Kita-Sprachtest soll Kinder fit für die erste Klasse machen
Nicht gleich in der ersten Klasse abgehängt sein, ist das Ziel. Bereits in den Kitas soll mehr Wert auf Sprachkenntnisse gelegt werden - verbindlich und mit festen Standards.
Der Sprachstand der Kinder soll eineinhalb Jahre vor Schulbeginn erhoben werden. Hannes P. Albert/dpa
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Spielerisch im gewohnten Umfeld der Kita Deutsch lernen für einen guten Start in die Schule. Das will Rheinland-Pfalz mit einem einheitlichen Verfahren und verbindlichen Standards flächendeckend für die Kindertagesstätten erreichen.
In mehr als 100 Kitas im Land wird das Verfahren für „Sprache im Alltag beobachten“ (SiAb) entwickelt. An eine verpflichtende Erhebung des Sprachstands der kleinen Kinder soll dann eine gezielte Förderung anschließen, kündigte Bildungsministerin Ute Eiling-Hütig in Mainz an.
Was ist das Ziel der Sprachstandserhebungen?
„Sprache ist das Tor zur Welt“, betonte die CDU-Politikerin bei einem Besuch der Evangelischen Maria-Magdalena Kindertagesstätte in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt. Schon vor der Schulzeit soll erreicht werden, dass die Kinder dann in die erste Klasse auch von Anfang an mitkommen und nicht gleich abgehängt werden.
Ab welchem Alter sollen die Sprachkenntnisse getestet werden?
„Wir wollen wissen, ob es hakt, wo es hakt, das so früh wie möglich, und bei allen Kindern“, berichtete die Bildungsministerin. Deshalb werde der Sprachstand aller Kinder in Rheinland-Pfalz eineinhalb Jahre vor Schulbeginn erhoben. Das bedeutet, Kinder ab einem Alter von etwa viereinhalb Jahren werden an SiAb teilnehmen.
Es gibt Aufgabenkarten für die Erhebung der Sprachfähigkeiten. Hannes P. Albert/dpa
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Wie sollen diese Tests erfolgen?
Für die Kita-Fachkräfte gibt es 15 Aufgabenkarten. Mit diesen sollen den Kindern verschiedene, aus dem Kita-Alltag bekannte Situationen gestaltet werden. Dabei stehen Situationen wie Rollenspiele, etwa der Arztbesuch oder das Einkaufen im Kaufladen, Bewegungsrätsel, Kärtchenspiele und das Silbenklatschen im Fokus.
Wie erfolgt die Einstufung?
Bei jeder Aufgabe wird spielerisch geschaut, wie wichtige Bereiche der sprachlichen Entwicklung ausgeprägt sind: etwa das Verstehen und Sprechen von Substantiven und Verben sowie das Bilden von Nebensätzen und der Wortschatz. Ihre Beobachtungen tragen die Fachkräfte jeweils in die Karten ein. Je nach Bereich Sprechen oder Verstehen gibt es Punkte.
Was folgt daraus?
Anhand der Gesamtpunktzahl soll eingeordnet werden, in welchem Bereich das Kind einen Förderbedarf hat. Eine Förderung wird dann erfolgen, wenn das Kind weniger als die Hälfte der Punkte nicht erreicht hat.
Sollen alle Kinder in den Kitas an dem Verfahren teilnehmen?
Ausdrücklich ja. Es geht nicht nur darum, Kinder mit Deutsch als Zweitsprache oder mit Migrationshintergrund zu unterstützen, sondern um die Förderung aller Kinder, betonten die Bildungsministerin und Anja Wildemann von der RPTU Kaiserslautern-Landau, die das Projekt wissenschaftlich leitet.
Was ist der besondere Ansatz bei dem Verfahren?
Das Überprüfen der sprachlichen Kompetenzen findet bewusst in der Kita statt: Gemeinsam mit anderen Kindern, mit vertrauten Bezugspersonen und in gewohnter Umgebung. Diese Alltagsnähe soll es dem Kind ermöglichen, sich möglichst frei und natürlich zu verhalten, damit die Fachkräfte einen authentischen Eindruck der Fähigkeiten bekommen.
Wie soll sich die Förderung anschließen?
Auf der Rückseite der Karten finden Fachkräfte erste Anregungen, wie sie den jeweiligen Kompetenzbereich der kleinen Kinder fördern können. Dazu gehören Karten- und Bewegungsspiele sowie Förderstrategien. Künftig sollen zudem Materialien die Kita-Fachkräfte dabei unterstützen, mit den Eltern über die Sprachentwicklung und Fördermöglichkeiten ins Gespräch zu kommen.
Wie viele Kitas gehen an den Start und wann?
Die ersten Karten für die Sprachstandserhebung werden an über 100 Kitas derzeit erprobt. Insgesamt werden bis zu 300 Kitas in die Entwicklung einbezogen. Bis 2028 soll der Prozess für einen flächendeckenden Einsatz im Land abgeschlossen sein. In Rheinland-Pfalz gibt es rund 2.800 Kitas.
In Rheinland-Pfalz gibt es rund 2.800 Kitas. Hannes P. Albert/dpa
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Wird das Verfahren verbindlich eingeführt?
Mit der Novellierung des Kita-Gesetzes wird die Sprachstandserhebung für alle Kinder verpflichtend und SiAb als Instrument festgelegt. Zusätzlich zu verpflichtenden Sprachstandserhebungen weitet die Landesregierung für eine bessere Sprachbildung in den Kitas auch die Extrastunden für Sprachbeauftragte auf 1.000 Kitas aus. Die Einführung der Sprachstandserhebungen ist im Koalitionsvertrag von CDU und SPD verankert.
Was fordert der Landeselternausschuss der Kindertagesstätten?
Auch wenn das Vorhaben unterstützt wird: SiAb dürfe auf keinen Fall eine Kita-Pflicht durch die Hintertür bringen, mahnte die Vorsitzende Annegret Neugschwender. Da eine passgenaue Sprachförderung auf die individuelle Entwicklung der Kinder angepasst werden sollte, sei der Blick auf das gesamte Lebensumfeld des Kindes wichtig.
„Kinder wachsen unter sehr unterschiedlichen familiären, sozialen und sprachlichen Bedingungen auf. Diese Vielfalt muss bei der Einschätzung ihrer sprachlichen Entwicklung und der Gestaltung möglicher Förderangebote berücksichtigt werden“, betonte Neugschwender. Mehrsprachigkeit dürfe nicht vorschnell mit einem Sprachförderbedarf gleichgesetzt werden.
Wenn durch die Sprachstandserhebung zusätzlicher Unterstützungsbedarf sichtbar wird, müssten die Kitas auch in der Lage sein, mit zusätzlichen Ressourcen darauf angemessen zu reagieren. Dafür brauche es ausreichend qualifizierte Fachkräfte, Zeit für individuelle Förderung und gegebenenfalls ergänzende Unterstützungsangebote.
Was ist dem Landeselternbeirat wichtig?
Der Landeselternbeirat fordert, dass die Eltern von Anfang an in die Sprachstandserhebung und die daraus abgeleiteten Fördermaßnahmen einbezogen werden. Gerade bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern sei der Austausch mit den Eltern wichtig, um die sprachliche Entwicklung umfassend zu verstehen und die Familiensprache angemessen zu berücksichtigen.
Bis 2028 soll das Verfahren für einen flächendeckenden Einsatz der Sprachstandserhebungen in Rheinland-Pfalz abgeschlossen sein. Hannes P. Albert/dpa
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Wichtig sei auch der Übergang von der Kita in die Grundschule, betonte Landeselternsprecher Denis Scholz. Bislang fehlten durchgehend verbindliche Standards. Es sollte klare Vereinbarungen über die Zusammenarbeit, eine abgestimmte Einschätzung der sprachlichen Entwicklung und eine nachvollziehbare Weitergabe relevanter Informationen unter Beachtung des Datenschutzes geben.
Gibt es Kritik von Bildungsverbänden und Gewerkschaften?
Der Verband Bildung und Erziehung stellt sich ebenfalls hinter die Pläne für eine Sprachstandserhebung. „Doch das, was danach kommt, ist entscheidend. Alles an Diagnose ist Zeitverschwendung, wenn anschließend keine Förderung folgt“, mahnte der Landeschef Lars Lamowski. „Wir brauchen zusätzliches Personal in den Kitas, damit aus den Testungen auch die notwendige Förderung resultiert.“
Es müssten ausgebildete Fachkräfte als fester Bestandteil des Teams in den Kitas sein, um die Kinder mit Bedarf in altersgerechten Kursen zusätzlich zum Alltag zu fördern. Diese Kurse müssten zuverlässig stattfinden und dürften bei Personalmangel nicht zum Stopfen von Löchern in der Personaldecke abgesagt werden. „Für einen guten Übergang zur Schule und eine kontinuierliche Förderung der Kinder brauchen wir zudem ein Schuleingangsjahr 0.“
Auch die GEW-Landesvorsitzende Christiane Herz kritisierte, in den Kitas fehle es an Fachkräften, die mögliche ermittelte Defizite im Nachgang intensiv auffangen können. Die Beschäftigten arbeiteten bereits am Limit. Ohne Entlastungsstunden und zusätzliche Fachkräfte drohe das Verfahren zu einer bürokratischen Pflichtübung ohne echten Nutzen für die Kinder zu werden.
Kathrin Gröning, Mitglied des dreiköpfigen GEW-Vorstands, verwies darauf, dass die Kinderzahlen in den Kindertagesstätten derzeit rapide sinken. „Wir kommen somit allmählich aus einer Phase des flächendeckenden Personalmangels in eine Situation, in der Personalüberhänge entstehen.“ Es müsse das Ziel sein, dass diese Personalressourcen den Kitas im Land erhalten bleiben.