Koranlehrer soll Jungen in Wohnheim schwer missbraucht haben
Ein Koranlehrer soll seine Autorität missbraucht und Jungen in einem Schülerwohnheim sexuell missbraucht und körperlich misshandelt haben. Die Schmerzen der Opfer hätten ihn belustigt, so die Anklage.
Der sogenannte Hoca ist wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht.Stefan Puchner/dpa
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Als Koranlehrer in einem Schülerwohnheim ist er eine Respektsperson gewesen - genau diese Autorität soll ein 35-Jähriger ausgenutzt haben, um sich an mehreren Jungen zu vergehen. Vor dem Landgericht Ellwangen steht der islamische Lehrer wegen teils schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Vergewaltigung.
Er soll die Kinder und Jugendlichen in seiner Funktion als sogenannter Hoca in Giengen an der Brenz unter anderem zum Oralverkehr gezwungen haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der deutsche Staatsbürger mit türkischen Wurzeln zwischen 2021 und 2024 insgesamt 27 Straftaten begangen haben. Vor Gericht zugelassen wurden 26 Fälle.
Mit gemeinsamen Filmabenden ins Büro gelockt
Laut Anklage handelt es sich bei den Opfern um acht Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren. Die Vorwürfe reichen von schwerem sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen bis hin zu Vergewaltigung und Körperverletzung.
Der verheiratete Mann soll die Jungen unter anderem mit gemeinsamen Filmabenden in sein Büro gelockt und dort mehrfach missbraucht haben. Er habe sie zu Massagen und sexuellen Handlungen gezwungen, so die Staatsanwältin. Dabei soll er seine Stellung als religiöse Autorität betont und ausgenutzt haben. Er habe seine Macht als Hoca ausgenutzt und so die Kinder und Teenager zum Schweigen gebracht.
Kinder bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt
Angeklagt sind auch Misshandlungen der Jungen. Einzelne Kinder und Jugendliche sollen den Vorwürfen nach teils bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt worden sein. Der gelernte Erzieher soll den Jungen laut Anklage Schmerzen zugefügt und sich daran belustigt haben. Er soll sein Handy und einen Schlüsselbund nach den Jungen geworfen haben.
In einem Fall soll er einem Jungen Kopfrechenaufgaben gestellt haben in einem Freizeitraum und ihm bei falschen Antworten ein bis zwei Minuten lang die Luft abgeschnürt haben. Er habe sich am Leid des Opfers erfreut, sagte die Staatsanwältin.
Der 35-Jährige war als Hoca in der Einrichtung. Stefan Puchner/dpa
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Der Mann sitzt seit Mitte Januar in Untersuchungshaft. Zum Prozessauftakt kündigte seine Verteidigerin an, dass er sich zu den Vorwürfen äußern werde - allerdings tat er dies unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Heimleiter erstattet Anzeige
Anzeige gegen den Angeklagten hatte der Leiter des Wohnheims erstattet, der von einer besorgten Mutter kontaktiert worden war. Es sei um eine verdächtige Whatsapp-Nachricht auf dem Handy des Sohnes gegangen, die er an die Polizei weitergeleitet habe, sagte er vor Gericht.
Er habe mit einem/dem betroffenen Jungen gesprochen, der ihm von mehrfachem Oralverkehr, Massagen und Gruselfilmen berichtet habe. Er habe es nicht glauben wollen. „Ich habe nichts persönlich gesehen und gehört.“
Kinder sollen keine Angst haben
Die Angst der Kinder vor dem Angeklagten und seine Strenge seien dagegen schon Thema gewesen. Er habe ihn darauf angesprochen. „Natürlich muss man auch mal Schimpfen, das ist klar. Aber die Kinder sollen keine Angst vor uns haben.“ Einen Schlüsselwurf nach einem Kind habe er gesehen.
In der Schule hätten die Kinder täglich Religionsunterricht, den Schülern sei unter anderem Koranlesen beigebracht worden. Es sei um die Vermittlungen religiöser Normen und Werte gegangen und wie man sich richtig verhalte. Jeder Hoca habe seine eigene Gruppe gehabt. „Ein Hoca ist ein Religionslehrer auf Türkisch.“ Private Treffen oder Ausflüge seien nicht vorgesehen.
Ein Jugendbeauftragter des Schulträgers berichtete, dass der Angeklagte die Tatvorwürfe vor ihm eingeräumt habe. Er habe danach Hausverbot bekommen und sei gekündigt worden. Das Schülerwohnheim ist nach den Vorfällen geschlossen worden.
Bruder eines Opfers: „Meine Eltern haben geweint“
Der Bruder eines der Opfer gab vor Gericht an, dass seine Familie „baff“ gewesen sei, nachdem sie von den Vorwürfen gehört habe. „Meine Eltern waren sehr traurig, sie haben geweint, sie waren erschüttert“, sagte der 26-Jährige. Auch ihm sei es „sehr sehr schlecht“ gegangen. „Ich wusste nicht, wie ich diese Situation handhaben soll.“ Bei seinem neun Jahre jüngeren Bruder habe er eine Scham gesehen, so der Student weiter, der vor Jahren selbst in dem Wohnheim untergebracht wurde.
Sein Bruder habe berichtet, dass - ohne dass er es gewollt habe - sexuelle Handlungen mit dem Hoca stattgefunden hätten. „Es ging ihm sehr schlecht psychisch.“ Weiter sagte er: „Ich konnte es nicht fassen.“ Er habe sich am selben Abend an eine Opferschutzorganisation gewandt und sei danach mit seiner Familie zur Polizei gegangen.
Der Teenager sei direkt aus dem Schülerwohnheim abgemeldet worden und besuche mittlerweile eine Schule am Wohnort der Eltern. „Er hat immer noch eine gewisse Scham.“ Der Schüler wurde für den kommenden Montag als Zeuge geladen.
Für den Prozess sind sieben weitere Verhandlungstage angesetzt worden. Die Kinder werden im Verfahren vermutlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen. Ein Urteil könnte im Mai fallen.
Er sitzt seit Januar in Untersuchungshaft. Stefan Puchner/dpa
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