„Ist das schlimm genug?“ Männer suchen spät Hilfe
Schnurrbart als Symbol: Aus Moustache und November wird „Movember“. In diesem Monat sollen Männergesundheit und mögliche Tabuthemen in den Fokus rücken. Ein Aspekt dabei: die psychische Verfassung.
Viele Männer holen sich bei psychischer Belastung erst spät Hilfe. (Symbolbild)Sina Schuldt/dpa
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Erst kamen für Martin Luding Trennung, Scheidung und der Versuch, umso mehr für die Kinder da zu sein. Parallel dazu tingelte der Schauspieler mit dem Solostück „Caveman“ quer durch Deutschland. „Freunde haben gesagt: Nimm mal das Gas raus“, berichtet der 55-Jährige.
Nach einem Umzug von Stuttgart nach Bayern habe er sich an den Wochenenden komplett auf die Kinder fokussiert, beschränkt durch Lockdowns während der Corona-Pandemie. Diese habe sich angesichts geschlossener Theater auch beruflich ausgewirkt. In einer neuen Beziehung hörte er dann regelmäßig: „Du siehst immer alles nur als Vorwurf.“
Martin Luding hat gute Erfahrungen mit der Therapie gemacht. (Archivbild)Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB
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All das habe er angehen wollen. „Klar war, ich komme alleine nicht weiter. Und ich wollte nicht die zweite Partnerschaft riskieren“, sagt Luding. Auch beim beruflichen Werdegang habe er Begleitung gesucht. Freunde hätten gute Erfahrungen mit Therapien gemacht - daher habe auch er sich Hilfe gesucht.
Schlimm genug?
Das sei eher die Ausnahme, sagt Psychologin Katharina Piekorz aus Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe, die „Die Onlinepraxis“ betreibt. „Ich erlebe im Erstgespräch häufig Männer, die hochgradig belastet sind und trotzdem die Frage stellen: Ist das denn jetzt schlimm genug?“ Frauen - so ihre Erfahrung - machten weniger mit sich selbst aus und kämen schneller zu dem Schluss, Hilfe zu brauchen.
„Das hat sicherlich viel mit dem Rollenbild von Männern zu tun“, sagt die Therapeutin. „Mit dem eigenen und dem, das ihnen vorgelebt wird.“ Es mache einen großen Unterschied, ob ein Junge von klein auf bei seinem Vater, Großvater oder anderen männlichen Bezugspersonen sehe, dass sie über Sorgen, Ängste, Stress und Überforderung sprechen und sich bei Bedarf Unterstützung suchen. „Es muss ja nicht gleich professionelle Hilfe sein.“
Finanz- und Wirtschaftskrisen etwa führen vor allem bei Männern zu seelischen Belastungen, Burn-out oder Depressionen. (Symbolbild)Victoria Bonn-Meuser/dpa
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Doch eine Forsa-Umfrage für die hkk Krankenkasse ergab, dass nur 57 Prozent der Männer mit Partnerin oder Familie über Sorgen sprechen. Im Freundeskreis machten dies 45 Prozent. Vielen falle es schwer, über Gefühle zu reden. Die Konsequenz: Mehr als jeder Dritte versuche, Probleme alleine zu bewältigen.
Das Thema Männergesundheit sei nach wie vor oft mit Tabus behaftet, sagt Piekorz. Die Aktion „Movember“ will im November mit dem Schnurrbart (Moustache) als Symbol darauf aufmerksam machen und aufklären. Psychische Gesundheit ist nur ein Teil davon.
Vom „starken Geschlecht“
Wie wichtig das ist, zeigen Zahlen: Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. „Und zwar aus Gründen, die weitgehend vermeidbar sind“, heißt es bei der Uni Tübingen. Darüber gesprochen werde viel zu selten.
Laut dem „Psychreport 2025“ der Krankenkasse DAK kamen auf je 100 Versicherte bei Frauen 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, bei Männern 266. Für Piekorz ein Hinweis, dass sich Männer seltener aufgrund von psychischer Belastung eine Krankschreibung „erlauben“. Finden sie über längere Zeit keine Hilfe, kann das Suizidrisiko steigen - hier machen Männer mit fast 70 Prozent einen überdurchschnittlichen Anteil aus.
„Im Volksmund gelten Männer als „starkes Geschlecht“ und per se als leistungsfähig und gesund“, heißt es in einer Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums. Doch die Zahl psychischer Erkrankungen steige. Dies werde häufig auf gesellschaftlich geprägte, geschlechtsspezifische Zwänge der Arbeitswelt zurückgeführt. Finanz- und Wirtschaftskrisen etwa führten vor allem bei Männern zu seelischen Belastungen, Burn-outs oder Depressionen.
Hinweise beachten
Warnsignale könnten schlechter Schlaf über längere Zeit, exzessiver Sport oder hoher Alkoholkonsum sein oder wenn man sich in Arbeit stürze, sagt Piekorz. Gerade Männer neigten zum Schweigen oder zögen sich zurück. Viele ignorierten dies eine ganze Weile. „Das ist fahrlässig.“
Exzessiver Alkohol-Konsum kann ein Warnsignal sein. (Symbolbild)Robert Michael/dpa
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Die Psychologin vergleicht das mit der Motorkontrollleuchte im Auto: „Wenn die aufleuchtet, würden viele Menschen recht zeitnah in die Werkstatt fahren und nachgucken lassen, was los ist“, sagt sie. „Doch die eigenen mentalen Warnzeichen schieben viele Männer erstaunlich lange beiseite, funktionieren weiter.“ Irgendwann aber stehe man auf dem Seitenstreifen, nichts gehe mehr.
Ihre Faustregel: „Wenn Belastungssymptome nicht mehr weggehen, andere einen darauf ansprechen oder Erholungszeiten zum Beispiel im Urlaub oder am Wochenende nicht mehr erholsam sind, dann wäre es gut, sich professionelle Unterstützung zu holen und genauer hinzuschauen.“
„Hat sehr geholfen“
Schauspieler Luding war klar, dass er externe Hilfe brauchte. „Ich bin kein Mensch, der andere gern belastet.“ Sich an Freunde oder Familie zu wenden, sei ausgeschlossen gewesen.
Auch sei aus dem Kreis niemand objektiv. „Ich wollte kein Verständnis für mein Leben, sondern eine Anleitung, wie ich da rauskomme“, sagt er. „Da musste jemand her, der einen überhaupt nicht kennt und keine Manschetten hat, Fragen zu stellen, Themen anzusprechen.“
Männer ziehen sich bei Belastung oft zurück und machen Dinge mit sich selbst aus. (Symbolbild) Daniel Karmann/dpa
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Psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei kein Zeichen von Schwäche oder eine Niederlage, betont Piekorz. Es gehe um Selbstverantwortung für das eigene Leben, die eigene Gesundheit. „Und so ein Perspektivwechsel kann ja durchaus sehr männlich und stark sein, dass man sich selbst anders bewertet.“
Luding bezeichnet die anderthalb Jahre Therapie als gute und wichtige Erfahrung. „Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe. Es hat sehr geholfen zu wissen, welche Sachen aus Prägung kommen und welche aus Erfahrung.“ Er werde sich sicher wieder Hilfe holen: „Immer wenn ich merke, der Berg kommt auf mich zu, werde ich das Gespräch suchen.“
Die Psychologin Katharina Piekorz---/Rebecca Fotografie/dpa
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