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Gießener Irrfahrt vor Gericht - „Es tut mir leid, herzlich“

Ein Wagen rast durch Gießen, mehrere Menschen werden verletzt – jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht. Er soll in einer Psychose gehandelt haben. Und macht teils wirre Angaben.

02.09.2026

Zum Auftakt der Hauptverhandlung befragte die Vorsitzende Richterin den Beschuldigten.Christine Schultze/dpa

Zum Auftakt der Hauptverhandlung befragte die Vorsitzende Richterin den Beschuldigten.Christine Schultze/dpa

© Christine Schultze/dpa

Bei einer Irrfahrt mit einem Auto werden kurz vor Weihnachten 2025 in Gießen mehrere Menschen verletzt - jetzt hat vor dem Landgericht die Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Täter begonnen. Die ihm zur Last gelegte Tat stritt der 33-Jährige bei seiner Befragung zwar nicht ab und äußerte auch mehrfach sein Bedauern gegenüber den Opfern - er machte aber zugleich wirre Angaben zu den Hintergründen der Chaosfahrt und seiner Lebensgeschichte.

Psychose als Auslöser? 

Zum Tatzeitpunkt soll der Beschuldigte unter einer akuten Psychose gelitten haben, die nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft Auslöser für die Irrfahrt gewesen sein dürfte. In dem Sicherungsverfahren will sie erreichen, dass der Beschuldigte dauerhaft in einer Psychiatrie untergebracht wird. 

Am Abend des 22. Dezembers 2025 soll der nicht vorbestrafte Mann zunächst in seinem Auto mit einem anderen Fahrzeug zusammengestoßen sein. Danach soll er auf die Gegenspur gewechselt und mit überhöhter Geschwindigkeit gezielt auf einen geparkten Wagen aufgefahren sein, der durch den Aufprall in Richtung einer Bushaltestelle geschleudert wurde. 

Passantin erlitt zahlreiche Knochenbrüche

Dort soll das Auto eine Passantin erfasst haben, die schwer verletzt wurde. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der heute 33-Jährige ihren Tod zumindest billigend in Kauf genommen habe - die Frau hatte zahlreiche Knochenbrüche erlitten und musste zeitweise in ein künstliches Koma versetzt werden. In dem Verfahren tritt sie als Nebenklägerin auf. 

Danach soll der Mann teils über den Gehweg weitergefahren sein und zwei weitere Menschen leicht verletzt haben. Nachdem er mit dem Wagen noch gegen ein geparktes Auto geprallt sein soll, wurde er schließlich festgenommen. 

„Ich habe Mitgefühl, von ganzem Herzen“

„Es tut mir leid, herzlich“, sagte der in Aserbaidschan geborene Mann, dessen Aussagen teils durch einen Dolmetscher übersetzt wurden. „Ich habe Mitgefühl, von ganzem Herzen, wegen dem Geschehenen.“ Er habe Jura studiert und zeitweise als Staatsanwalt gearbeitet. Während der Autofahrt am Tatabend habe er einen Herzinfarkt gehabt und seine linke Seite nicht mehr fühlen können. 

In diesem Zustand hätte er nicht mehr Auto fahren, sondern den Notruf wählen sollen, sagte der Mann, der nach eigenen Angaben auch eine Freundin und einen gemeinsamen Sohn hat. Sein Vater sei Chirurg und habe ihn selbst schon einmal in seiner Heimat am Herzen operiert. Er habe eigentlich zu einem Krankenhaus fahren wollen, dann aber die Kontrolle verloren. Er erinnere sich nur an den Moment, als die Polizei ihn aus dem Auto holen wollte. Das Fahrzeug habe einem Freund gehört, dem er es zuvor verkauft habe. Von den Folgen der Irrfahrt habe er erst durch ein Schreiben erfahren, das ihm zugestellt worden sei. 

Staatsanwaltschaft schätzt Beschuldigten als gefährlich ein

Die Staatsanwaltschaft legt dem Beschuldigten versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr zur Last. Die Tat soll der 33-Jährige laut Staatsanwaltschaft im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen haben. Sie geht auch davon aus, dass von ihm eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht, wie Staatsanwalt Tom Bayer sagte. 

Derzeit ist der Beschuldigte in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Sein Arzt habe ihm gesagt, dass er eine Psychose habe, erklärte der 33-Jährige. „Ich merke das nicht.“ Er nehme täglich Medikamente. 

Verteidiger: Kein Zweifel am Geschehen

Sein Verteidiger Philipp Kleiner erklärte zum Auftakt der Verhandlung, man habe „nicht den geringsten Zweifel“, dass sich das Geschehene so zugetragen habe, wie in der Antragsschrift geschildert. Zugleich wandte er sich an die bei der Chaosfahrt schwer verletzte Nebenklägerin. „Das, was Ihnen zugestoßen ist, dieses traumatische Erlebnis, wir können das gar nicht in Worte fassen, wie sehr uns das für Sie leidtut“, sagte der Verteidiger.

Die Hauptverhandlung in Gießen soll am 17. September (9.00 Uhr) mit der Befragung eines verkehrstechnischen Sachverständigen und einer Rechtsmedizinerin fortgesetzt werden.