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Kieler „Tatort“: Mit Frauen-Power und Thriller-Flair

Nach Borowskis Abschied ermittelt seine Kollegin Mila Sahin nun als Hauptkommissarin im Norden - gemeinsam mit einer Psychologin. Der Neustart wirkt moderner und setzt auf düstere Atmosphäre.

06.10.2026

Die Schauspielerinnen Almila Bagriacik (l) und Karoline Schuch bilden das neue Kieler „Tatort“-Duo. (Archivbild)Christian Charisius/dpa

Die Schauspielerinnen Almila Bagriacik (l) und Karoline Schuch bilden das neue Kieler „Tatort“-Duo. (Archivbild)Christian Charisius/dpa

© Christian Charisius/dpa

Nach 22 Jahren und 44 Fällen hat sich der beim TV-Publikum überaus beliebte Kommissar Borowski im März 2025 vom Kieler „Tatort“ verabschiedet - aparter Weise aus einer U-Haftzelle („Borowski und das Haupt der Medusa“, fast neun Millionen Zuschauer). Doch die Arbeit in der Mordkommission hoch im Norden Deutschlands geht weiter. Und so folgt auf den von Axel Milberg genialisch verkörperten kauzigen Ermittler dessen langjährige Mitarbeiterin Mila Sahin (Almila Bagriacik, 36) als Hauptkommissarin. 

Zum Einstieg kommt ein kraftvoller und ziemlich spannender Zweiteiler, der signalisiert, dass manches anders geraten wird als zu Zeiten des nicht mehr ganz jungen Vorgängers. Zu sehen sind „Tatort: Unter Freunden“ (Sonntag, 11. Oktober) und „Tatort: Unter Feinden“ (18. Oktober) jeweils um 20.15 Uhr im Ersten sowie ab Freitag zuvor in der ARD-Mediathek.

 Souverän und leidenschaftlich

Auf Anhieb beweist Bagriacik dabei enorme Präsenz. Ihre Sahin agiert so souverän wie zielstrebig - und voller Leidenschaft. Die Kommissarin wird unterstützt von einer weiteren Frau, der kühl auftretenden Polizeipsychologin Elli Krieger (Karoline Schuch, „Oderbruch“). Und auch sonst wirken die beiden Filme nach dem Skript (und einer Idee von Katharina Adler und Rudi Gaul) sowie unter Regie des zweifachen Grimme-Preisträgers Lars Kraume (53), der bereits viele „Tatorte“ verantwortet hat („Borowski und das Haupt der Medusa“), betont zeitgerecht angelegt. Dabei erscheint etwa die Großstadt Kiel wie eine eiskalte Metropole, in der Gewaltverbrechen und Korruption in alle Richtungen wuchern.

„Wir versuchen, etwas Neues zu starten - nichts zu rekonstruieren, was ein Axel Milberg für unseren „Tatort“ getan hat“, sagt Bagriacik der Deutschen Presse-Agentur. Deshalb hießen die Filme auch nicht, der Kieler „Tatort“-Tradition entsprechend, „Sahin und ...“. Zugleich fügt die neue Protagonistin hinzu: „Auch wenn sowohl ich als auch Sahin es genossen haben mit diesem sehr interessanten Charakter.“

In düsteren Bildern, bei leise pochender Musik sieht man in „Unter Freunden“ eingangs einer jungen Frau beim Datenklau in einem schleswig-holsteinischen Vorzeige-Unternehmen zu. Bald treibt sie tot in der Förde. Dann wird auch ihr unter Verdacht stehender Lebenspartner leblos aufgefunden - nach einem nur fingierten Selbstmord. Der Zuschauer weiß, wer die Taten begangen hat. Es geht stattdessen um Verstrickungen, die eine bodenlose, von der Mafia infiltrierte Thriller-Atmosphäre schaffen - wobei das Skript nicht außergewöhnlich ist. Sahin erklärt vor meist männlichen Kollegen und Vorgesetzten, dass sie das Vertrauen in die Polizei wiederherstellen wolle. Doch wem ist hier noch zu trauen?

Subtiles Wortduell

Der Film führt Sahin und die aus Brandenburg stammende Krieger erstmals zueinander. Die Hauptkommissarin will sich auf die ranghöhere Dienstleiterstelle von Robert Schladitz (Thomas Kügel) bewerben - und muss sich dafür der Befragung durch die zurückgenommen und rational agierende Psychologin stellen. Das von beiden Schauspielerinnen sehr präzise gespielte Interview gerät zu einem subtilen Wortduell. Man darf also gespannt sein, wie sich das persönliche Verhältnis der Kolleginnen entwickeln wird. Die „Tatorte“ drei und vier sind bereits abgedreht (Sendetermine wohl 2027), zwei weitere stehen kurzfristig auf dem Plan. 

„Elli Krieger und Sahin sind zwei Frauen auf Augenhöhe“, sagt Bagriacik, „dabei bietet uns die Position meiner Kollegin als Polizeipsychologin noch mal ganz neue Perspektiven.“ Den Dreh begleitet hat die Hamburger Kriminalpsychologin und Sachbuchautorin Claudia Brockmann („Warum Menschen töten“). Und die renommierte Schuch überzeugt in ihrer Rolle ein wenig vielleicht auch deshalb, weil sie einen Abschluss in Psychologie von der FU Berlin hat. „Sicherlich hat man dann noch mal einen anderen Zugang dazu“, sagt die 34-Jährige der dpa. Als Schauspielerin mache so ein Studium besonderen Sinn - „man kann auf Gelerntes zurückgreifen. Manches ist einem dadurch zugänglicher.“

Mit Handkamera gefilmt

So kommt bei aller Gewalt und Polizei-Professionalität das Zwischenmenschliche nicht zu kurz. Oft wird mit Handkamera gefilmt, die ganz nah an die Figuren rückt, während der Hintergrund verschwimmt. 

In einem anderen Leben Freundinnen, jetzt kurz Kolleginnen: Mila (links, Almila Bagriacik) und Anna Nowak (Lilith Stangenberg in einer Episodenrolle). Der erste Teil einer Doppelfolge des Kieler „Tatorts“, „Unter Freunden“, läuft am 11. Oktober im Ersten.Thorsten Jander/NDR/ARD/dpa

In einem anderen Leben Freundinnen, jetzt kurz Kolleginnen: Mila (links, Almila Bagriacik) und Anna Nowak (Lilith Stangenberg in einer Episodenrolle). Der erste Teil einer Doppelfolge des Kieler „Tatorts“, „Unter Freunden“, läuft am 11. Oktober im Ersten.Thorsten Jander/NDR/ARD/dpa

© Thorsten Jander/NDR/ARD/dpa

Anrührend ist das Wiedersehen Sahins mit ihrer Freundin aus Berliner Polizeischultagen, Anna Nowak. Die verloren und verletzt wirkende junge Frau - feinfühlig gezeichnet von Film- und Theaterstar Lilith Stangenberg („Stammheim - Zeit des Terrors“) - hat sich nach Kiel versetzen lassen, um dem Sumpf der Hauptstadt zu entkommen. Und freut sich kindlich auf das Zusammensein mit der gefestigten Kollegin. Dass ausgerechnet sie Anlass sein wird, dass alles anders kommt, als es auf Sahins Karriereplan steht, ahnt zunächst niemand.

Bei Sahins beruflichem Werdegang spielt der Migrationshintergrund keine Rolle. Dazu gehört, dass sie - zweisprachig lebend - den Zusammenhalt mit der türkischen Community in Kiel pflegt und bedürftige Menschen in der Türkei unterstützt. Diese Darstellung, die zugleich ein gesellschaftspolitisches Statement ist, schätzt auch Bagriacik, die in Ankara geboren wurde und in Berlin aufwuchs, wo sie noch heute mit ihrem Sohn lebt.

„Unter Freunden“ thematisiert den Aspekt dennoch - wenn Sahin der Psychologin erzählt, dass ihre Familie früher oft von der Polizei angehalten wurde, weil das Auto alt war und man vielleicht anders ausgesehen hätte. „Wir sind mit dem Gefühl aufgewachsen, potenziell immer verdächtig zu sein.“ Auf Kriegers Frage, ob sie deshalb zur Kripo gegangen sei, antwortet Sahin lächelnd: „Vielleicht - ja.“