sich seine Beute im Wald und nicht auf den umzäunten Weiden. „Es ist völlig absurd. Die Behauptung, dass von einem Wolf, der nie ein Nutztier gerissen hat, die Gefahr eines ernsten wirtschaftlichen Schadens ausgeht, ist an den Haaren herbeigezogen“, schimpft die stellvertretende BN-Vorsitzende Beate Rutkowski über die Jagdverfügung.
Das Oberallgäu ist kein Einzelfall. Auch das Landratsamt Ostallgäu hat 27.000 Hektar Fläche entlang der Alpenkette zur Wolfsbejagung ausgewiesen. Es handele sich um Gebiete, in denen Landwirte aufgrund des Geländes ihre Tiere nicht zuverlässig schützen könnten, sagt Benjamin Schäling von der Kreisbehörde in Marktoberdorf.
Wolfsjagd außer im Allgäu auch in Oberbayern
„Die Wolfsbejagung ist zulässig, um ernste Schäden für die traditionelle Alpwirtschaft abzuwenden“, sagt er. Auch hier soll höchstens ein Tier erschossen werden. „Wird ein Wolf erlegt, ruht die Jagd umgehend wieder.“ Zudem seien an anderer Stelle des Kreises noch einmal 35.000 Hektar zur Jagd ausgewiesen worden, hier seien immer wieder Nutztiere gerissen worden.
An den oberbayerischen Alpen hat das Landratsamt Berchtesgadener Land verfügt, dass ebenfalls ein Wolf getötet werden darf. Auch hier wird dies laut einer Behördensprecherin damit begründet, dass es sich um „nicht zäunbare“ Almgebiete handele. Der BN sieht dies auch hier als nicht ausreichende Begründung an. „Schwer zu schützende Almflächen dürfen nicht automatisch zu Wolfs-Abschussflächen werden“, sagt Rita Poser von der BN-Kreisgruppe.
Ob nun tatsächlich bis Ende Oktober in den Jagdgebieten ein oder sogar mehrere Wölfe erlegt werden, bleibt abzuwarten. Der BN glaubt jedenfalls, dass die alten Schauerbilder vom Wolf aus den Märchen immer noch in den Köpfen umherspuken: „Rotkäppchenphantasien beim Wolf sind einfach nicht mehr zeitgemäß“, meint der Umweltverband.